Forschung - 09.09.2026 - 10:00
Wie lange werde ich leben? Und wie viel Geld brauche ich im Alter? Mit steigender Lebenserwartung wird diese Frage persönlich und wirtschaftlich immer wichtiger. Denn wer für die Pensionierung vorsorgt, beeinflusst heute eine Zukunft, deren Dauer unbekannt ist.
Wie Menschen mit dieser Unsicherheit umgehen, untersucht das Forschungsprojekt «Beliefs, Behaviour and Longevity» der Universität St.Gallen (HSG). Zwei Studien zeigen: Die Einschätzung der eigenen Lebensdauer ist verzerrt. Jüngere Menschen unterschätzen ihre Überlebenswahrscheinlichkeit, ältere überschätzen sie. Gleichzeitig sind diese subjektiven Erwartungen trotz ihrer Verzerrungen erstaunlich aussagekräftig: Sie enthalten Annahmen über das tatsächliche Sterberisiko, die sich aus objektiven Gesundheitsdaten allein nicht vollständig ableiten lassen.
Für die erste Studie «A Behavioural Gap in Survival Beliefs» haben Enrico G. De Giorgi, Professor für Mathematik an der HSG, und Giovanna Apicella von der Universität Udine untersucht, wie Menschen ihre Lebenserwartung einschätzen. Grundlage sind unter anderem umfangreiche Längsschnittdaten der europäischen SHARE-Studie.
Dabei zeigt sich über die Lebensspanne ein charakteristisches Muster: Jüngere Menschen beurteilen ihre Chancen, ein bestimmtes Alter zu erreichen, tendenziell zu pessimistisch. Mit zunehmendem Alter kehrt sich dieses Verhältnis um: Ältere Menschen schätzen ihre Überlebenschancen eher zu hoch ein.
Eine Erklärung liegt darin, wie Menschen gesundheitliche Veränderungen verarbeiten. Eine neue Diagnose oder eine Verschlechterung des Gesundheitszustands fliesst nicht bei allen gleich stark in die Prognose der Lebenserwartung ein. Für jüngere Menschen kann ein gesundheitlicher Schock überraschender sein und ihre Einschätzung stärker verändern. Im höheren Alter treten gesundheitliche Probleme häufiger auf und werden entsprechend anders eingeordnet.
Hinzu kommt eine persönliche Grundhaltung gegenüber der Zukunft. Optimismus oder Pessimismus beeinflussen, wie gesundheitliche Informationen verarbeitet werden. «Menschen verarbeiten Informationen über ihre Gesundheit nicht unabhängig von ihren Erwartungen», sagt De Giorgi. Gerade bei der Einschätzung der eigenen Lebenszeit spiele die persönliche Haltung gegenüber der Zukunft eine wichtige Rolle.
Die zweite Studie «Do Subjective Survival Beliefs Improve Survival Prediction?» der HSG-Forschenden Florian Benkhalifa, Maximilian Jakob Arrich und Enrico G. De Giorgi geht einen Schritt weiter: Wenn Menschen ihre Überlebenschancen systematisch falsch einschätzen, sind ihre Angaben dann überhaupt brauchbar? Die überraschende Antwort lautet: ja. Werden subjektive Einschätzungen in Modelle zur Vorhersage der Sterblichkeit integriert, verbessert sich deren Prognoseleistung. Das gilt selbst dann, wenn bereits umfangreiche Informationen über körperliche Gesundheit und andere beobachtbare Merkmale berücksichtigt werden.
Besonders aufschlussreich sind extreme Einschätzungen. Menschen, die ihre Überlebenswahrscheinlichkeit sehr niedrig ansetzen, weisen tendenziell ein sehr hohes Sterberisiko auf. Auch ausgesprochen hohe Werte enthalten ein Signal. Angaben um 50 Prozent Wahrscheinlichkeit, den betrachteten Zeitraum zu überleben, sind dagegen wesentlich weniger aussagekräftig.
Die eigene Einschätzung scheint damit Informationen zu bündeln, die sich über einzelne Gesundheitsmerkmale nur schwer erfassen lassen. Einfache Prognosemodelle, die subjektive Überlebenswahrscheinlichkeit mit Alter, Geschlecht und Herkunft kombinieren, können deshalb bereits erstaunlich aussagekräftig sein. Dass die Belastbarkeit von Modellen mit einer umfangreicheren Informationsbasis zunimmt, zeigt sich allerdings auch hier.

