Campus - 02.09.2026 - 10:00
Als Seelsorger war Thomas Reschke auch in Randzeiten für die HSG-Angehörigen da. Etwa damals, als eine Studentin morgens um 3 Uhr bei ihm klingelte und Trost suchte, weil ihre Katze gestorben war. Oder über Weihnachten, als er eine Gruppe Studierender intensiv betreute, die den Suizidversuch eines Freundes miterlebt hatten. «Wichtig war mir immer, dass bei mir alle willkommen sind – unabhängig von ihren Hintergründen, ihrem Glauben und ihrer Leistung», sagt Reschke. Nach 25 Jahren als katholischer Universitätsseelsorger wird er die HSG Ende 2026 verlassen.
Doch bevor es so weit ist, hat der 63-Jährige noch einiges zu tun: So gestaltet er beispielsweise pro Jahr 20 bis 30 Hochzeiten von aktuellen oder ehemaligen HSG-Angehörigen. «Die späteren Taufen von Kindern kommen dazu, das ist jeweils die grösste Freude», sagt Reschke. Mehrere studentische Vereine planen zudem im Herbstsemester 2026 Abschiedsfeiern für ihn, eine davon wird den Titel «Das letzte Ma(h)l» tragen. «Für meinen Beruf passend und originell», sagt Reschke lachend. Das alles zeigt: An der HSG ist er beliebt und verwurzelt.
Geschafft hat sich «Camillo», wie Reschke als Ehrenmitglied von drei Studentenverbindungen genannt wird, diesen Status mit unzähligen Gesprächen und Begegnungen. Er kenne schätzungsweise 500 der rund 10'000 HSG-Studierenden mit Vornamen, sagt er und sei an vielen Anlässen präsent. Während des Semesters laden Reschke und seine Frau Petra zudem wöchentlich zum Lunch mit Gästen ins Akademikerhaus ein.
So heisst das Jugendstilhaus in der Nähe des HSG-Campus, das Reschke als katholischer Uniseelsorger bewohnt. Hier wuchsen seine vier Kinder auf – und hier treffen Gäste aus Politik, Kultur und Wissenschaft wöchentlich auf HSG-Studierende. Bei einem Mittagessen wird offen diskutiert, es gelten die «Chatham-House-Regeln»: Was hier gesagt wird, bleibt hier drin.
Daneben gestaltet Reschke Gottesdienste und Anlässe wie Waldweihnachten oder Wanderungen. Ausserdem hält er, der Theologie, Germanistik, Philosophie und Pädagogik in Münster studiert hat, jedes Semester ein bis zwei öffentliche Vorlesungen zu theologischen und religiösen Themen. Seine letzte öffentliche Vorlesung im Herbst 2026 trägt den Titel «Was zählt im Leben». Und parallel dazu ist Reschke auf Instagram und WhatsApp präsent – «man muss die Studierenden erreichen können», sagt er dazu.
Im Zentrum seines Berufs als Uniseelsorger stehen aber die Einzelgespräche mit ganz verschiedenen Menschen. «Diese Begegnungen machen meinen Beruf so interessant, gleichzeitig gibt mir das Feedback von Menschen, denen ich helfen konnte, viel Energie», sagt er. Zu ihm kommen beispielsweise Studierende, die unter Druck stehen oder sich die Sinnfrage stellen. Einmal wollte ein Student kurz vor dem Masterabschluss sein Studium hinschmeissen, um Priester zu werden. Reschke riet ihm: «Mach dein Diplom, du kannst auch nachher noch entscheiden.» Heute ist der ehemalige Student Diakon. Aber auch Dozierende mit Beziehungsproblemen suchten schon seinen Rat.
Die HSG sei in den 25 Jahren seiner Tätigkeit grösser, internationaler und professioneller geworden: 2001 waren es knapp 5000 Studierende, heute doppelt so viele. «Der Druck auf junge Menschen ist in unserer Zeit aber ebenfalls gewachsen. Man kann heute mit 23 einen beeindruckenden Lebenslauf haben und sich trotzdem völlig verloren fühlen», sagt Reschke. Und fügt an: «Ich denke, es braucht Orte des offenen Austausches, an denen man ohne Leistungsdruck Mensch sein kann, heute umso mehr.»
«Wenn ich den Studierenden etwas mitgeben wollte, dann nicht fertige Antworten, sondern die Erlaubnis, die grossen Fragen ihres Lebens wirklich zu stellen. Gerade an einer Universität sollte Religion nicht das Denken beenden, sondern es erweitern», so der Diakon, der eng mit dem evangelischen HSG-Seelsorger Markus Anker zusammenarbeitet. So gestalten die beiden Seelsorger beispielsweise gemeinsam den Universitätsgottesdienst einmal pro Semester.
Sein Abschied Ende Jahr sei Teil eines natürlichen Rhythmus, sagt er. Er plant mit seiner Frau etwa, im Frühling 2027 mit dem Wohnmobil nach Skandinavien zu reisen. Zudem wird er vom grossen Pfarrhaus mit Garten in eine kleinere Wohnung in Wittenbach ziehen. In seinem Büro stehen ein 3D-Drucker und Elektronikteile liegen herum. Ein weiterer Plan für seinen neuen Lebensabschnitt: «Ich will mir einen eigenen Computer zusammenbauen.»
