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Leute - 05.10.2026 - 13:00 

Malcolm Greens Graduation Groove: Wie der Sound des amerikanischen Jazz-Musikers das «HSG-Finale-Feeling» prägt

Mit 70 swingt Malcolm Green in der Rolle des Bären Balu auf der Bühne. Der Connaisseur der «bear necessities in life» liefert seit 35 Jahren den Soundtrack für die Graduation Days an der HSG. Was lockte den Musiker vor rund 50 Jahren in die Ostschweiz? Über den Mut, ein One-Way-Ticket zu buchen, das Green ein neues Publikum, «St.Gallens way of life» und seine grosse Liebe schenkte.

Malcolm Green nimmt einen Schluck Hahnenwasser, streckt die Beine aus und blinzelt in die Herbstsonne. Wir sitzen auf der Ost-Terrasse des charakteristischen Glaswürfels SQUARE der Universität St.Gallen. Bodenseewasser glitzert in der Ferne zwischen grünen Appenzellerland-Hügeln. «Fast schon kitschig, dieser Morgen», sagt der Musiker und breitet die Arme Richtung See aus: «A landscape like in the Austrian Musical The Sound of Music». Er lacht. Noch steckt ihm die Dernière seines jüngsten Engagements in den Knochen. «Schon mal einen Grossvater gesehen, der als Bär auf der Bühne tanzt? Voilà, das bin ich», strahlt Green und schüttelt den Kopf über sich selbst.

Dutzende Male stand er dieses Jahr als Balu im «Dschungelbuch» auf der Bühne, zusammen mit rund 40 Kindern des Storchentheaters im Herzen der Gallusstadt. Das Besondere an dieser Performance: Green war der einzige Erwachsene der Besetzung. Im Storchentheater gehört die Bühne den Kindern. Wenn Green auftritt, sind seine «drei Klang-Babies» immer dabei – Saxofon, Querflöte und Gesang. Damit verlieh er seiner Bärenrolle den passenden Groove. «Als Musiker muss ich mich selbst immer wieder herausfordern. Sei es, um den besten Sound zu treffen. Oder um eine ganz neue Kunstform auszuprobieren. Schauspielen machte mir irrsinnig Freude, aber es schlaucht auch, im warmen Fellkostüm eines Dschungelbewohners Vollgas zu geben. Neben all diesen fantastischen Power-Kids musst Du Dich schon anstrengen als Granddad.» Der Jazz-Musiker als saxofonspielender Dschungelbär: Auch das gehört zu Malcolm Greens vielschichtiger Persönlichkeit.

Als Musiker schon lange graduiert: Malcolm Green mit der HSG Combo Band am Master Graduation Day am 3. Oktober 2026

Das Events-Office-Team der HSG ehrt Malcolm Green zu seinem 70. Geburtstag

Auftritt an einem Graduation Day der Universität St.Gallen im Jahr 2011

Graduation Day im Jahr 2008

Promotionsfeier im Jahr 1990

Malcolm Green als Balu im Kindermusical «Das Dschungelbuch» des Storchentheaters St.Gallen

Malcolm Green als musikalischer Begleiter bei einer Trauung

Der Jazz-Musiker spielt auch Querflöte

Das Saxofon, seine Leidenschaft

«Raisin in Sun Galle»: Ein Überseeflug, eine Big Band, ein Amerikaner in Paris

Balus Devise «Probier’s mal mit Gemütlichkeit» passt nur bedingt zu Greens Lebensart. Wichtige Entscheidungen traf er oft ganz schnell. «Meinen Freunden in den USA sagte ich: Wenn ich jemals ein Flugzeug erwische, bin ich weg – catch me, if you can.» Die Stimmung im Amerika der 70er Jahre empfand Green als erstickend: Rassismus, Segregation, Ungleichheit auf Schritt und Tritt. Befragt, wie er seine Heimat bei seinem jüngsten Familienbesuch in den USA erlebte, stellt er konsterniert fest: «Der Muff dieser Jahre ist mit Trumps MAGA-Politik leider wieder zurückgekehrt.» 1979 sattelte der junge Musiker die Pferde. Und krallte sich ein Flugzeug, das ihn weg vom US-Groove der 70er katapultierte: In den Osten der Schweiz.

