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Forschung - 14.10.2026 - 09:00 

Mehr Umsatz, weniger CO₂: Können Unternehmen Wachstum und Klimaschutz entkoppeln?

Unternehmen können ihren Umsatz steigern und gleichzeitig ihre absoluten CO₂-Emissionen senken. Davon ist Rolf Wüstenhagen, HSG-Professor für Management erneuerbarer Energien, überzeugt. Einfach ist das allerdings nicht in jeder Branche. Im Interview erklärt er, wo die grössten Hürden liegen.

Der Hitzesommer 2026 hat die Klimadebatte in der Schweiz neu belebt. Der Tages-Anzeiger fragte Ende September, ob die aussergewöhnliche Hitze zu mehr Klimaschutz motiviert; SRF berichtete über die anschliessende Debatte im Nationalrat und die Frage, mit welchen Technologien die Schweiz ihre Wirtschaft dekarbonisieren kann. Für Unternehmen stellt sich damit eine grundsätzliche Frage: Wie lassen sich wirtschaftlicher Erfolg und sinkende CO2-Emissionen miteinander vereinbaren? Eine Frage, mit der sich an der Universität St.Gallen auch die Studierenden des von Rolf Wüstenhagen geleiteten Zertifikatsprogramms Managing Climate Solutions (MaCS-HSG) befassen.  

Kann ein Unternehmen seinen Umsatz steigern und gleichzeitig seine CO2-Emissionen senken? 

Prof. Dr. Rolf Wüstenhagen: Grundsätzlich ja. Wie einfach die Entkopplung gelingt, hängt vom Geschäftsmodell ab. Für einen Öl- und Gasproduzenten ist sie schwieriger, weil der Umsatz davon abhängt, wie viel Öl und Gas verkauft wird. Bei einem Dienstleistungsunternehmen ist die Entkopplung dagegen vergleichsweise einfach, wenn die Emissionen vor allem aus der Heizung und Kühlung der Gebäude stammen. Die Heizung lässt sich beispielsweise durch eine Wärmepumpe ersetzen. 

Was soll ein Ölkonzern denn machen? 

Ein gutes Beispiel ist Ørsted, früher bekannt als Danish Oil and Natural Gas Company (DONG). Das Unternehmen hat sich neu erfunden, seine alten fossilen Anlagen verkauft und das Geld in erneuerbare Energien investiert. Das ist ein konsequenter Schritt: raus aus der einen Branche und hinein in eine andere. 

Prof. Dr. Rolf Wüstenhagen

In welchen Branchen ist die Entkopplung von Umsatz und CO2 ebenfalls besonders schwierig? 

Für die Luftfahrt stellt die Entkopplung von Umsatz und CO2-Ausstoss eine grosse Herausforderung dar. Ihr Geschäft beruht auf der Verbrennung grosser Mengen von Kerosin – beispielsweise rund 1,8 Milliarden Liter pro Jahr allein bei der Luftgesellschaft Swiss. Je mehr geflogen wird, desto höher sind die CO2-Emissionen. Die technischen Lösungen, um Kerosin durch einen anderen Treibstoff zu ersetzen, sind noch nicht marktreif. Das stellt das Geschäftsmodell infrage.

Und in anderen Branchen? 

In anderen Bereichen gibt es Lösungen. Auf dem Zürichsee etwa werden Schiffe umgerüstet und Dieselmotoren durch Elektromotoren ersetzt. Speditionen können mit Elektro-Lkw ihre CO2-Emissionen senken und sich gleichzeitig unabhängig von hohen Ölpreisen machen. Bei Gebäuden gibt es ebenfalls wettbewerbsfähige Technologien. Heute ist es möglich, fossilfrei zu heizen und zu kühlen und zusätzlich Solarstrom auf dem Dach zu erzeugen.

Auch im öffentlichen Verkehr gibt es konkrete Beispiele für diesen Wandel. In St.Gallen etwa läuft die Umstellung von Bussen auf Elektroantrieb. Das Stadtparlament hat sich mit 52 zu 8 Stimmen für zusätzliche Elektrobusse ausgesprochen. Die Stimmbevölkerung der Stadt wird voraussichtlich im November darüber befinden. Solche Umstellungen zeigen, dass die Entkopplung von wirtschaftlichem Erfolg und CO2-Emissionen nicht nur eine Frage abstrakter Klimaziele ist, sondern zunehmend auch den Alltag von Unternehmen betrifft. 

Welche Rolle spielen die indirekten Emissionen, die sog. Scope-3-Emmissionen, welche bei Lieferanten oder beim Kunden entstehen? 

