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Hintergrund - 17.07.2026 - 13:00 

Die FIFA-Weltmeisterschaft 2026: Ist die WM zugunsten von Messi manipuliert?

Pradeep Krishnan, Doktorant an der SEPS-HSG, über die Psychologie von Verschwörungstheorien im Rahmen der Fussball-Weltmeisterschaft 2026.

Argentiniens Weg ins zweite Weltmeisterschaftsfinale der Männer in Folge war von dem Vorwurf einer begünstigenden Schiedsrichterleistung überschattet. Eine Überprüfung durch den Video-Assistenten (VAR) führte zur Aberkennung eines ägyptischen Tores, da ein argentinischer Verteidiger vor der Torvorlage gefoult worden war. Im Spiel gegen die Schweiz hob der VAR eine Entscheidung gegen Argentinien auf und schickte den Schweizer Stürmer Embolo wegen einer Schwalbe vom Platz. Argentinien gewann jedes K.-o.-Spiel knapp, zuletzt setzte es sich gegen England durch und erreichte dadurch das Finale. Nach Meinung vieler Internetnutzer:innen ist dies Absicht: Die FIFA und ihr Präsident Gianni Infantino hätten das Turnier manipuliert, um Messi und Argentinien den Pokal zu bescheren.

Es ist leicht, all dies als Phantasterei abzutun. Doch die meisten Verschwörungstheorien sind keine absurden, von der Realität losgelösten Erzählungen, sondern bieten vielmehr verlockende, glaubwürdige Geschichten. So glaubt beispielsweise mehr als die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung an Verschwörungstheorien zum Attentat auf JFK und akzeptiert die Kernlogik, dass geheime Gruppen große Ereignisse orchestrieren. Verschwörungstheorien bieten Trost, Sinn und Handlungsmacht: Sie sind klare, zugängliche Geschichten, die Schuldige für schwer zu verstehende oder zu ertragende Ereignisse benennen. Vorwürfe wegen korrupter Schiedsrichterleistungen sind im Fussball tatsächlich weit verbreitet. So gab es beispielsweise bei der Fussball-Weltmeisterschaft der Männer 2002 Vorwürfe, die FIFA habe Südkoreas Einzug ins Halbfinale unterstützt.

«Verschwörungstheorien sind klare, zugängliche Geschichten, die Schuldige für schwer zu verstehende oder zu ertragende Ereignisse benennen.»
Pradeep Krishnan

Was beeinflusst den Glauben an Verschwörungstheorien?

Traditionell werden Verschwörungstheorien mit psychologischen Denkmustern in Verbindung gebracht: schwächerem analytischem Denken sowie verschiedenen kognitiven Verzerrungen und Denkverknüpfungen. Doch verschwörerisches Denken variiert von Gesellschaft zu Gesellschaft und die Forschung bringt es zunehmend auch mit politischen Bedingungen in Verbindung. Dazu gehören Korruption, die Qualität der Demokratie, Ungleichheit, das Pro-Kopf-BIP und Populismus. Eine Studie aus dem Jahr 2022 berichtet, dass verschwörerisches Denken in Ländern, die im Korruptionswahrnehmungsindex (CPI) höher abschneiden, häufiger vorkommt. Länder mit einem höheren Pro-Kopf-BIP weisen hingegen weniger Verschwörungsglauben auf (siehe Abbildung 1, Quelle: Hornsey et al., 2022).

Country-level relationships between conspiracy belief and GDP per capita
Abbildung 1: Country-level relationships between conspiracy belief and GDP per capita

Beide Erklärungsansätze sind miteinander vereinbar. Verschwörungsglauben ist zum Teil eine Funktion unserer Denkweise. Politische Rahmenbedingungen bestimmen jedoch, wie fruchtbar ihr Nährboden ist. Erscheinen Institutionen glaubhaft korrupt oder eigennützig, verstärkt sich die politische Skepsis und Verschwörungstheorien wirken plausibler, attraktiver und tröstlicher. Sie können als unausgereifte Verallgemeinerungen verstanden werden, die auf Bauchgefühlen beruhen und einen wahren Kern enthalten.

Den Kern finden

Es gab eine Reihe von Aktivitäten der FIFA, die von vielen als korrupt angesehen wurden. Im Jahr 2015 klagten US-Staatsanwälte 14 FIFA-Funktionäre wegen organisierter Kriminalität, Betrugs und Geldwäsche an. Sie warfen ihnen vor, Bestechungsgelder in Höhe von über 150 Millionen US-Dollar angenommen zu haben. Parallel dazu leiteten die Schweizer Behörden Ermittlungen gegen die Entscheidung der FIFA ein, die Turniere 2018 und 2022 an Russland und Katar zu vergeben. Der damalige Präsident Sepp Blatter wurde daraufhin lebenslang vom Fußball ausgeschlossen.

