Hintergrund - 18.09.2026 - 14:00
Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der chinesischen Automobilindustrie. Dies wurde deutlich am 5. Smart Mobility Summit, der in Berlin stattfand. Zum exklusiven Anlass werden Fach- und Führungskräfte eingeladen, die ein Ziel eint: Sie wollen die Mobilität von heute besser, effizienter, nachhaltiger und inklusiver machen. Dabei fokussieren sie nicht nur auf technische oder branchenspezifische Aspekte, sondern behalten das grosse Bild im Auge. So standen die aktuellen geopolitischen Verwerfungen im Fokus des Podiums mit dem ehemaligen Bundesminister der Verteidigung, Rudolf Scharping, den HSG-Professoren James Davis und Christoph Heusgen – ehemaliger Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz – sowie Nikolaus Lang, Managing Director & Senior Partner des BCG Instituts. Unter der umsichtigen Moderation von Georg Meck, Chefredaktor Focus, wurden Themen wie die Aufrechterhaltung von Lieferketten oder die Aufteilung der Welt in neue Einflusssphären diskutiert. «Die Verwerfungen werden weiter zunehmen», warnte Rudolf Scharping. Europa müsse besser kollaborieren, auch mit weiteren Partnern wie etwa Kanada und Australien, so die einhellige Meinung.
Wie umgehen mit der zunehmenden Konkurrenz aus Fernost? Das stand im Zentrum des Podiums, das von Professor Zheng Han von der Tongji-Universität in Shanghai geleitet wurde. Dabei kam zum Ausdruck, wie brutal der Wettbewerb in der chinesischen Autoindustrie ist und das viele Anbieter diesen nicht überleben werden. Es ist jedoch zu erwarten, dass die besten chinesischen Unternehmen künftig eine wichtige Rolle auf dem Weltmarkt spielen werden. Dennoch: Nicht alles aus China kann und soll kopiert werden. Kultur, Vorschriften und Kundenerwartungen in Europa unterscheiden sich zu sehr. Punkto Entscheidungsfindung, Pragmatismus, Mut und der Flexibilität, sich im Laufe des Prozesses anzupassen, könne man aber vieles von China lernen.
Dass es nicht nur die internationale Konkurrenz ist, welche die europäische Industrie fordert, zeigte sich auf einem weiteren Panel zur Mobilität in den Städten. Anna König Jerlmyr, ehemalige Bürgermeisterin von Stockholm, zeigte auf, wie sich Stockholm gewandelt hat, damit der Langsamverkehr massiv ausgebaut werden konnte. Durch neue Verkehrsführungen verlor der Autoverkehr an Bedeutung. In vielen Städten entspricht dies dem politischen Willen: So wird der Raum für Verkehrsinfrastruktur knapper und konkurriert zunehmend mit anderen Begehrlichkeiten. Das Schlagworte «Tactical Urbanism» wurde herumgereicht. Die Entwicklung bietet Chancen für neue Konzepte und Geschäftsmodelle: Kunden kaufen keine Tickets, sie kaufen Reisen. Das Zusammenspiel verschiedener Verkehrsmittel dürfte im urbanen Raum also wichtiger werden – auch zwischen Städten und unterschiedlichen Mobilitätsanbietern.
Ein dominantes Thema des Summits ist seit jeher das automatisierte Fahren. In Ihrer Keynote erläuterte Tilia Gode, Head of Risk & Insurance bei Waymo, welche Expansionspläne das Tochterunternehmen von Alphabet in Europa verfolgt: Man sei sich bewusst, dass Europa ein anderer Markt ist und der öffentliche Verkehr eine wichtigere Rolle spiele als in den USA. «Wir möchten unsere Angebote optimal in den bestehenden Verkehrs-Mix einfügen.» Los geht es in München, wo ein vollständig autonome Fahrdienstangebote gegen Ende des Jahres 2027 lanciert werden wird. Dazu ist das Unternehmen eine Partnerschaft mit der Allianz eingegangen. Gemäss den Daten von Waymo reduziere der automatisierte Verkehr schwere Unfälle und Verletzte um 94 Prozent.
Die anschliessende Paneldiskussion, bei der sie u.a. mit John Moavenzadeh, Executive Director, MIT Mobility Initiative und Christian Sahr, Dem Direktor des Allianz Center for Technology sprach, machte ein paar Hindernisse auf dem Weg zur Marktdurchdringung deutlich: Noch gibt es in Europa sehr unterschiedliche Reglemente hinsichtlich der Zulassung autonomer Fahrzeuge. Deshalb ist die Skalierung über mehrere Länder hinweg nicht so rasch erfolgt, wie es erwartet worden war.
In seinem fünften Jahr hat sich der Smart Mobility Summit zu einer wichtigen Plattform für Mobilitätskonzepte entwickelt. Um die entsprechende Community weiter zu stärken, lanciert das Institut für Mobilität (IMO-HSG) der Universität St.Gallen den Verein «Mobility Pioneers» mit hochkarätigen Mitgliedern, die sich der Mobilitätstransformation verpflichtet haben. Der Verein fügt sich gut in das bestehende Portfolio des Instituts ein, welches z.B. den bewährten «CAS Smart Mobility Management» anbietet und im März 2027 erstmals mit dem Weiterbildungsprogramm «Future Automotive Business Leader» starten wird.
Welche Impulse die Industrie von der Tagung mitnimmt, damit Mobilität künftig noch «smarter» wird, muss sich zeigen. Wer wichtige Impulsgeber sind, wurde hingegen klar: Eine hochkarätige Jury hat neunmal den «Mobility Trailblazer Award» für herausragende Leistungen im Rahmen der Mobilitätstransformation im DACH-Raum vergeben. In seiner Laudatio lobte der ehemalige Vize-Kanzler Philipp Rösler die Preisträger für ihre wichtigen Beiträge, um Mobilität effizienter, nachhaltiger und inklusiver zu machen. Die Preisträger 2026 in alphabetischer Reihenfolge sind:
Fotos: Finnegan Godenschweger
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