Dank seines Musiktalents ergattert er das ersehnte One-Way-Ticket – es führt ihn nach Europa. Mit dem Musical «Raisin in the Sun» tritt Green mit einer Big Band am Stadttheater St.Gallen und in Paris auf. Dort hat er eine lebensverändernde Begegnung: Der Künstler lernt seine spätere Frau kennen, eine St.Gallerin. Die beiden verlieben sich in Paris: «Tacky, but true», lächelt Green. Er spricht mit grosser Zuneigung von ihr. Die Liebe band den jungen Amerikaner auch familiär an die Ostschweiz.

«That’s my city!», strahlt Malcolm Green und lässt den Blick von der SQUARE-Terrasse über die beiden Kathedralentürme bis zum Säntisgipfel schweifen. «It’s the best place for someone who wants to play music and find inspiration in nature every day.» Green wechselt im Gespräch zwischen St.Gallerdütsch und American English. Als wären auch Sprachen Instrumente, zwischen welchen man in einer guten Unterhaltung mühelos wechseln kann.

Mit Gospel im Herzen zu Gast auf Europas Bühnen

Die Musik begleitet ihn sein ganzes Leben. «Music was my first love», seufzt Green. Er wächst in Richmond, Virginia, auf. Singt dort mit fünf Jahren im Gospelchor der Riverview Baptist Church. Mit neun beginnt der begabte Junge Saxofon zu spielen. Später studiert er an der Norfolk State University und der Howard University in Washington D.C. Er möchte nicht nur zum Spass singen, sondern tief eintauchen in die Musik. Er lernt, Harmonien zu arrangieren, komponieren und auf der Bühne zu improvisieren. Ein Künstler, der ihn inspiriert, ist Michael Jackson. Besonders sein Song «Gone to soon». 

Nach den ersten Auftritten in Europa studiert Malcolm Green Flöte am Konservatorium in Bern. Es folgen Engagements mit dem Musical «West Side Story» in Belgien und Auftritte in unterschiedlichsten Formationen. 1983 gewinnt Malcolm Green mit seiner ersten LP «Love Has Sides» das Swiss Talent Festival. Er spielt Dixieland und Modern Jazz, Rock und Gospel, arbeitet unter anderem mit Art Lande und Urs C. Eigenmann und entdeckt später seine Liebe zum Cuban Jazz. Nur ein Stil ist Green stets zu eng. Mit der Formation «The Green Experience» spielt er Songs wie «Satisfaction», «Hound Dog» oder «No Woman, No Cry». Mit Gospel kehrt er zu seinen musikalischen Wurzeln zurück.

Vielleicht ist diese Neugier die eigentliche Triebfeder seiner Karriere. Musik bedeutet für Green, aufmerksam zu bleiben, ein «Gspüri» für das Empfinden von Menschen unterschiedlicher Lebensarten und Generationen in einem Raum zu haben. Manchmal auch in der Rolle eines traurigen Bären, der sich vom liebgewonnenen Menschenjungen Mogli am Dorfesrand trennen muss. Diese Szene hat ihn bewegt, da sie so viel Lebensweisheit in sich trägt: «You have to let go – damit etwas Neues entstehen kann.» Ein Gedanke, der dem Musiker auch oft bei den Abschlussfeiern der HSG-Studierenden in den Sinn kommt.

Ein Stück Campus-Kultur: Malcolm Greens Graduation-Soundtrack

Dass wir uns auf dem Campus der Universität St.Gallen treffen, ist kein Zufall. Seit rund 35 Jahren begleitet Green verschiedenste Feiern mit seinem unverwechselbaren Sound. Besonders eng verbunden ist sein Name mit den Graduation Days. Wenn nach vielen Vorlesungen, Prüfungen und Lerntagen in Bibliothek und Rotmonten-Badi das Abschlusszeugnis endlich überreicht wird, liefert er die Harmonie für Erleichterung und Zuversicht. «I always try to create a feeling of togetherness», sagt Green. Er beobachtet sein Publikum genau und entscheidet dann, welches Lied in diesem Moment gut funktioniert. Nicht unbedingt die raffiniertesten Stücke seien die besten, sondern jene, die alle gute kennen. Damit der Funke der Begeisterung überspringen kann. «Simply the Best» gehört dazu, oder der Klassiker «We Are Family». 