Der Verdacht reicht jedoch weiter, da die FIFA-Weltmeisterschaft der Männer noch nie politisch neutral war. So instrumentalisierte Mussolinis faschistisches Regime das 1934 in Italien ausgetragene Turnier, um das Bild einer wiedererstarkten, mächtigen Nation zu vermitteln. Die Ausgabe von 1978 wurde von einer argentinischen Militärjunta inmitten ihres «schmutzigen Krieges» ausgerichtet, während Tausende gefoltert und verschleppt wurden. Argentiniens 6:0-Sieg über Peru – ein Spiel, das sie mit einem Vorsprung von vier Toren gewinnen mussten – ist einer der hartnäckigsten Verdachtsfälle von Spielmanipulation in der Geschichte des Sports. Die jüngsten Turniere in Russland (2018) und Katar (2022) liessen altbekannte Bedenken hinsichtlich «Sportswashing» – der Nutzung eines globalen Spektakels, um den Ruf eines Staates zu reinwaschen – wieder aufleben. Die Ausgabe 2026, die von den USA mitausgerichtet wird, die in innenpolitische und geopolitische Kontroversen verwickelt sind, reiht sich nahtlos in diese problematische Tradition ein.

Vor diesem Hintergrund sind die Menschen besonders empfänglich für Verschwörungstheorien. Trump goss noch Öl ins Feuer, als er sich bei der FIFA dafür einsetzte, die Sperre des US-amerikanischen Stürmers Balogun nach einer roten Karte aufzuheben – ein Privileg, das in diesem Sport nur selten gewährt wird.

Für viele bestätigte dies die zugrunde liegende Logik der Erzählung: Die politischen Akteure, die die Weltmeisterschaft 2026 leiten, sind korrupt. Der logische Schlussfolgerungssprung wird somit enger: Da die FIFA und die USA korrupt sind, stecken sie wahrscheinlich unter einer Decke, um Argentiniens Weg bei der Weltmeisterschaft zu fördern. Das am häufigsten genannte Motiv hierfür scheint finanzieller Natur zu sein: Messi soll im Turnier gehalten werden, um die Einnahmen zu steigern. Weniger diskutierte Varianten sind ausgefallener und verknüpfen die angebliche Verschwörung mit einer Achse aus Trump, Milei und Netanjahu sowie mit der Geopolitik des Krieges im Gazastreifen.

VAR intervention rate per 100 fouls
Abbildung 2: VAR intervention rate per 100 fouls

Der VAR – die Kontrollinstanz im Fussball – spielt hier eine grosse Rolle. Eine Grafik (Abbildung 2. Quelle: NetSI Sport), die das Verhältnis von günstigen zu ungünstigen VAR-Eingriffen veranschaulicht, ist inzwischen viral gegangen: Argentinien liegt auf Platz zwei und damit nur hinter dem Mitveranstalter Mexiko.

Obwohl der VAR in anderen Sportarten erfolgreich ist, war seine Einführung im Fussball äusserst umstritten. Anders als bei Linienentscheidungen im Tennis oder Baseball hängen die folgenreichsten VAR-Entscheidungen im Fussball nach wie vor vom menschlichen Urteilsvermögen ab. Diese Entscheidungen werden in einem geschlossenen Raum getroffen, der vor den Augen der Öffentlichkeit abgeschirmt ist. Das schürt den Verdacht, der den Verschwörungstheorien zugrunde liegt.

Zusammengenommen erklären diese Faktoren, warum diese Weltmeisterschaft ein solches Geflecht aus emotional aufgeladenen Verschwörungstheorien hervorgebracht hat. Unterschiede in der Denkweise der Menschen mögen als unmittelbarer Auslöser dienen. Solange die Institutionen im Kern des Spiels jedoch eigennützig und nicht rechenschaftspflichtig erscheinen, werden sie Verschwörungstheorien weiterhin befeuern und einen wahren Kern liefern. Solange sich dies nicht ändert, werden solche Narrative immer wieder erscheinen.

Pradeep Krishnan ist Doktorand an der School of Economics and Social Sciences (SEPS-HSG).

Foto: Copyright Keystone

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