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Campus - 06.12.2023 - 14:00 

Lewis Davidsons «St.Gallen Clicker» – Ein neues Kunstwerk für die HSG

125 Jahre HSG. Am Ende des Jubiläumsjahres steht ein «Clicker». Ein was? Ein Clicker, genauer der «St.Gallen Clicker». Eine Skulptur aus recyceltem Plastik, die der englische Mixed Media Künstler Lewis Davidson im Auftrag der Universität St.Gallen geschaffen hat. Am 4. Dezember 2023 wurde das Werk vorgestellt und in die spektakuläre, öffentlich zugängliche Kunstsammlung der HSG überführt.

Was ist das? Verblüfft steht man vor, ja, vor was eigentlich? Vor einer rätselhaften Maschine, einer Murmelbahn, einem Springbrunnen? Es ist ein «Clicker», eine Skulptur aus Kunststoff, bunt, verspielt, geheimnisvoll. Geschaffen hat sie Lewis Davidson, der 1990 geboren wurde und in London lebt und arbeitet. Das Plastik hat er im Verlauf des Jubiläumsjahres an der HSG eingesammelt. Druckerkartuschen, Schnellhefter, Plastikschläuche, Steckdosenabdeckungen und was noch alles. Dabei hat er 140 Gespräche geführt mit denjenigen, die ihm die oft unnütz gewordenen Dinge überlassen haben. Studierende, Servicemitarbeitende, Professorinnen und Professoren. So hat Lewis Davidson die HSG von innen kennengelernt, ihre Abfälle, ihre Werkräume, ihre Menschen, das Leben an der Universität, das so bunt ist wie das Plastik, welches er in seinem Rollkoffer in sein Atelier nach London transportierte. 

Warum «Clicker»? 

Der Name verweist auf das Geräusch beim Zusammenstecken von Plastik. Click! Was wird aus dieser PET-Flasche? Click! Was aus diesem Kugelschreiber? Click! Aus Altem wird Neues. Click! Aus einer Idee wird Realität. Click! Aus Abfall entsteht ein neuer Wert. Click! Viel HSG darin. Click! Nach einem Jahr stand er da, der «St.Gallen Clicker». Nun kann er bestaunt werden. Zunächst im SQUARE, später im Techniktrakt des Hauptgebäudes. Click, click, click! Doch egal, wie oft es bei den Betrachtenden noch Click machen wird, dieses wundersam schöne Objekt bewahrt sein Geheimnis. Es bleibt offen für viele Lesarten.     

So hob Rektor Bernhard Ehrenzeller in seiner Begrüssungsrede hervor, das Werk könne als eine Chiffre für unsere Organisationsmaschine gesehen werden, mit so vielen stillschweigenden und expliziten Artikulationen, Verbindungen, Verknüpfungen, die ein Netzwerk schaffen, wie auch die Universität selbst eines sei. Auch lobte er die heitere Seite des Werks. Dessen Humor sei omnipräsent. Sein ausdrücklicher Dank galt Gulnaz Partschefeld, die als Projektleiterin nicht nur den Anstoss zu der Arbeit gegeben, sondern auch deren Realisierung durch das ganze Jahr hindurch begleitet hat.

Mixed Media Künstler Lewis Davidson
Podiumsdiskussion mit Sieglinde Geisel, Yvette Sánchez, Gulnaz Partschefeld und Lewis Davidson
Podiumsdiskussion mit HSG-Festschrift-Autorin Sieglinde Geisel, Yvette Sánchez, Lewis Davidson und Gulnaz Partschefeld
Lewis Davidsons «St.Gallen Clicker»
Lewis Davidsons «St.Gallen Clicker»
Bernhard Ehrenzeller, Lewis Davidson, Yvette Sánchez, Sieglinde Geisel und Gulnaz Partschefeld
Bernhard Ehrenzeller, Lewis Davidson, Yvette Sánchez, Sieglinde Geisel und Gulnaz Partschefeld

KUNST-Stoff

In der von HSG-Festschrift-Autorin Sieglinde Geisel geleiteten Diskussion mit Yvette Sánchez und Lewis Davidson erzählte Gulnaz Partschefeld von den Anfängen der Zusammenarbeit, die unter dem Titel «KUNST-Stoff» gestartet ist. Viermal habe sie Lewis Davidson in St.Gallen empfangen und mit ihm zusammengearbeitet. Rückschläge hätten die beiden nicht aufhalten können, erzählte sie heiter. Etwa als ein Container mit aufmerksam eingesammeltem Plastik vom ordnungsbewussten Hausdienst entsorgt worden sei. Ist das Kunst oder kann das weg? Lewis Davidson selbst fasziniert die Schaffung neuer, rätselhafter Logiken, die ein Werk wie der «St.Gallen Clicker» verkörpert. Die fertige Arbeit habe eine angenehme Form von Selbstverständlichkeit, sagte er mit britischem Understatement.  

