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Forschung - 18.09.2026 - 12:00 

Wie Infektionskrankheiten nachhaltiges Wirtschaften bremsen

Wenn Menschen ständig krank sind, kann der Umweltschutz in den Hintergrund geraten. Eine neue Studie zeigt, dass Unternehmen in Ländern mit hohen Krankheitsraten ihre Nachhaltigkeitsinitiativen zurückfahren. Warum handeln manche Unternehmen nachhaltiger als andere? Eine neue Studie eines Forschungsteams, zu dem auch Anna Jasinenko der Universität St.Gallen gehört, zeigt, dass nachhaltiges Unternehmensverhalten nicht nur von wirtschaftlichen oder institutionellen Faktoren abhängt, sondern auch von den Umweltbedingungen, in denen Unternehmen tätig sind.

In ihrer Studie «Pathogen Stress Theory in Business Ethics: Bio-ecological Influences on Firms’ Environmental Sustainability Practices» untersuchen die Forschenden, ob eine hohe Krankheitsbelastung in einem Land beeinflusst, wie stark Unternehmen in Nachhaltigkeit investieren. Im Mittelpunkt steht dabei der sogenannte Pathogen-Stress, also die Belastung durch verbreitete Infektionskrankheiten, die Gesundheit und Wohlbefinden der Bevölkerung bedrohen.

Im Fokus der Studie standen die Fragen, ob und wie eine hohe Krankheitsbelastung das nachhaltige Verhalten von Unternehmen beeinflusst und welche psychologischen Mechanismen diesen Zusammenhang erklären.

Mehr Infektionskrankheiten, weniger Energieeffizienz

Das Projekt stützte sich auf Daten von fast 20.000 Unternehmen aus 37 Ländern sowie auf ein Experiment. Dabei zeigte sich: Unternehmen in Regionen mit hoher Krankheitsbelastung setzen deutlich seltener auf umweltfreundliche Massnahmen, wie etwa auf Investitionen in Energieeffizienz oder Abfallreduktion.

Das Forschungsteam führte diesen Zusammenhang auf mehrere Mechanismen zurück:

  • Eine hohe Krankheitsbelastung fördert kurzfristiges Denken. Wo Krankheiten stark verbreitet sind, richten Entscheidungsträger ihren Fokus stärker auf unmittelbare Herausforderungen und kurzfristige Sicherheit als auf langfristige Umweltinvestitionen.    
  • Hoher Pathogen-Stress verengt den Vertrauensradius. Führungskräfte vertrauen stärker auf einen kleinen, vertrauten Kreis. Nachhaltiges Handeln setzt jedoch häufig breiteres Vertrauen voraus, etwa in externe Akteure, NGOs oder gesellschaftliche Gruppen. Wenn dieses Vertrauen fehlt, wird gemeinsames nachhaltiges Handeln erschwert.

Bisher konzentrierte sich die Forschung vor allem auf wirtschaftliche Anreize, gesetzliche Rahmenbedingungen und Unternehmensmerkmale wie Grösse oder Eigentumsstruktur. Die neue Studie erweitert diesen Blick und zeigt, dass auch biologische Lebensbedingungen menschliche Prioritäten und damit unternehmerische Entscheidungen prägen können.

«Vereinfacht gesagt zeigen unsere Ergebnisse: Wenn Menschen und Unternehmen stark mit unmittelbaren Gesundheitsbelastungen konfrontiert sind, rücken langfristige Themen wie Umweltschutz leichter in den Hintergrund», fasst Prof. Dr. Anna Jasinenko die Ergebnisse zusammen und ergänzt: «Das ist besonders problematisch, weil genau daraus ein Kreislauf entstehen kann: Weniger nachhaltiges Handeln verschärft Umweltprobleme, und diese können langfristig wiederum die Gesundheit der Menschen beeinträchtigen.»

Was bedeutet das für die Politik?

Die Ergebnisse legen nahe, dass Umweltpolitik die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen von Unternehmen stärker berücksichtigen sollte. In Regionen mit hoher gesundheitlicher Belastung können kostspielige und langfristig angelegte Umweltauflagen an Wirkung verlieren, wenn gleichzeitig akute gesundheitliche Unsicherheiten bestehen. Nachhaltigkeitspolitik könnte deshalb erfolgreicher sein, wenn sie solche unmittelbaren Belastungen mitdenkt und gezielt abfedert.

«Unsere Ergebnisse zeigen einen schwierigen Zielkonflikt: Wo Menschen mit akuten gesundheitlichen Risiken konfrontiert sind, ist es nachvollziehbar, dass kurzfristige Sicherheit stärker gewichtet wird als langfristiger Umweltschutz. Gleichzeitig kann das Aufschieben von Umweltmassnahmen künftig schwerwiegende Probleme für die menschliche Gesundheit und den Planeten verursachen. Die Herausforderung besteht deshalb nicht darin, Gesundheit und Nachhaltigkeit gegeneinander auszuspielen, sondern Lösungen zu finden, die dringende Bedürfnisse adressieren, ohne langfristige Umweltziele aus dem Blick zu verlieren», sagt Prof. Dr. Anna Jasinenko von der Universität St.Gallen.

Für die Politik bedeutet das: Nachhaltigkeitsziele lassen sich nicht überall mit denselben Instrumenten erreichen. Gerade in besonders belasteten Regionen braucht es Massnahmen, die kurzfristige Verwundbarkeit reduzieren und zugleich den Spielraum für langfristig nachhaltiges Handeln vergrössern.

Die Studie «Pathogen Stress Theory in Business Ethics: Bio-ecological Influences on Firms’ Environmental Sustainability Practices» wurde verfasst von Prof. Dr. Anna Jasinenko, Universität St.Gallen, Prof. Dr. Steven A. Brieger, NEOMA Business School, und Javad Ghaffari Feyzabadi, Grenoble Ecole de Management.

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