Campus - 13.05.2026 - 09:00
Rund 150 Personen nahmen am Montag am Anlass «Anti-democratic thought and democratic public – reflections on Curtis Yarvin and beyond» im SQUARE teil. Initiiert wurde dieser von Mitgliedern der HSG-Faculty, die den Auftritt von Curtis Yarvin am 55. St.Gallen Symposium von letzter Woche kritisieren. Im Zentrum stand die Frage, ob man einem Vertreter solchen Gedankenguts, der sich nicht daran stört, als «Faschist» bezeichnet zu werden, eine Bühne bieten dürfe. Erhält er dadurch Legitimität?
Die vorherrschende Meinung auf dem Podium war klar: Curtis Yarvin, der u.a. auch an den Universitäten Harvard und Oxford aufgetreten ist, hätte am Symposium, welches auf dem Campus der Universität St.Gallen (HSG) stattfindet, keine Plattform erhalten sollen. Das Symposium steht für einen offenen und intellektuellen Dialog, auch zu unbequemen Positionen. Doch auch wenn Beat Ulrich klarmachte, dass das Symposium die Standpunkte von Yarvin nicht teile, geschweige denn stütze, und die Gründe für seine Einladung plausibel darlegen konnte, sprach der CEO des St.Gallen Symposiums von einer «negativen Bilanz». Dies auch, weil dadurch ein ansonsten erfolgreiches und bereicherndes Symposium zu stark überlagert wurde.
Als Mitinitianten des «Open Letters» präsentierten Maria Lassak und Filippo Pasquali die darin enthaltenen Argumente gegen den Auftritt. Der Offene Brief war zuvor auch im HSG-Studentenparlament diskutiert worden, und das Gremium unterstütze ihn. Rektor Prof. Manuel Ammann wird die Initianten treffen, um ihre Ansichten mit ihm zu diskutieren. Der Anlass im SQUARE thematisierte neben der Personalie auch grundsätzliche Fragen. Im Format eines Teach-Ins gaben Angehörige der Faculty kurze Inputs, die anschliessend im Plenum diskutiert wurden.
Prof. Suzanne Enzerink führte in das Format ein und stellte klar, dass es nicht darum gehe, die Sichtweisen von Curtis Yarvin zu debattieren. «Da gibt es wenig zu diskutieren». Es sei allgemein bekannt, dass er einer der Begründer der «Dark Enlightenment»-Bewegung ist, die die Diktatur als Regierungsform befürwortet und sexistische, rassistische sowie generell gegen die Gleichberechtigung gerichtete Ideen verbreitet. Zwar tat er dies bei seinen beiden Podiumsauftritten auf dem Symposium nicht ausdrücklich, doch merkte Enzerink an, dass nicht der Inhalt seiner Teilnahme, sondern vielmehr die Frage nach seiner Teilnahme selbst im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen sollte: ob jemand mit solchen Ansichten grundsätzlich an Universitäten eingeladen werden sollte und, falls ja, unter welchen Bedingungen. «Yarvin ist für uns ein Symptom, und der Grund, warum sein Besuch eine so leidenschaftliche Debatte ausgelöst hat, liegt darin, dass er tiefgreifendere Fragen aufwirft, mit denen sich zunehmend polarisierte Gesellschaften auseinandersetzen müssen.»
Prof. Blagoy Blagoev stellte einige Kerngedanken von Curtis Yarvin in Frage, so etwa, dass Staaten wie Unternehmen organisiert werden sollten. Beobachten wir gerade den Aufstieg von Faschismus als Management-Philosophie? Immerhin gehöre Yarvin zu den «Hofphilosophen» im Umfeld des einflussreichen Tech-Unternehmers Peter Thiel mit Verbindungen zur US-Regierung. Er sei einer der Chefideologen des sich in Teilen der Tech-Branche breitmachenden «Techno-Faschismus» und als Wirtschaftsuniversität müsste man sich deutlich von solchen Kräften abgrenzen. Schliesslich sei die Wirtschaft nie apolitisch und es gebe viele historische Beispiele von Unternehmen, die aus Opportunismus autoritäre Regime unterstützt haben.
