Forschung - 04.08.2026 - 09:45
Aktuelle und objektive Daten zu wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Themen können unter Umständen schwer zu beschaffen sein. Ein Forscherteam am Institute of Responsible Innovation, Sustainability and Energy der Universität St.Gallen (RISE-HSG) nutzt daher Satellitendaten, um Wissenslücken in der Entrepreneurship-Forschung zu schliessen.
Mithilfe von Satellitendaten haben Prof. Dr. Charlotta Sirén, Assoziierte Professorin für Management am RISE-HSG, und ihr Team Erkenntnisse zu Themen gewonnen, die oft schwer zu untersuchen sind, weil sie mit Interessenkonflikten verbunden sind oder weil logistische Schwierigkeiten die zeitnahe Verfügbarkeit von Daten verhindern. Während sich frühere Projekte des Teams mit den Auswirkungen der Covid-Krise auf die wirtschaftliche Aktivität in China sowie mit den ungewollten Nebenwirkungen von Zertifikaten für Palmölplantagen befassten, untersucht ihre jüngste Forschung die Auswirkungen staatlicher Interventionen auf das informelle Unternehmertum in Slums in Indien.
Der Zugang zu verlässlichen Daten für Recherchen zu solch potenziell kontroversen Themen kann eine grosse Herausforderung darstellen: «Bei all diesen Projekten untersuchen wir sensible Themen, sodass entweder keine Daten vorliegen oder Unternehmen nicht bereit sind, Daten offenzulegen», sagt Sirén. Warum sollte beispielsweise ein Palmölunternehmen, das in die Einhaltung von Nachhaltigkeitszertifikaten investiert, Daten bereitstellen, die der beabsichtigten Wirkung der Kennzeichnungen widersprechen könnten? Das Problem beschränkt sich jedoch nicht nur auf Unternehmen: «Selbst staatliche Statistiken sind nicht immer zuverlässig, da die Anreize, keine verlässlichen Zahlen zu melden, recht hoch sind. Indien gibt beispielsweise nicht an, wie viele Slums es im Land gibt. Oder wir wissen aus China, dass dort einige BIP-Kennzahlen revidiert werden mussten, weil die Zahlen vor einigen Jahren künstlich überhöht worden waren», erklärt sie.
Logistik, Zeit und Geografie sind weitere Herausforderungen, bei denen Satellitendaten echte Vorteile bieten können. Während es Jahre dauern kann, Daten zu demografischen, wirtschaftlichen oder sozialen Entwicklungen in einem Land zu erheben und zusammenzustellen, können Satellitendaten nahezu täglich zur Verfügung gestellt werden. Sirén veranschaulicht das Problem: «Behördliche Statistiken erhält man vielleicht einmal im Jahr oder einmal alle fünf Jahre. Aber die Welt lebt im Hier und Jetzt. Mit Satellitendaten kann man fast täglich oder wöchentlich erfassen, was geschieht.» Zudem ist die Datenerhebung mit herkömmlichen Methoden über grosse geografische Gebiete hinweg aufgrund der damit verbundenen komplexen Logistik fehleranfällig. Dr. Michael Hudecheck, Postdoktorand in RISE-HSG, erklärt: «Eines der Probleme der indischen Bundesregierung besteht darin, dass die ihr vorliegenden Informationen von den einzelnen Bundesstaaten gemeldet werden. Und natürlich bleibt immer die Frage offen, was tatsächlich vor Ort geschieht und ob die Daten wirklich korrekt sind.»

Nicht-kommerzielle Satellitendaten sind zudem kostengünstig. Sie sind über Institutionen wie die Europäische Weltraumorganisation frei verfügbar und werden zunehmend in gebrauchsfertigen Formaten bereitgestellt: Während die Daten früher eine intensive Aufbereitung durch die Forscher selbst erforderten, bereinigen und organisieren die Behörden nun den Grossteil der Daten intern, bevor sie diese der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Dies macht die Nutzung von Satellitendaten für die Forschung noch einfacher. «Da das Satellitensystem eine milliardenschwere Investition der Regierungen darstellt, werden die Daten für Forscher viel leichter zugänglich und besser nutzbar gemacht, um den Nutzen dieses Systems zu steigern. Ich würde also sagen, dass die Hürde für den Start eines neuen Projekts mit dieser Methode heute viel niedriger ist als noch vor sieben Jahren», sagt Sirén.
Öffentlich zugängliche Daten sind aus ethischer Sicht besonders wichtig, wenn es um die Untersuchung besonders vulnerabler Bevölkerungsgruppen geht. Dr. Nina Zachlod, die 2025 ihr Doktorat in Siréns Team abgeschlossen hat und nun als Postdoktorandin an der Universität Genf tätig ist, erklärt, dass dies eine zentrale Überlegung im Projekt zum informellen Unternehmertum in indischen Slums war: «Wenn wir von einem Ort wie der Schweiz aus diese Kontexte untersuchen, ist es wichtig, dass wir Daten verwenden, die in den von uns untersuchten Teilen der Welt genauso zugänglich sind wie hier bei uns.»
