Forschung - 21.10.2026 - 11:00
Warum verbreiten sich Innovationen in manchen Regionen schneller als in anderen? Die Innovationsforschung verweist traditionell auf wirtschaftliche Voraussetzungen, Bildung und technologische Infrastruktur. Eine neue Studie in der Fachzeitschrift Research Policy rückt einen weiteren Faktor in den Vordergrund: die psychologische Offenheit der Bevölkerung, die im Zusammenhang mit Innovation wie eine unsichtbare soziale Infrastruktur wirken kann. Im Interview erläutert Tobias Ebert, Assistenzprofessor an der Universität St.Gallen, was das für die Innovationsfähigkeit von Regionen bedeutet.
Professor Ebert, warum entstehen bahnbrechende Innovationen ausgerechnet an bestimmten Orten? Oder anders gefragt: Warum gedeihen Innovationen an manchen Orten besser als an anderen?
Prof. Dr. Tobias Ebert: Eine der robustesten Erkenntnisse der Innovationsforschung ist, dass Innovation räumlich sehr ungleich verteilt ist. Und das, obwohl Informationen heute in Sekundenschnelle um die Welt geschickt werden können. Doch gerade neues Wissen ist häufig noch nicht vollständig kodifiziert. Es wird über Menschen, persönliche Kontakte und manchmal schlicht durch zufällige Begegnungen weitergegeben.
Deshalb profitieren Regionen davon, wenn Hochschulen, innovative Unternehmen, Fachkräfte, Kapital und andere Akteure räumlich zusammenkommen. Entscheidend ist allerdings nicht allein, dass diese Akteure vorhanden sind. Erfolgreiche Regionen entwickeln über lange Zeit Netzwerke, Vertrauen, spezialisiertes Wissen und eine gemeinsame Kultur. Innovation ist deshalb nicht nur ein technologischer, sondern auch ein sozialer und evolutionärer Prozess.
Bei Innovation denken wir häufig an die Erfinder und weniger an die Menschen, die eine neue Technologie als Erste nutzen. Unterschätzen wir die Bedeutung der Bevölkerung dafür, ob sich Innovationen in einer Region durchsetzen?
Ja, denn eine Innovation entfaltet noch keine wirtschaftliche oder gesellschaftliche Wirkung, nur weil sie entwickelt wurde. Sie muss auch genutzt und übernommen werden. Gerade bei digitalen Plattformen ist das entscheidend: Airbnb braucht Menschen, die ihre Wohnungen anbieten, Uber Menschen, die Fahrten übernehmen, und soziale Medien Menschen, die Inhalte teilen. Der Erfolg hängt also nicht nur von der Technologie ab, sondern auch davon, ob genügend Menschen bereit sind, diese zu nutzen.
Ihre Studie führt dafür den Begriff der psychologischen Offenheit ein. Was verstehen Sie darunter genau?
Offenheit ist ein Persönlichkeitsmerkmal. Es beschreibt, wie neugierig Menschen sind und wie aufgeschlossen sie neuen Ideen und Erfahrungen gegenüberstehen. Solche Unterschiede gibt es nicht nur zwischen Individuen, sondern auch zwischen Regionen, wenn man die Persönlichkeitsmerkmale ihrer Bevölkerung aggregiert betrachtet.
Für unsere Untersuchung haben wir Persönlichkeitsdaten von mehr als 3,2 Millionen Menschen in den USA ausgewertet. Damit konnten wir die Offenheit in rund 350 US-amerikanischen Metropolregionen vergleichen. Diese Daten verknüpften wir mit neuartigen Informationen zur frühen Verbreitung von drei Plattformtechnologien: Airbnb für die Vermittlung von Unterkünften, Uber für Fahrdienste und Flickr als frühe Social-Media-Plattform. Konkret nutzten wir Steuerdaten, aus denen hervorgeht, wo Menschen Einkommen aus der Sharing Economy erzielen, sowie geokodierte Fotouploads auf Flickr. So konnten wir nachvollziehen, wann und wo sich diese Technologien in den USA verbreiteten.
Und was zeigt der Vergleich?