Das ist eine Knacknuss. Bei vielen Unternehmen entsteht ein grosser Teil der Emissionen in der vor- oder nachgelagerten Wertschöpfungskette. Diese Emissionen sind schwieriger zu beeinflussen. Man hat sie nicht so direkt unter Kontrolle wie etwa die Heizung auf dem eigenen Werksgelände. 

Welche Optionen haben Unternehmen hier? 

Nehmen wir als Beispiel die Automobilbranche. Hier entstehen die meisten Emissionen bei den Kundinnen und Kunden. Doch die Autohändler können ihren Kunden beispielsweise Elektromobilität stärker schmackhaft machen und damit ihre Emissionen beeinflussen. 

Und wenn die Emissionen hauptsächlich bei den Zulieferern entstehen? 

Bei den Lieferanten ist das nachhaltigste Produkt nicht immer auch das günstigste. Wenn man Nachhaltigkeitskriterien anlegt, zahlt man vielleicht etwas mehr, spart aber oft eine Risikoprämie ein. Durch die Einführung eines internen CO2-Preises haben einige Unternehmen einen Weg gefunden, diese Risikoreduktion auch quantitativ abzubilden. 

Ist es für die meisten Unternehmen überhaupt möglich, klimaneutral zu werden? 

Für die weit überwiegende Mehrheit der Unternehmen ist das möglich. Besonders anspruchsvoll ist es für Konzerne wie BP und Shell, deren Geschäft direkt mit fossilen Brenn- und Treibstoffen verbunden ist. Sie haben schon mehrfach versucht zu diversifizieren. Doch sie bekunden Mühe damit, in den neuen Geschäftsbereichen die gleichen Renditen zu erzielen. Das macht den Wandel schwieriger, wenn Aktionäre vor allem auf kurzfristige Gewinne schauen. 

Besteht bei einer solchen kurzfristigen Ausrichtung auch das Risiko, dass Unternehmen den Anschluss an die Transformation verpassen? 

Das Risiko besteht. Das sieht man bei den deutschen Automobilfirmen. Sie haben sich so lange gegen den Wandel gewehrt, dass sie nun kaum noch mit der chinesischen Konkurrenz mithalten können. Ein weiteres Risiko betrifft den gesamten Markt. Der damalige Gouverneur der Bank of England und heutige kanadische Premierminister Mark Carney warnte bereits 2015 vor einer möglichen Finanzkrise durch eine Überbewertung fossiler Anlagen. Solange das Geschäft profitabel ist, vernachlässigen die Marktteilnehmer die Klimarisiken. Ändern sich die Rahmenbedingungen, könnten diese Anlagen stark an Wert verlieren. 

Wie bewerten Sie CO2-Reduktionen, die primär durch Ökostrom-Zertifikate oder Aufforstungsprojekte erreicht werden? 

Erneuerbare Energien zu verwenden, und Bäume zu pflanzen, ist grundsätzlich eine gute Idee. Die grossen Preisdifferenzen auf dem Markt für freiwillige CO2-Zertifikate werfen aber die Frage auf, ob die damit verbundenen Risiken richtig eingepreist werden. Der Klimawandel beeinflusst auch die Wälder. Beim Vergleich verschiedener Methoden zur CO2-Minderung oder -Entnahme gehen die Meinungen der Investoren ebenfalls noch weit auseinander. Versteht man wirklich, wie lange eine Massnahme wirkt und wie hoch das Risiko ist, dass sie nicht so funktioniert, wie man es sich vorgestellt hat? 

Ist es realistisch, dass die Schweiz ihre Wirtschaft in den kommenden 20 Jahren deutlich wachsen lässt und gleichzeitig die absoluten CO2-Emissionen deutlich senkt? 

Erreichbar sind die Ziele schon. Doch die Politik sendet derzeit widersprüchliche Signale. Trotzdem entscheiden sich viele Kundinnen und Kunden weiterhin für klimafreundliche Produkte. 

Haben wir heute die Technologien, um diese Klimaziele grundsätzlich zu erreichen? 

Davon bin ich überzeugt. In vielen Bereichen sind klimafreundliche Lösungen bereits so wettbewerbsfähig, dass sich der Trend nicht mehr umkehren lässt. Fast alle, die auf ein Elektroauto umgestiegen sind, möchten nicht mehr zurück. Dasselbe gilt für Solaranlagen und Wärmepumpen. Trotz politischem Gegenwind wird sich dieser Trend langfristig fortsetzen. 

Sind Sie also optimistisch? 

Ja. 


Das Interview führte Michael Bolzli von awp Finanznachrichten. Es ist am 12. Oktober 2026 erschienen. 

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