Prof. em. Yvette Sánchez, Leiterin der Kunstkommission, stellte Davidson und sein bisheriges Schaffen vor und nahm eine erste Einordnung des Werkes vor. So würdigte sie «18 Flags», eine frühe Arbeit, mit der Lewis Davidson bereits 2014 im Rahmen des art@tell-Programms an der HSG auf sich aufmerksam gemacht habe. Mit weitem Blick auf andere zeitgenössische Kunstwerke, die aus Plastik gefertigt werden, unterstrich sie: «In der grossen Masse der plastischen objets trouvés in der Kunst stechen die Clicker durch den Aspekt ausgeklügelter Maschinen, also des Maschinenbaus in der Kunst, hervor.» Die Einordnungen und Interpretationen setzten sich im zweiten Teil der Vernissage fort. Professorinnen und Professoren der HSG dachten vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Fachdisziplinen laut nach über den «St.Gallen Clicker». Es war ein kleines Diskursfeuerwerk.

Lewis Davidson hat die HSG von innen kennengelernt
Besuch bei der IT-Abteilung mit Harald Rotter

Neue Werte schaffen

Professorin Judith Walls illustrierte zunächst die Allgegenwart von Plastik, das längst nicht mehr nur ein auf seine Weise einzigartiger Werkstoff sei. Ob als Abfall oder in Form von Mikroplastik findet es sich mittlerweile in den Ozeanen ebenso wie in der menschlichen Plazenta. Dann stellte sie das Kunstwerk in den Kontext des sogenannten «Anthropozäns», also jenes vom Menschen geprägten Erdzeitalters, in dem wir uns gerade befinden. 

Der Clicker sei «ein Kommentar zu unserer heutigen Gesellschaft. Davidsons Wahl, Plastik als weithin verfügbares und gängiges Material zu verwenden, verdeutlicht die Allgegenwart von Plastik in unserer Welt. Und natürlich wissen wir alle, dass Plastik schlecht für die Umwelt ist.» Doch dabei liess es die Professorin für Nachhaltigkeitsmanagement nicht bewenden. Mit Blick auf den «St.Gallen Clicker» sagte sie euphorisch: Lewis Davidsons Kunstwerk «ist auch eine Inspiration für Lösungen von Umweltproblemen. Sein Kunstwerk ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie durch die Arbeit innerhalb von Beschränkungen und die Wiederverwendung von (Abfall-)Materialien Werte geschaffen werden können. Das gibt uns Hoffnung, dass menschliche Kreativität, Erfindungsreichtum und Innovation den Weg weisen können. In seinem Fall ist das Ergebnis Kunst – ein emotionales und visuelles Symbol, das über Generationen hinweg bewundert werden kann. Es gibt keinen Grund zu glauben, dass wir in der Wirtschaft nicht das Gleiche erreichen können.»

Paula Bialski, Professorin für digitale Gesellschaftswissenschaft, betonte die soziologische Seite des Kunstwerks, nannte die Arbeitsweise von Lewis Davidson ethnographisch. Kabel, Balken, Plastikschläuche und -drähte, ausrangierte Utensilien und Werkzeuge, wie er sie verwendet, seien Teil der sozialen Kultur unseres täglichen Lebens. «Unsere materielle Infrastruktur ist sozial und mit sozialer Bedeutung wie Klasse, Macht und Hierarchie verbunden». Sie folgerte mit Blick auf den «St.Gallen Clicker», dass wir «ethnografische und künstlerische Formen der Langsamkeit und Sorgfalt brauchen, so wie Lewis Davidson sie gezeigt hat. Denn sie helfen versteckte Bedeutungen hinter den materiellen Objekten – wie Wartung und Reparatur – zu erkennen.»

Judith Walls
Paula Bialski

Soziale Plastik

Professor Roland Füss sinnierte in seinem Inputreferat, dass das Kunstwerk von Lewis Davidson nicht auf die Themen Umweltschutz und Recycling reduziert werden könne. Füss sah Verweise auf Joseph Beuys’ «Soziale Plastik» und erläuterte: «Es ist der Prozess des Sammelns von Dingen, die Mitarbeiter unserer Universität einbringen, von Mitarbeitern aus verschiedenen Berufen und unterschiedlichen Hierarchieebenen. Deren Zusammenführung zu etwas Neuem stellt sie einander gleich.»

Es war ein Abend des Staunens und der Reflexion. In Anwesenheit eines sichtlich gerührten Lewis Davison, der überwältigt war von der Fülle inspirierender Gedanken, die sein Werk bereits am ersten Abend ausgelöst hatte. Fest steht schon jetzt: Im «St.Gallen Clicker» steckt sehr viel HSG. Mehr als man beim ersten Blick auf dieses wunderbare, bunt-verspielte Kunstwerk ahnt.

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