Forschung - 26.06.2026 - 15:30
Ein Migrationsforscher aus Simbabwe, ein Politologe aus den USA, ein Konfliktforscher aus Sambia, eine Finanzwissenschaftlerin aus Holland, ein Politanthropologe aus Ungarn sowie ein Philosoph, eine Mediävistin und ein Wirtschaftshistoriker aus Deutschland kommen nach St.Gallen, um Freiheit neu zu denken. Was sich wie der umständliche Beginn eines Witzes anhört, ist die Essenz des St.Gallen Collegiums: Acht Forschende (Fellows) aus unterschiedlichen Disziplinen und Regionen sowie auf unterschiedlichen Karrierestufen, arbeiten während eines akademischen Jahres nicht nur an ihren eigenen Projekten, sondern machen sich auf eine gemeinsame Reise. Wo diese hinführen würde, liess ihnen das St.Gallen Collegium offen – nur müsse der Weg für andere nachvollziehbar, die Karte später für ein breites Publikum lesbar sein.
In Workshops unter der Leitung von Prof. em. Christoph Frei, der den Prozess moderierte, loteten die Fellows verschiedene Möglichkeiten aus, bis jemand den entscheidenden Impuls gab: In seiner Auseinandersetzung mit der venezianischen Geschichte studierte Wirtschaftshistoriker und Hans Christoph Binswanger-Fellow Dr. Andreas Lingg auch Cristoforo Buondelmontis «Liber insularum Archipelagi», das Buch der Inseln des Archipels, aus dem 15. Jahrhundert. Die Illustrationen des venezianischen Kolonialreichs brachte ihn auf die Idee, dass auch das Collegium ein Insularum gestalten könnte.

Die Insel als Denkfigur ist beliebt im utopischen Denken, als Projektionsfläche und Möglichkeitsraum. Das Collegium will sich indessen nicht wie Thomas Morus‘ «Utopia» von der Gegenwart lösen, sondern vielmehr dieser verpflichtet in die Zukunft (2050) denken. Die Reise der Fellows führte deswegen nach Toiva, einer Insel von der Grösse der Schweiz, nicht allzu weit vom Jetzt entfernt, aber ein Ort, in dem Freiheit neu gedacht wurde – wirtschaftlich, energie- und migrationspolitisch, gesellschaftsphilosophisch. Die Fellows blieben dabei ihren Kerngebieten treu, liessen sich aber auf neue Reisegefährten ein. So arbeitete SENN Fellow und Finanzwissenschaftlerin Prof. Tanja Artiga González mal mit dem Politologen Dr. Daniel Trusilo zu KI, mal mit dem Präsidenten des Beirats, Prof. em. Günter Müller-Stewens, zu Stakeholder-Management. Outreach Fellow Dr. Wolfram Eilenberger brachte seine Expertise als Heftgestalter und Gründer des Philosophie-Magazins ebenso ein wie seine Visionen zu einer neuen Art des Wirtschaftens und zur Zukunft der Hochschulbildung. Der Sanktgaller Art Director Fabian Rietmann setzte die Idee Toivas visuell um und gab ihr eine zeitgemässe Anmutung.
Das Resultat ist eine illustriertes, rund 120-seitiges Magazin, das Lust macht, sich mit den Ideen der Fellows auseinanderzusetzen. Toiva ist eine technokratische und zugleich humanistische Zukunftsvision. Die Lagune – weder Festland noch Meer –wird dabei zum Sinnbild der Wandelbarkeit im Wechselspiel der Gezeiten bzw. von Politik, Wirtschaft und Natur: Freiheit als etwas Veränderbares und nicht Dogmatisches, das sich den wechselnden Gegebenheiten anpassen muss. Eine Grundlage dafür bildet das Prinzip der «Kybernetischen Aufklärung»: Technische Werkzeuge wie Sensoren und Künstliche Intelligenz werden extensiv genutzt für Datenerfassung und -analyse, um Komplexität und Handlungsoptionen zu kartieren. Ziel ist es, willkürliche Entscheidungen zu vermeiden, die aus Unwissenheit oder auf Grundlage vereinfachter Modelle getroffen werden – nicht aber, politische Prozesse zu ersetzen. Die Debatten finden einfach auf Basis besserer Grundlagen und höherer Transparenz statt. Gemeinschaften agieren dabei als gleichberechtigte Akteure, die regelmässig den Zustand der Ressourcen bewerten und sich auf Regeln und Entscheidungen verständigen. Nicht das Individuum steht im Zentrum, vielmehr entsteht Identität durch Verbundenheit zur Gemeinschaft. Schliesslich schafft die Bepreisung freier Güter eine ökonomische Realität, die zur Nachhaltigkeit verpflichtet und die Grundlage für eine prosperierende Kreislaufwirtschaft schafft. In deren Zentrum stehen Firmen wie Laguna Inc., die in bester Tradition des St.Gallen Management-Modells einen elaborierten Stakeholder-Ansatz verfolgen.

Das erste Jahr des Collegiums endete am 31. Mai 2026, doch mit der Publikation des Magazins ist Toiva noch nicht Geschichte. «Das Bestechende an der Insel-Idee liegt darin, dass sie Raum für Wachstum und Weiterentwicklung zulässt», erklärt die scheidende akademische Leiterin Prof. Claudia F. Brühwiler. «Der neue Jahrgang wird sich nun der Frage zuwenden, wie Toiva digitale Souveränität erlangen kann und was digitale Souveränität überhaupt heisst. Mit dem Collegium wird Toiva sich verändern – und uns hoffentlich nicht nur zum Nachdenken, sondern auch zum Handeln bringen.»
Auch die aktuelle Ausgabe von HSG FOCUS, widmet sich dem zurückliegenden Collegium. Im Zentrum steht dort allerdings das individuelle Schaffen der acht Fellows während ihrer Zeit in St.Gallen.
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