Prof. Caspar Hirschi, der Curtis Yarvin nach seinem entlarvenden, weil wirren und inkohärenten Auftritten am Symposium gegenüber dem St.Galler Tagblatt als «intellektuellen Hochstapler» bezeichnet hatte, sprach von einem «verwirrten Querdenker, der sich als Philosoph ausgibt, aber kein schlüssiges Argument entwickeln kann». So jemand habe an einer Universität nichts zu suchen. Letztere müsste Platz bieten für kontroverse Äusserungen, die auch Anstoss erregen oder Empörung hervorrufen können. Dies jedoch nur unter der Voraussetzung, dass diese durch theoretische Stringenz oder empirische Belege untermauert seien. Beides sei hier nicht der Fall.
Prof. Christine Abbt stellte die Frage, ob sich der Auftritt mit dem demokratischen Recht auf freie Meinungsäusserung rechtfertigen lasse. Es bedeute nicht, jemanden die Meinungsfreiheit abzusprechen, wenn man diese Person nicht einlade. Und freie Meinungsäusserung rechtfertige nicht, alles zu sagen. Mit seinen Zielen und diffamierender Sprechweise missbrauche Curtis Yarvin die demokratische Pluralität und arbeite in ihrem Namen daran, sie abzuschaffen. Und wie sieht die Rechtslage aus? Prof. Raphaela Cueni gab zu bedenken, dass es keine rechtlichen roten Linien in dem Sinne gebe, dass verfassungswidrige Überzeugungen oder menschenrechtsfeindliche Ideen nicht unter den Schutz der Meinungsfreiheit fallen. «Das ist zwar unangenehm, aber das Ergebnis jahrhundertelanger, mitunter schmerzhafter Erfahrungen mit Einschränkungen der Meinungsfreiheit.»
Für Prof. Claudia Brühwiler, die eine Session am Symposium mit ihm bestritt, wäre Curtis Yarvin nicht die erste Wahl gewesen, wenn es darum gehe, die Neue Rechte in den USA zu verstehen. Sie geht aber mit Ivan Kratsev einig, der ihm in der Aula gegenüberstand: Wer sich mit solchem Gedankengut auseinandersetzt, schärft die eigenen Gegenargumente. «Antidemokratisches Denken ist bereits Teil des demokratischen Diskurses. Davor dürfen wir nicht die Augen verschliessen.»
War es ein Fehler, Curtis Yarvin nach St.Gallen einzuladen? Nach allem Gehörten am Anlass entstand der Eindruck: Ja. Allerdings gab Caspar Hirschi zu bedenken: «Führung zeigt sich vor allem darin, wie man mit Fehlern umgeht. Das St.Gallen Symposium ist eine grossartige Erfolgsgeschichte in der generationsübergreifenden Führungskultur, und ich bewundere die teilnehmenden Studierenden und das gesamte Team für ihr Engagement». Führung erfordere den Mut, Risiken einzugehen und wer Risiken eingehe, könne Fehler machen. «Für mich ist es daher keine Tragödie, dass unter den vielen Rednerinnen und Rednern gelegentlich solche sind, die nicht hätten eingeladen werden sollen.» Fehler dürfen gemacht werden. Wichtig sind die Auseinandersetzung damit und die Lehren, die man zieht. Für beides war die offene und konstruktive Debatte am Montagabend wichtig.
Wir bitten um Verständnis, dass angesichts der Fülle von Perspektiven und Wortmeldungen nicht alle Diskussionsbeiträge hier berücksichtigt werden konnten. Wir danken aber ausdrücklich allen, die zu dieser spannenden Debatte beigetragen haben.