Der emotionale Höhepunkt eines Graduation Day gehört oft dem Musiker. Wenn alle Botschaften verkündet und die Zeugnisse verteilt sind, übernimmt sein Sound die Regie. «Are you HAPPY? Are YOU happy?», ruft Malcolm Green ins Publikum. Die Absolventinnen und Absolventen winken glücklich mit ihren Urkunden, singen, tanzen und feiern. Party on! Graduierte, Rektorat, Dozierende und Familien swingen gemeinsam im Takt. Für einen kurzen Moment verschwinden Rollen und Generationen. Übrig bleibt ein Moment der Zusammengehörigkeit. Dann ist mit allen Sinnen spürbar, was «HSG-Community» bedeutet.

«Finale-Feeling» macht Vorfreude auf die nächste Etappe im Leben

Wie sehr das die Menschen in der Aula berührt, merkt Green manchmal noch Jahre später. Ehemalige Studierende sprechen ihn in der Stadt oder nach Konzerten an: «Hey, I remember you, you made me and my family dance during my graduation!» An die Reden ihrer Abschlussfeier erinnerten sie sich vielleicht nicht mehr so genau, heisst es dann, aber an den Moment, als sie sich mit Freunden und Familie in den Armen lagen zu einem seiner Songs. «Ich freue mich jedes Mal, wenn ich den jungen Leuten den Soundtrack zu ihrem HSG-Finale spielen darf – und sie optimistisch auf die nächste Etappe einstimmen kann», sagt Green.

Manche Begegnungen auf dem Campus entwickeln sich weiter. HSG-Angehörige engagieren Green für Hochzeiten, Kindstaufen und sogar Beerdigungen. In rund vier Jahrzehnten ist er so nicht nur zum musikalischen Begleiter von Lebensetappen geworden, sondern auch selbst ein Stück Zeitgeschichte. Für sein Publikum spielt er fast überall. Green trat sogar im Berggasthaus Äscher hoch über dem Seealpsee auf. Obwohl ihm tiefe Abgründe alles andere als geheuer sind. Aber für die Liebe zur Musik überwindet der Künstler selbst seine Aversion gegen abschüssige Alpinhänge.

«Ehrenfödlebürger» überwindet Höhenangst für die Musik

Die Stadt dankte Malcolm Green für sein kulturelles Engagement auf ihre eigene Art: Im Jahr 2001 ernannte ihn die Fasnachtsgesellschaft St.Gallens zu Malcolm XXVII., Ehrenfödlebürger. Die Auszeichnung erhalten Persönlichkeiten, die sich um St.Gallen verdient gemacht haben. Spätestens seit dieser Ehrung ist der Jazz-Musiker aus Virginia endgültig ein «St.Galler Orginal». 

Der bekennende FC St.Gallen-Fan lässt sich zum Abschluss seines heutigen Campusbesuchs in der Mensa keine Bratwurst ohne Senf mit Bürli entgehen. Eingestaubt vom Bürlimehl lacht er auf die Frage: «So, what’s next in your life?» Er überlegt. «Da lasse ich mich überraschen.» Vielleicht steckt also doch ein bisschen Balu in ihm? Nur musikalisch dürfte es mit der Gemütlichkeit weiterhin schwierig werden. Wenn irgendwo Menschen zusammenkommen und Green den richtigen Sound für den Moment findet, wird er spielen. Live in Concert. So, wie St.Gallens Ohren und die HSG-Community Malcolm Green am liebsten erleben.
 

Mehr über das künstlerische Portfolio von Malcolm Green erfahren Sie auf seiner Webseite. Seinen jüngsten Auftritt als Bär Balu hatte er im St.Galler Kindermusical-Storchentheater. Zuvor gab er dort auch verschiedene Jazz-Gigs, wie zum Beispiel das St.Galler Tagblatt berichtete. Was es mit dem HSG-Finale der unverwechselbaren Graduation Days auf sich hat, erfahren Sie hier.



Coverbild: Universität St.Gallen
Bildergalerie: 1) Storchentheater St.Gallen, 2) bis 4) Malcolm Green, 5) Universität St.Gallen, 6) Universität St.Gallen / Regina Kühne
 

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