Meinungen - 16.04.2026 - 09:00
Wolfram Eilenberger: Ungarn hat Viktor Orbán mit überwältigender Mehrheit abgewählt. Wie hast du dieses Ergebnis empfunden? Und wie beurteilst du es?
Árpád Szakolczai: «Zunächst herrschte Freude – und Erleichterung. Nicht zuletzt, weil Orbán den Wahlsieg von Péter Magyar sofort anerkannte, was zuvor nicht so sicher schien. Es gab keine Versuche, das Ergebnis anzufechten. Das war für das Land und seine demokratische Kultur sehr wichtig. Offensichtlich gab es in der Bevölkerung einen starken Wunsch nach einem Machtwechsel. Die Themen Korruption und Arroganz spielten dabei sicherlich eine entscheidende Rolle. Welche politischen Folgen dieser Wandel haben wird, ist eine ganz andere Frage.

Was lässt dich daran zweifeln? Ist das nicht ein klarer Sieg für die Demokratie, ein Votum für einen neuen politischen Kurs, für eine andere Rolle Ungarns in Europa?
Magyars Sieg weckt Hoffnungen auf eine grundlegende politische Neuausrichtung, etwa in Fragen der Einwanderung, der Minderheitenrechte oder der LGBT-Agenda. Diese Hoffnungen werden jedoch mit ziemlicher Sicherheit zunichte gemacht werden. Das war nicht das Wahlprogramm von Magyar. Und das ist auch nicht der Grund, warum er gewählt wurde. Man muss verstehen: Ungarn ist strukturell gesehen eine Nation mit konservativen Werten. Viele der Themen, die der progressiven, westeuropäischen Linken besonders am Herzen liegen, finden in der Bevölkerung praktisch keine Unterstützung. Schauen Sie sich nur die aktuellen Wahlergebnisse genauer an. Im künftigen Parlament gibt es keine linken oder gar «progressiven» Kräfte oder Parteien mehr. Sie sind schlichtweg nicht vertreten. In dieser Hinsicht ist in Schlüsselbereichen eher mit Kontinuität zu rechnen.
Was wird und sollte sich dann ändern, wenn überhaupt?
Orbáns Regime wurde zunehmend korrupter und war von einer Arroganz der Macht geprägt. Es positionierte sich in Europa immer mehr als extremer Aussenseiter und wurde zudem immer radikaler. Hoffentlich wird sich all das unter Magyar ändern. Das bedeutet jedoch nicht, dass Ungarn sich unter Magyar einfach den Wünschen Brüssels unterwerfen wird. In diesem Zusammenhang erscheint es mir bezeichnend, dass Magyars erste Auslandsreise nach Polen führen wird. Nicht nach Brüssel oder Berlin oder Paris, sondern nach Warschau. Damit sollen historisch sehr alte Bindungen erneuert werden. Ungarn ist selbst innerhalb Ostmitteleuropas eine Art Sonderfall – sprachlich, kulturell und in Bezug auf sein Selbstverständnis. Es ist eine vergleichsweise kleine Nation, die immer um ihre Unabhängigkeit und ihre blosse Existenz kämpfen musste. Das sitzt sehr tief.

Was bedeutet das politisch gesehen?
In Ungarn wird Freiheit vor allem als Unabhängigkeit verstanden, genauer gesagt als Unabhängigkeit von den drohenden Diktaten der umliegenden Grossmächte. Dazu konnten das kaiserliche Deutschland, das kaiserliche Österreich, das Osmanische Reich oder das Zarenreich gehören. Und auch heute noch wird die EU als eine solche Macht wahrgenommen. Diese Stimmung kann von «Populist:innen» ausgenutzt und instrumentalisiert werden. Der Begriff gefällt mir nicht, da er höchst irreführend ist. Man neigt dazu, diese Stimmung und Sehnsucht nach Unabhängigkeit zu übertreiben. Das war in den letzten Jahren bei Orbán der Fall. Das war zum Nachteil des Landes. In dieser Hinsicht hoffe ich, dass Ungarn seine Aussenpolitik stärker auf Nationen ausrichten wird, die ähnliche historische Erfahrungen und eine ähnliche Geschichte der Unabhängigkeit haben, wie Polen, die baltischen Staaten oder Finnland. Es wäre also keine Hinwendung zu den alten Mittelmächten, sondern zu den neuen Grenzstaaten.
