Hintergrund - 04.06.2026 - 13:15
Wie bleibt die Ostschweiz attraktiv? Dies Frage stand im Zentrum des EcoOst St.Gallen Symposiums 2026. Überlagert wurde die Diskussion von der bevorstehenden Volksabstimmung zur 10-Millionen-Schweiz. Beat Ulrich, scheidender CEO des St.Gallen Symposiums, begrüsste das Publikum mit einem Rückblick auf das 55. St.Gallen Symposium Anfang Mai unter dem Motto «Disrupted Age». Geopolitik, Technologie und Demografie waren die zentralen Themen. So etwa in der vor Ort produzierten Sendung «Sternstunden Philosophie» mit dem britischen Demografen Paul Morland, der betreffend Bevölkerungsrückgang und -überalterung vor einem «Armageddon» warnte.
Ganz so dramatisch drückte sich Prof. Dominik Sachs nicht aus. Er zeigte aber eindrücklich, wie stark die Geburtenraten weltweit sinken. Ein Trend, der sich seit den 1980er-Jahren fortsetzt. Gemäss UN liegt die weltweite Fertilitätsrate mit 2,21 Kindern je Frau derzeit noch knapp über dem sogenannten Ersatzniveau, dürfte in den kommenden Jahrzehnten aber weiter sinken. Die Schweiz liegt mit 1.29 Kindern deutlich darunter. In der Ostschweiz seien die Zahlen zwar besser, jedoch nur marginal. Für die Schweiz sei darum wichtig, genau hinzuschauen: Der Rückgang sei bisher weniger dadurch geprägt, dass immer mehr Frauen dauerhaft kinderlos blieben. Auffällig sei vielmehr, dass Mütter im Durchschnitt weniger Kinder bekommen und Ein-Kind-Familien zugenommen haben.
Die häufigsten Gründe, warum sich Frauen beziehungsweise Familien in der Schweiz gegen ein weiteres Kind entscheiden, seien erwartete Nachteile bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie unzureichende oder teure Betreuungsmöglichkeiten. Er verwies auf kausale Evidenz, wonach Mutterschaftsurlaub und Kitas wichtige Hebel sein können, um Familien die Entscheidung für ein weiteres Kind zu erleichtern. Beim Mutterschaftsurlaub ist die Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern wenig grosszügig; zugleich ist die familienergänzende Kinderbetreuung hierzulande sehr teuer. Ziel seien bessere Rahmenbedingungen, damit ein zweites oder drittes Kind für mehr Familien realistisch wird.
Barbara Zimmermann-Gerster, Leiterin des Bereichs Bildungs- und Arbeitgeberpolitik beim Schweizerischen Versicherungsverband SVV, sprach über den Reformbedarf und die politische Realität. Eine Überalterung der Gesellschaft tangiere neben Altersvorsorge auch Wettbewerbsfähigkeit, Steuer- und Beitragsbasis sowie die Standortattraktivität insgesamt. «Demografie ist eine Frage der wirtschaftlichen Zukunftsfähigkeit». 2025 war ein Kipppunkt, da erstmals mehr Personen über 65 Jahre, als unter 20-Jährige in der Schweiz lebten. So gerate die Umlagefinanzierung stark unter Druck und bestünde Reformbedarf. In diesem Zusammenhang wies sie darauf hin, dass die Finanzierung der 13. AHV-Rente noch ungeklärt sei. Dabei sei dies nicht mal das drängendste Problem: «Die IV ist nahezu bankrott», warnte sie. «Der Leistungsausbau ist einfacher mehrheitsfähig als dessen Finanzierung», brachte sie das Dilemma auf den Punkt. Gerade darum sei es wichtig, Paketlösungen ins Auge zu fassen statt Einzelmassnahmen. «Wir werden aber nicht darum herumkommen, das Rentenalter zu erhöhen», so ihre Warnung.
Stefan Schmid, Tagblatt-Chefredaktor und Moderator des Abends, leitete die Podiumsdiskussion. Ob er noch genug Bewerbungen bekomme, wollte er von Urs Ryffel wissen, dem CEO der Huber + Suhner AG. Auch wenn es im Schnitt nur 60 bis 90 Tage bis zur Stellenbesetzung dauere, sei der Aufwand, die richtigen Leute zu finden, gestiegen. Trotzdem: Dank hoher Lebensqualität sei der Standort Ostschweiz kein Nachteil. Angela Meier, Geschäftsführerin der Outvision GmbH, stimmte zu, erwähnte aber branchenspezifische Unterschiede. Ein Vorteil der Ostschweiz sei zudem, dass man stark auf eigene Talente achte. Doch wie gelingt es, junge Menschen hierher zu locken? Laut Judith Scherzinger, Personalchefin der Bauwerk Group, sei die Arbeit in produzierenden Unternehmen für viele interessant. Da sei die Ostschweiz stark. Auch die Grenzlage und internationale Ausrichtung vieler Firmen sei attraktiv. «Bodenständig, aber weltoffen», fasste sie es zusammen. Und der Lohn? Da sei man aus diversen Gründen unter Druck, doch wüssten Bewerber, dass kein Zürcher Lohnniveau zu erwarten sei – die Lebenskosten dafür tiefer lägen.