Bei allen drei Plattformen finden wir denselben Zusammenhang: In Regionen mit einer psychologisch offeneren Bevölkerung wurden die Angebote früher angenommen. Dieser Befund blieb bestehen, nachdem wir zahlreiche Unterschiede zwischen den Regionen berücksichtigt hatten. Darunter demografische und wirtschaftliche Merkmale, Bildungsstand, Internetversorgung, Verkehrsinfrastruktur und geografische Faktoren.
Auch wenn Offenheit einer der wichtigsten Faktoren insgesamt war, bedeutet das aber nicht, dass Offenheit allein über den Erfolg einer Innovation entscheidet. Offenheit ergänzt vielmehr die etablierten Erklärungen um eine psychologische Dimension. Wir sprechen deshalb von einer Art «unsichtbarer sozialer Infrastruktur»: einer regionalen Voraussetzung dafür, dass Menschen neue Möglichkeiten ausprobieren und andere ihnen folgen.
Lässt sich dieser Zusammenhang an konkreten Beispielen zeigen?
Nehmen wir beispielsweise San Diego: Die Bevölkerung ist dort psychologisch offener als beispielsweise in Minneapolis. Passend dazu wurden digitale Plattformen in San Diego deutlich früher und intensiver angenommen: Die frühe Verbreitung von Airbnb war mehr als viermal und die von Uber mehr als doppelt so hoch wie in Minneapolis. Dieses Beispiel veranschaulicht den Zusammenhang, den wir über Hunderte amerikanische Metropolregionen hinweg beobachten.
Sie untersuchen nicht nur, wo Innovationen angenommen werden, sondern auch, wo neue Unternehmen entstehen und welche Rolle regionale Cluster spielen. Welche drei Faktoren sind besonders wichtig, damit ein innovatives Ökosystem entsteht?
Erstens: Wissen und Talente. Hochschulen und qualifizierte Fachkräfte schaffen neues Wissen und bringen Menschen zusammen, die dieses Wissen in Anwendungen überführen können.
Zweitens: Verbindungen. Entscheidend ist nicht nur, welche Akteure vorhanden sind, sondern ob Unternehmen, Hochschulen, Investoren und Gründer miteinander arbeiten. Die Forschung spricht hier von Netzwerken oder von «local buzz». Gleichzeitig brauchen erfolgreiche Regionen Verbindungen nach aussen, sogenannte «global pipelines». Ohne solche Verbindungen droht eine Region in ihren eigenen Netzwerken und Wissen gefangen zu bleiben.
Drittens, und das ist so ein bisschen von unserer eigenen Forschung geprägt, braucht es eine offene Kultur, die Experimente ermöglicht. Neue Unternehmen entstehen unter Unsicherheit. Dafür braucht es Kapital, aber auch Menschen, die Chancen erkennen, Risiken eingehen und neuen Ideen gegenüber aufgeschlossen sind.
Werfen wir noch einen Blick auf unsere Region: Die Ostschweiz verfügt mit Hochschulen, Industrie, KMU und Start-ups über viele Zutaten für Innovation. Was beflügelt Innovation und wo sehen Sie noch ungenutztes Potenzial?
Räumliche Nähe ist besonders wertvoll, wenn sie tatsächlich zu Austausch führt. Das Potenzial liegt deshalb meines Erachtens vor allem darin, vorhandene Akteure miteinander zu verbinden: Hochschulen mit etablierten Unternehmen, KMU mit Start-ups, Forschung mit Kapital und regionale Akteure mit internationalen Netzwerken.
Wovon ich eher abraten würde, ist die Vision, das Silicon Valley im Kleinformat nachbauen zu wollen. Erfolgreiche Innovationsregionen entwickeln ihre Stärken über lange Zeit. Für die Ostschweiz stellt sich deshalb die Frage, welche Kombination aus industriellem Know-how, Hochschulen, Unternehmertum und regionaler Kultur sie mit Blick auf ihre eigenen Stärken am besten weiterentwickeln möchte.
Prof. Dr. Tobias Ebert ist Assistenzprofessor für Behavioral Science & Technology am Institute of Behavioral Science and Technology (IBT-HSG) der Universität St.Gallen.