Dennoch sind weitere Informationsquellen erforderlich, da bestimmte Aspekte allein anhand visueller Daten nicht ausreichend erfasst werden können. Die Forschung zum informellen Unternehmertum veranschaulicht dies. Eine zentrale Unterscheidung im Projekt ist die zwischen formalem und informellem Unternehmertum – eine Kategorisierung, die sich anhand visueller Hinweise nicht ohne Weiteres vornehmen lässt. Die Lösung für dieses Problem liegt in der Kombination von Satellitendaten mit Geodaten. Sirén erklärt: «Können wir Unternehmer nachverfolgen? Nein, das können wir nicht. Aber wir können die Infrastruktur nachverfolgen. Und wir nutzen andere Datenquellen, zum Beispiel von Google, um zu erfassen, wo sich Strassenhändler befinden und welche anderen infrastrukturellen Veränderungen es gibt, um zu verstehen, wie sich das Slumgebiet im Laufe der Zeit entwickelt hat.»
Umfragen können ebenfalls eine wertvolle Ergänzung darstellen, wie Zachlod verdeutlicht: «Die Geodaten zu den Unternehmen geben Aufschluss über die Art des Unternehmens, sagen aber nichts darüber aus, ob das Unternehmen bei den Behörden registriert ist. Wir verfügen jedoch über Umfragedaten zur Formalität und Informalität aus den World Bank Enterprise Surveys. Auf dieser Grundlage konnten wir Näherungswerte ableiten.» Anhand dieser Werte konnte das Team einzelne Unternehmen eher dem formellen oder dem informellen Sektor zuordnen.

Mit dem Projekt zum informellen Unternehmertum in indischen Slums wollen das Team und dessen Forschungspartner von der Jawaharlal-Nehru-Universität in Neu-Delhi und der North-Eastern Hill University in Shillong, Indien, Best Practices für den Umgang mit informellem Unternehmertum entwickeln. Regierungen befinden sich in einem Paradoxon der Wertschöpfung: Informelle Unternehmer tragen wesentlich zur wirtschaftlichen Aktivität, zur Entwicklung und zum BIP Indiens bei. Allerdings zahlen sie keine Steuern. Regierungen könnten daher versucht sein, ihre Tätigkeit zu formalisieren oder zu unterbinden. Dies wiederum könnte die Entwicklung dieser Unternehmen einschränken. «Aus gesellschaftlicher Sicht läuft es letztlich auf die Frage hinaus: Ist es sinnvoll, jedes informelle Unternehmen zu formalisieren, insbesondere in diesen Slumgebieten, diesen sehr vulnerablen und marginalisierten Bevölkerungsgruppen?», erklärt Zachlod. «Wollen wir all die positiven Auswirkungen verhindern, die das informelle Unternehmertum mit sich bringt – für die Unternehmer, ihre Familien und die Gemeinden, in denen sie tätig sind? Oder betrachten wir es als etwas, für das das vorrangige Ziel ist, es florieren zu lassen, und sehen darin einen Motor für Entwicklung und Armutsbekämpfung in diesen Gemeinden?»
Welche Rolle spielen räumliche Faktoren und Satellitendaten? Viele staatliche Massnahmen in Slumgebieten haben räumliche Auswirkungen: Architektonische Entwicklungen sowie der Ausbau von Infrastruktur sind sichtbare Veränderungen. «Was passiert zum Beispiel, wenn die Regierung variabel nutzbare Wohnräume abreisst, in denen informelle Unternehmer ihre Läden betreiben können, und diese stattdessen durch Hochhäuser ersetzt? Diese Gebäude verfügen zwar über fliessendes Wasser, sanitäre Einrichtungen und Strom, aber dadurch kann diesen Unternehmern auch ihre einzige Einkommensquelle entzogen werden», sagt Zachlod. Darüber hinaus könnte die Einrichtung formeller Institutionen in der Nähe das informelle Unternehmertum beeinflussen: «Wenn beispielsweise eine Polizeistation in einem Gebiet eingerichtet wird, hat dies Auswirkungen auf die Unternehmer in diesem Gebiet. Die Distanz macht einen Unterschied.» Das Team berücksichtigte Kontrollinstitutionen wie Polizeiwachen und Behörden, aber auch unterstützende Einrichtungen – wie Krankenhäuser oder Schulen –, von denen es annahm, dass sie die Entwicklung des informellen Unternehmertums fördern würden. Hier kommen Satellitendaten ins Spiel: Sie werden zur räumlichen Kartierung und Distanz-Analyse eingesetzt, um den räumlichen Einfluss dieser Einrichtungen auf informelle Wirtschaftsaktivitäten zu untersuchen.
Was hat das Projekt herausgefunden? Das Team stellte fest, dass sich das informelle Unternehmertum in Gebieten konzentriert, die am weitesten von institutioneller Präsenz entfernt sind – und zwar unabhängig von der Art der Institution. Einfach ausgedrückt: Je weiter ein Unternehmen von Institutionen wie Polizeistationen, Gerichten, Schulen und Krankenhäusern entfernt ist, desto wahrscheinlicher handelt es sich um eine Form informeller Wirtschaftsaktivität. «Es ist nicht so, dass eine Art von Institution gut und die andere schlecht ist. Stattdessen beobachten wir einen allgemeinen Zusammenhang mit der Entfernung, unabhängig von der Art der Institution», erklärt Zachlod.
Als nächsten Schritt strebt das Team eine Zusammenarbeit mit lokalen Behörden und Entscheidungsträgern an, um Massnahmen zu entwickeln. «Unser Hauptziel ist es, sicherzustellen, dass politische Entscheidungsträger sowohl die Rolle des informellen Unternehmertums verstehen als auch erkennen, wie es mit dem Einsatz formeller Institutionen zusammenhängt. Letztendlich hoffen wir, gezieltere politische Massnahmen ableiten zu können, die sowohl die Entwicklung der informellen Unternehmer als auch die wirtschaftliche Entwicklung fördern», fasst Zachlod zusammen.