Interessant ist auch, worauf Menschen ihr Urteil stützen. Die körperliche Gesundheit spielt sowohl für die subjektive Einschätzung als auch für das tatsächliche Sterberisiko eine zentrale Rolle. Bei anderen Faktoren gehen Wahrnehmung und statistisches Risiko jedoch auseinander.
So gewichten Menschen ihre psychische Gesundheit vergleichsweise stark, wenn sie über ihre Lebenserwartung nachdenken, obwohl deren Bedeutung für die tatsächliche Mortalität geringer ist. Demografische und verhaltensbezogene Faktoren, darunter körperliche Aktivität sowie Rauch- und Alkoholkonsum, sind für das reale Sterberisiko dagegen wichtiger, werden bei der persönlichen Einschätzung aber überraschenderweise weniger stark berücksichtigt.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, ob Menschen zu optimistisch oder zu pessimistisch in die Zukunft schauen. Ebenso wichtig ist, auf welche Informationen sie ihr Urteil abstützen, wie sie diese gewichten und welche Faktoren sie tendenziell unterschätzen.
An dieser Stelle kommt die wirtschaftliche Relevanz der Forschung zu Lebenserwartungsdenken ins Spiel: Wer glaubt, nur noch wenige Jahre zu leben, könnte weniger für das Alter sparen, früher in Pension gehen oder sein Vermögen schneller aufbrauchen. Wer dagegen mit einem sehr langen Leben rechnet, könnte länger arbeiten, mehr sparen oder sich stärker gegen das sogenannte Langlebigkeitsrisiko absichern.
Die subjektive Lebenserwartung kann damit Entscheidungen über Sparen, Pensionierung, Versicherungen und Gesundheitsvorsorge beeinflussen. Doch die Folgen reichen möglicherweise über die klassische Altersvorsorge hinaus. Eine weitere Studie des HSG-Forschungsteams zeigt, dass die Einschätzung der eigenen Lebensdauer auch mit dem Anlageverhalten zusammenhängt: Besonders pessimistische Menschen unterschätzen ihre Überlebenschancen und investieren zugleich zurückhaltender. Die Fehleinschätzung der eigenen Lebenserwartung kann damit über zwei miteinander verbundene Kanäle auf die finanzielle Situation im Alter wirken – über die Vorsorge und über die Bereitschaft, Vermögen anzulegen.
Die Ergebnisse legen zugleich nahe, dass es nicht genügt, Menschen einfach mehr Informationen über Gesundheit und durchschnittliche Lebenserwartung zur Verfügung zu stellen. Entscheidend ist, wie solche Informationen verstanden, gewichtet und verarbeitet werden. Für Versicherer und Vorsorgeanbieter könnte das bedeuten, psychologische Verzerrungen stärker zu berücksichtigen, wenn sie über Renten- und Lebensversicherungen oder Langlebigkeitsrisiken informieren.
Auch für die Risikoprognose eröffnet die Forschung eine Perspektive: Subjektive Einschätzungen könnten objektive Gesundheitsdaten ergänzen, insbesondere wenn umfassende medizinische Informationen nur mit grossem Aufwand erhoben werden können.
Länger zu leben ist zunächst eine positive Perspektive. Für die finanzielle Planung kann daraus jedoch ein Dilemma entstehen. Denn wir müssen heute Entscheidungen für Lebensjahre treffen, von denen wir nicht wissen, ob und in welchem Umfang wir sie erleben werden. Die St.Galler Forschung zeigt, welchen systematischen Verzerrungen Menschen dabei unterliegen.
Die beiden Studien stehen online zum Download zur Verfügung:
«A Behavioural Gap in Survival Beliefs» publiziert im «Journal of Risk and Insurance» (onlinelibrary.wiley.com)
«Do Subjective Survival Beliefs Improve Survival Prediction?» zur Veröffentlichung im Journal «Demographic Research» (papers.ssrn.com)
Aus dem Projekt gingen noch zwei weitere Paper hervor:
«Gender-inclusive financial and demographic literacy: Monetizing the gender mortality gap» (onlinelibrary.wiley.com)
«A Leveraged Gender Gap: The Combined Effect of Longevity Risk (Mis)-Perception and Financial Risk-Taking» (papers.ssrn.com)
