close

Forschung - 06.10.2026 - 08:30 

«Mehr!»: Wirtschaftshistorisches Buch von HSG-Forscher ausgezeichnet

Das Buch «Mehr!», das sich mit der Geschichte des Wirtschaftswachstums und der Wachstumskritik in der Schweiz auseinandersetzt, ist mit dem Forschungspreis des Schweizerischen Wirtschaftsarchivs 2026 ausgezeichnet worden. Wir gratulieren Herausgeber Roman Rossfeld, der an der Universität St.Gallen lehrt und forscht.

Kein anderes Paradigma hat die Schweizer Wirtschaft und Wirtschaftspolitik seit dem Zweiten Weltkrieg so stark geprägt wie das Wachstumsparadigma. Doch spätestens seit der Ölpreiskrise der 1970er Jahre sind auch die «Grenzen des Wachstums» verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. 1972 stellte der Club of Rome seinen gleichnamigen Bericht am 3. Internationalen Managementgespräch an der Universität St.Gallen (HSG) öffentlich vor. Der Ostschweizer Ingenieur Hugo E. Thiemann, Mitbegründer des Club of Rome, gab sich bei der Präsentation des Berichts in St.Gallen überzeugt davon, dass «das weitere Wachstum kontrolliert werden sollte und nicht in ein wildes Wuchern ausarten» dürfe. In der Folge prägten neue Konzepte, die mit den Begriffen «qualitatives», «nachhaltiges» oder «grünes Wachstum» umschrieben werden können, zunehmend die Debatte. «Degrowth» und «Suffizienz» sind inzwischen zu neuen wachstumskritischen Schlagworten geworden; und vor dem Hintergrund der sich akzentuierenden Klimakrise stellt sich die Frage nach den Grenzen des Wachstums und unserem Umgang mit natürlichen Ressourcen heute eindringlicher als je zuvor. 

Das Verständnis von «Wachstum» weiter fassen 

Über die traditionelle quantitative Definition von Wirtschaftswachstum als (stetiges) Ansteigen des Bruttoinlandproduktes hinausgehend, strebt das Buch ein vielfältigeres an Diskursen und Praktiken sowie gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen orientiertes Verständnis von Wachstumsprozessen an. Methodisch schliesst der Band damit an Überlegungen zu einer «narrativen Wirtschaft» an, wie sie vom amerikanischen Ökonomen und Nobelpreisträger Robert J. Shiller kürzlich formuliert worden sind. Herausgegeben wurde das Buch vom Wirtschaftshistoriker Dr. Roman Rossfeld, Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter an der School of Humanities and Social Sciences (SHSS) der HSG. Der Band geht auf seine jahrelange Beschäftigung mit der Geschichte des Wirtschaftswachstums und der Wachstumskritik, aber auch der Geschichte von Wirtschaftskrisen zurück. Diesen Sommer wurde das Buch mit dem Forschungspreis des Schweizerischen Wirtschaftsarchivs (SWA) ausgezeichnet. Herzliche Gratulation für diese Anerkennung. Die Preisverleihung findet am 8. März 2027, 18:15 Uhr, im Historischen Museum Basel (Barfüsserkirche) statt. 

Deutlich sichtbar wird das starke Wachstum in den 1960er Jahren auch im Massenwohnungsbau. Das «Sunnebüel» war die erste industriell vorgefertigte Grossüberbauung der Ernst Göhner AG mit über 1100 Wohnungen. Sie entstand ab 1965 in Volketswil.

Breites Themenspektrum 

Das Buch umfasst insgesamt 15 Beiträge, die von der Bedeutung des Erdöls als zentraler Rohstoff des «Golden Age» über den industriellen Massenwohnungsbau in den 1960er und 1970er Jahren bis zur Durchsetzung einer neoliberalen Wachstumspolitik in der Stagnation der 1990er Jahre reichen. Die 14 Autorinnen und Autoren untersuchen in ihren Beiträgen aber nicht nur, wie (stetiges) Wachstum in den Nachkriegsjahren auch in der Schweiz zu einer Wirtschaft und Politik prägenden Leitidee und einem breit akzeptierten Massstab für Fortschritt und Wohlstand werden konnte. Die Beiträge thematisieren auch das Aufkommen einer zum Teil harschen Wachstumskritik im Kontext der «Umweltwende» seit den 1970er Jahren – auch aus höchsten politischen Kreisen: So stellte FDP-Bundesrat Nello Celio im Januar 1972 fest, die «übermässige Beanspruchung der natürlichen Lebensgrundlagen und eine durch Unwissenheit, Sorglosigkeit und egoistische Rücksichtslosigkeit verschuldete Verschmutzung und Verseuchung» der Umwelt würden «das Leben von Pflanzen, Tieren und Menschen auf der ganzen Erde» bedrohen. Während Tobias Küng in seinem Beitrag danach fragt, wie sich der Diskurs um das Energiesparen seit den 1970er Jahren verändert hat, untersucht Anja Peter, welche Auswirkungen die (insbesondere seit den 1980er Jahren) steigende Zahl erwerbstätiger Frauen nicht nur auf das Wirtschaftswachstum, sondern auch die Gleichstellungsdebatte hatte. Nicht zuletzt versteht sich der Band auch als ein historischer Beitrag zur Weiterführung einer aktuellen gesellschaftspolitischen Debatte über Fragen des Wirtschaftswachstums und der Wachstumskritik – oder wie es der Herausgeber, Roman Rossfeld, in seiner Einleitung formuliert hat: «Wer heute vom Klima spricht, darf über Wachstum nicht schweigen.»

Rossfeld, Roman (Hg.): Mehr! Wirtschaftswachstum und Wachstumskritik in der Schweiz seit 1945, Basel 2025. 
Das 480 Seiten starke Buch kann auf der Webseite des Schwabe-Verlags bestellt werden. Ein kostenloses PDF ist open access erhältlich.


Portraitfoto: Franziska Rothenbühler
Foto «Sunnebüel»: Werner Friedli, ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz

north