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1970: Openair statt Hochschulball - oder: Woodstock im Sittertobel

Die 1968er hinterliessen auch an der HSG und in der Stadt St.Gallen ihre Spuren: Studierende forderten mehr Mitsprache und stellten Hochschultraditionen infrage. Und am Ende wunderte sich die Sitter, wie sie sich «so plötzlich nach Kalifornien verirrt» hat. Eine kurze Geschichte des «Sitter-Ins», des wahrscheinlich ersten Open-Air-Konzerts im Sittertobel.

Im Frühsommer 1970 knallte es in der Studentenpolitik der HSG: Mehrere Vorstandsmitglieder der Studentenschaft und des Studentenparlaments traten vor Ende ihrer Amtszeit zurück, weil sie die Mitspracherechte der Studierenden gefährdet sahen und die Reformunwilligkeit des Rektorats und Teilen der Studentenschaft anprangerten. Ein Stein des Anstosses war der anfangs Juni 1970 stattfindende Hochschulball. Gewisse Kreise nahmen die Veranstaltung wegen Kleiderzwangs, Konsumpflicht und des immer ähnlichen Programms als steif und verstaubt wahr. Sie wollten lieber ein «fröhliche[s] Fest für Dozenten, Studenten und sich jung fühlende St.Galler» veranstalten. Versuche des Studentenparlaments, den Hochschulball dahingehend zu reformieren unterband das Rektorat. Statt sich geschlagen zu geben oder eine offene Konfrontation herauszufordern, organisierten «einige unkomplizierte Studenten» zusammen mit der Gruppierung «Lehrlinge–Arbeiter–Schüler–Studenten» eine Alternativveranstaltung.

Plakat des Sitter-Ins 1970
Plakat des Sitter-In. Quelle: Michael Elsener/tagblatt.ch

Das «Sitter-In» sollte bei der Spisegg-Brücke unter dem Motto «Kein Eintritt – kein Smoking – keine Konsumenten – keine Tische – keine Stühle – kein Anfang – Kein Ende» stattfinden. Die in der Stadt überall aufgehängten Plakate forderten die Teilnehmenden unter anderem dazu auf, eigene Instrumente, Räucherstäbchen und Beichtstühle mitzubringen. Der Gemeinderat Gaiserwald leitete daraus Lärm- und Feuergefahr sowie eine Provokation des katholischen Bevölkerungsteils ab. Zudem war auf dem Plakat ein kleines Peace-Zeichen aufgemalt, was Agitation linker Kreise aus Zürich vermuten liess. Aufgrund dieser Punkte zog der Gemeinderat die zuvor mündlich erteilte Erlaubnis wieder zurück.

Die Organisatoren liessen sich nicht unterkriegen. Schnell war ein Ersatzort gefunden ein paar Flussschleifen weiter aufwärts. Um rund ein Dutzend Feuerstellen feierten und musizierten die Teilnehmenden zusammen mit den Bands «The Deaf» und «The Club» bis tief in die Nacht hinein. Alles verlief friedlich, ohne Polizei und Krawalle. Organisatoren, Teilnehmende und sogar selbstdeklarierte Vertreter des Establishments waren begeistert vom ersten kleinen Openair an der Sitter. In einem Leserbrief in der St. Galler Lokalpresse hiess es: «Vielleicht – so hoffe ich – gibt es wieder einmal eine solch’ günstige Gelegenheit [die Jugend zu treffen], wie es das gelungene Sitter-in war. Ich möchte jedenfalls wieder dabei sein.» Bis man im Sittertobel wieder ein Openair feierte, vergingen allerdings noch 11 Jahre. Das im Jahr 1977 erstmals auf dem Aetschberg in Abtwil stattfindende Openair St.Gallen zügelte erst 1981 ins Sittertobel.

Quellen

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