Hinsichtlich der internationalen Konkurrenzfähigkeit warnte Urs Ryffel, dass man in Punkto Innovation auf das «Powerhouse» USA aufholen müsse. Dies erfordere eine Steigerung der Produktivität. Judith Scherzinger ergänzte, dafür seien auch Investitionen in die Mitarbeitenden nötig. So etwa beim Thema KI, das viele Branchen betreffe. Sie plädierte für ein liberales Arbeitsrecht, das Flexibilität ermögliche. «Die Politik soll nicht zu stark eingreifen und versuchen, Probleme der Unternehmen zu lösen». Dazu zähle die Möglichkeit, Mitarbeitende auch mit 65 Jahren weiter zu beschäftigen. Allerdings müsse man solche Optionen früh diskutieren, gab Urs Ryffel zu bedenken. Angela Meier bestätigte dies aufgrund eigener Umfragen: Über 55-Jährige seien oft flexibel und offen für solche Gespräche. Auf die 10-Million-Initiative angesprochen mahnte Urs Ryffel, die Polemik wegzulassen. «Eine Obergrenze ist der falsche Ansatz für die Probleme, die wir lösen wollen.» Er setzt sich aus Überzeugung für ein Nein ein. «Wir können schon heute unseren Bedarf nicht auf dem Schweizer Markt decken. Kann man die nötigen Arbeitskräfte nicht herholen, verlagert man die Wertschöpfung ins Ausland.»
Studierende der Universität St.Gallen (HSG), die als Mitglieder des International Students’ Committee (ISC) das 55. Symposium mitorganisiert hatten, schilderten Eindrücke ihrer Reisen. Antonia Mau beobachtete in Nord- und Ostdeutschland, dass der demografischen Wandel die Branchen sehr unterschiedlich betreffe. Mit Blick auf die Überalterung sei womöglich die Frage zu stellen, ob in Demokratien auch künftig jede Stimme gleich viel zählen solle. Lorenzo Ayala-Bombino hatte als Betreuer der Leader of Tomorrow das Ziel, die schlausten Köpfe in Nordamerika für eine Teilnahme am Essay-Wettbewerb zu gewinnen. So erfuhr er, wie junge, gebildete Menschen über den demografischen Wandel denken. An US-Eliteuniversitäten werde intensiv an technologischen Lösungen dafür getüftelt. Doch der «American Dream» bröckle und für viele Talente sei eine Zukunft in den USA ungewiss. Das sei eine Chance für die Schweiz im globalen Talentwettbewerb. Eindrücke aus Indien teilte Benjamin Beck. Der demografische Wandel sei geprägt durch junge, gut ausgebildete Menschen, die auf den Arbeitsmarkt drängen. Wie lässt sich dieses Potenzial nutzen in einem hoch-kompetitiven Umfeld? Angesichts der unterschiedlichen Herausforderungen in Europa und Indien sieht er grosses Potenzial für eine engere Zusammenarbeit.
Zum Schluss fasste IHK-Direktor Markus Bänziger die Kernaussagen der Veranstaltung zusammen. Um die demographische Krise zu lösen, müsse man an allen Stellschrauben drehen, denn die Sozialsysteme seien auf Wachstum ausgelegt: «Die Lösungen sind unbequem und man darf jungen Menschen keine zu grosse Last auferlegen.» Übrigens: Für die eidgenössischen Abstimmungen vom 14. Juni hat die IHK St.Gallen Appenzell folgende Parolen ausgegeben: Nein zur Chaos-Initiative sowie Ja zu Kinderbetreuung und Zivildienstgesetz. Beide dürften zumindest dazu beitragen, dass die demographische Zeitbombe nicht noch lauter tickt.
Das EcoOst St.Gallen Symposium ist ein gemeinsamer Anlass der beiden Industrie- und Handelskammern St.Gallen-Appenzell und Thurgau sowie des St. Gallen Symposiums in Partnerschaft mit der HSG. Zweck der Veranstaltung ist es, die Erkenntnisse und den Generationendialog des Symposiums auf die Ostschweiz zu übertragen.
Bilder: IHK St.Gallen-Appenzell