Dies könnte auf tiefgreifende Veränderungen hindeuten. Sie finden zu einer Zeit statt, in der Europa und insbesondere die EU nach einer neuen Identität sucht – und diese auch finden muss.
Ja, hier eröffnet sich eine Chance. Sie ergibt nicht für alle denselben Sinn und wird auch nicht von allen gleichermassen begrüsst. Es geht um die Bedeutung und Widerstandsfähigkeit der nationalen Identität sowie um ihre Rolle im politischen Diskurs. Es geht um einen gewissen Widerstand gegen allzu homogenisierende Globalisierungsbestrebungen. Es geht auch um Tendenzen, den Begriff «Demokratie» mit «liberaler Demokratie» gleichzusetzen. Um es klar zu sagen: Freie Wahlen und unabhängige Institutionen, einschliesslich Verfassungsgerichten, werden meiner Meinung nach sehr ernst genommen, insbesondere in diesen Ländern. Die Wahlen in Ungarn zeigen dies. Und doch stossen gewisse Hoffnungen auf liberale Konformität in diesen Ländern an Grenzen, die viel mit ihren historischen Erfahrungen zu tun haben. Ungarn könnte zu einer Art Wegweiser für eine demokratische Kultur werden. Diese Kultur würde über einen Populismus wie den von Orbán hinausgehen, der immer anfällig für Korruption und Vetternwirtschaft ist. Zugleich weigert sich Ungarn, sich vollständig dem anzupassen, was von Westeuropa als das aktuelle normative Modell der «liberalen Demokratie» präsentiert wird. Dieses Modell unterscheidet sich deutlich von dem, was in «christdemokratischen» Zeiten damit gemeint war. Dies könnte auf sehr grundlegende Veränderungen hindeuten. Sie finden zu einer Zeit statt, in der Europa und insbesondere die EU ein neues Identitätsgefühl suchen und finden muss.
Vor diesem Hintergrund ist es doch geradezu ironisch, dass Orbán und die Fidesz sich anfangs als überzeugte Verfechter eines solchen liberalen, westlichen Modells präsentierten. Im Laufe der Jahrzehnte entfernten sie sich jedoch immer weiter davon und drifteten in Richtung Autokratie.
Ich kenne Orbán seit seinen Anfängen, als ich selbst noch in Ungarn lebte. Damals fiel er mir als äusserst gewiefte, aber auch arrogante und machthungrige Persönlichkeit auf. Ursprünglich war er ein Schützling von George Soros. Das war Ende der 1980er Jahre. Damals gehörte Orbán zu einer Gruppe, die sich als neue Elite der Freiheit präsentierte, jedoch ohne jegliche historische Wurzeln oder Erfahrung, sozusagen als Speerspitze der Globalisierung. Dann begann er allmählich zu begreifen, dass Ungarn im Kern ein konservatives Land ist, und bewegte sich schliesslich in diese Richtung. Das Einzige, was während dieses Prozesses konstant blieb, waren seine Arroganz und sein Machthunger.
Nun wurde er von einem ehemaligen Schützling und Fidesz-Mitglied geschlagen.
So ist es. Es bleibt sehr schwierig, Péter Magyar einzuschätzen – vor allem aus der Ferne. Er ist weder ein Intellektueller noch verfügt er über die scharfsinnige Intelligenz, die Orbán auszeichnete. Ich hoffe vor allem, dass er sich mit guten, sozial und kulturell vertrauenswürdigen sowie verantwortungsbewussten Menschen und Beratern umgibt. Genau das ist Orbán zunehmend nicht mehr gelungen, da er sich stattdessen auf eine kleine Clique stützte, die alles, was er tat, bedingungslos unterstützte. Solche wirklich vertrauenswürdigen und verantwortungsbewussten Menschen gibt es auch heute noch in Ungarn. Meine Hoffnung ruht auf ihnen.
Prof. Dr. Árpád Szakolczai ist Michael Hilti Fellow am St.Gallen Collegium. Von 1998 bis 2021 war er Professor für Soziologie am University College Cork mit Schwerpunkt politische Anthropologie.
Dr. Wolfram Eilenberger ist Senior Outreach Fellow am St.Gallen Collegium. Er ist Philosoph, Autor mehrere Bestseller und Moderator, unter anderem der Sendung «Sternstunde Philosophie» im SRF.
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