Forschung - 10.06.2026 - 14:00
In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Schweiz zu einem der weltweit wichtigsten Umschlagplätze im Rohstoffhandel entwickelt. Dieser Aufstieg ging jedoch mit Bedenken hinsichtlich Transparenz, angemessener Regulierung und Risiken für Entwicklungsländer einher.
Als Folgestudie zu einem Bericht von 2016 und als bislang umfassendste wissenschaftliche Untersuchung wurde der Bericht «Mehr als Handel: Rohstoffhandel und nachhaltige Entwicklung» am 10. Juni 2026 auf einer Medienkonferenz in Bern vorgestellt. Autor:innen dieser Untersuchung sind die Schweizerische Akademie der Naturwissenschaften (SCNAT), das NADEL Center for Development and Cooperation der ETH Zürich sowie die HSG-Professor:innen Rita Kesselring, Martin Nerlinger und Florian Wettstein.
Die interdisziplinäre Studie zieht eine Bilanz der Forschung zum Rohstoffhandel und zur globalen nachhaltigen Entwicklung über verschiedene akademische Disziplinen hinweg. Sie präsentiert Belege für die direkten und indirekten Wechselwirkungen zwischen dem Roh-stoffhandel und den globalen Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDGs) und untersuchte, wie sich diese Wechselwirkungen auf die Erreichung der SDGs auswirken.
Der Handel mit Rohstoffen, vor allem mit Energie-, Agrar- und Metallprodukten, macht einen Drittel des gesamten Welthandels aus. Der Bericht legt dar, dass der Rohstoffhandel zwar erhebliche wirtschaftliche Chancen mit sich bringt, dabei aber auch negative Auswirkungen hat: So schätzen die Forschenden, dass rund ein Drittel der gefährdeten Arten dadurch zusätzlich bedroht sind. Zudem wird für die Produktion und den Handel der Rohstoffe rund ein Viertel des weltweiten Süsswassers verwendet.
Der Bericht enthält zudem Empfehlungen, wie die Schweiz den Rohstoffsektor nachhaltiger und transparenter gestalten kann. Er untersucht, welche schädlichen Auswirkungen der Rohstoffhandel auf ressourcenexportierende Entwicklungsländer hat. Dazu gehören unter anderem politische Korruption, Umweltschäden und Menschenrechtsverletzungen.

Rita Kesselring, HSG-Professorin für Urban Studies, untersuchte die Auswirkungen des globalen Rohstoffhandels auf ressourcenreiche Länder. Sie wertete sowohl qualitative als auch quantitative Daten aus und stellte fest, dass ein klarer Zusammenhang zwischen der Rohstoffgewinnung und der Zunahme von Ungleichheiten und sozialen Konflikten besteht. Sie sagt: «Zunehmende wirtschaftliche Ungleichheiten und soziale Konflikte lassen sich entlang der Wertschöpfungs- und Produktionsketten, aber auch der Logistiknetzwerke beobachten, die gleichermassen von westlichen und schweizerischen Handelshäusern kontrolliert werden.» Kesselrings Forschung erstreckt sich auch auf städtische Kontexte in der Schweiz, wo sie ähnliche Prozesse der sozialen Differenzierung und Segregation untersuchte. Angesichts dieser Belege sieht Kesselring die Notwendigkeit klarer und durchsetzbarer ESG-Standards entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Martin Nerlinger, HSG-Professor für Finanzen, hat sich darauf, spezialisiert inwieweit Klima-, Biodiversitäts- und andere Nachhaltigkeitsrisiken an den Finanzmärkten eingepreist und weitergegeben werden. Er untersuchte die Finanzialisierung des Rohstoffhandels: wie Rohstoffe zu einer eigenständigen Anlageklasse geworden sind und wie sich Entwicklungen an den Finanzmärkten auf die realen Preise für Lebensmittel und Energie auswirken. «Bei einigen der grössten Handelshäuser stammt der Grossteil der Einnahmen mittlerweile aus Derivaten und nicht mehr aus dem physischen Warenverkehr. Diese Unternehmen sind systemrelevant geworden, unterliegen jedoch nur einer teilweisen Regulierung.» Und was die Schweiz als Drehscheibe angeht, sagt er: «Als globaler Rohstoffhandelsplatz bündelt die Schweiz genau jene Kanäle, über die finanzielle Spannungen auf den physischen Handel übergreifen können – und genau deshalb kann sie als Katalysator für kohärentere, international koordinierte Standards fungieren.»

Florian Wettstein, HSG-Professor für Wirtschaftsethik konzentrierte sich darauf, ob und wie sich Rohstoffhandelsunternehmen durch verantwortungsbewusstes unternehmerisches Handeln an ein sich wandelndes Umfeld und veränderte Erwartungen anpassen. «Traditionell», sagt er, «lag der Fokus auf den vor- und nachgelagerten Akteuren. Erst seit kurzem verlagert sich der Fokus zunehmend auf Rohstoffhändler, die in vielen Wertschöpfungsketten Schlüsselpositionen einnehmen und somit einen erheblichen Einfluss auf die Förderung der Nachhaltigkeit in der Weltwirtschaft haben könnten.» Trotz jüngster Verbesserungen sieht Wettstein jedoch, dass sowohl Initiativen auf Unternehmensebene als auch die regulatorischen Rahmenbedingungen in dieser Hinsicht nach wie vor fragmentiert sind.
Innerhalb dieses globalen Systems ist die Schweiz ein wichtiger Akteur. Als bedeutender Rohstoffhandelsplatz wickelt die Schweiz einen erheblichen Anteil des weltweiten Handels mit Metallen, Energie und Agrarprodukten ab. Beispielsweise werden rund 60 % des weltweiten Handels mit Kupfer, Aluminium und Eisenerz, 56 % des Handels mit Pflanzenölen, 53 % des Kaffeehandels und 39 % des Rohölhandels in der Schweiz abgewickelt. Zudem machen ihr regulatorisches Umfeld, ihre Finanzdienstleistungen und ihre logistische Infrastruktur sie zu einem zentralen Knotenpunkt im globalen Rohstoffsystem.
Die wesentliche politische Herausforderung besteht daher nicht darin, den Handel zu reduzieren, sondern die Gouvernanz zu verbessern. Eine kohärentere internationale Regulierung, mehr Transparenz und eine bessere Koordination zwischen den Handelszentren sind unerlässlich, um systemische Risiken zu verringern und gleichzeitig die Rohstoffmärkte stärker an den Zielen der nachhaltigen Entwicklung (SDGs) auszurichten.
Studie «Beyond the transaction: commodity trade and sustainable development» zum Download
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