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1956: Die Ungarnhilfe

Am 23. Oktober 1956 fand in Budapest eine friedliche Demonstration von Studierenden für demokratische Veränderungen statt. Die Veranstaltung richtete sich gegen die kommunistische Partei und die sowjetische Besatzungsmacht. Nachdem die Regierung in die Menge schiessen liess, brach ein bewaffneter Volksaufstand aus. Innerhalb weniger Tage kam es zum Umsturz der Regierung und zur Bildung einer neuen Regierung unter der Führung von Ministerpräsident Imre Nagy. Ungarn erklärte daraufhin seine Neutralität und forderte die Sowjetarmee zum Verlassen des Landes auf. Durch die Invasion der Sowjetarmee in den ersten Novembertagen wurde der Aufstand mit grosser Brutalität niedergeschlagen. Hunderte Aufständische wurden hingerichtet, Zehntausende verhaftet, es gab Tausende von Verletzten. Hunderttausende Ungaren flohen vor der Diktatur in den Westen. Von diesen fanden rund 14'000 Aufnahme in der Schweiz. Rund die Hälfte davon fand in der Schweiz sogar eine dauerhafte Heimat.

Bereits an den letzten Tagen des Oktobers kam es, massgeblich initiiert durch Studierende, in zahlreichen Schweizer Städten zu Sympathie-Kundgebungen für die Aufständischen. Die St.Galler Studentenschaft rief am 29. Oktober 1956 im St.Galler Tagblatt zu einem Schweigemarsch am Abend desselben Tages und zum Spenden von Blut und Geld für die Kommilitonen auf. Um 19.30 Uhr setzte sich der Marsch in der Notkerstrasse, wo sich die Hochschule befand, in Bewegung zum Marktplatz, wobei sich immer mehr St.Galler anschlossen. Dort sprach zunächst der Rektor der Hochschule, Prof. Wolfhart F. Bürgi, in bewegten Worten zur Menge.

Am 6. November 1956 reagierte der Bundesrat auf die zweite sowjetische Intervention mit der Öffnung der Grenze für vorerst 10'000 Flüchtlinge, womit eine humanitäre und asylpolitische Massnahme grössten Ausmasses einsetzte. Am selben Tag riefen die meisten St.Galler Parteien die Bevölkerung zu einer abendlichen Kundgebung auf dem Klosterhof auf. Dort strömten 15.000 Personen zusammen.

Der Prorektor der Handelshochschule, Professor Walter Adolf Jöhr, erfuhr von seiner Schwester Marianne, die in Wien lebte und die dortige Basis des Schweizerischen Roten Kreuzes leitete, dass sich unter den Flüchtlingen bzw. verfolgten Freiheitskämpfern zahlreiche Studierende befanden. Walter Adolf Jöhr gab daraufhin im Einvernehmen mit Rektor Bürgi dem Rektoratssekretär Professor Willi Geiger Ende November den Auftrag, in Wien bei der Auswahl von Flüchtlingsstudenten für die Schweiz mitzuwirken. Mit 200 Studenten kehrte Geiger Anfang Dezember zurück nach Zürich, und mit einigen Flüchtlingsstudierenden fuhr er weiter nach St.Gallen. Geiger wurde später mit grossem Engagement und Erfolg Leiter der Ungarnhilfe der Handelshochschule.

Der «Ungarn-Bus» (Dezember 1956)

Zahlreiche Aktionen unternahm die Ungarnhilfe der Hochschule im Dezember 1956. Hierüber berichtete der Studentschaftspräsident Hans Oester zusammen mit Willi Geiger am 19. Dezember 1956 über die Presse: Ein Ausschuss sorgte u.a. für Unterkunft, Verpflegung und Bekleidung der ersten 20 Flüchtlingsstudenten, denen man freie Studienplätze an der Handelshochschule bot. Später erhöhte sich die Zahl auf 50 Studierende. Diese Studierenden sollten in die Lage versetzt werden, ihr Studium in St.Gallen abzuschliessen, so dass sich die Aktion grundsätzlich über drei bis vier Jahre hinzog. Eine Reihe von Studierenden machten mit einer besonderen «Autobus-Aktion» auf die Problematik aufmerksam: Sie erhielten mit kostenloser Unterstützung des Fahrpersonals der Verkehrsbetriebe einen Bus, mit dem sie eine Woche nach einem bestimmten Fahrplan das städtische Busnetz abfuhren. Der Erlös kam den Flüchtlingsstudenten zugute. Auch durch Schneeschaufeln und Kinderhüten trugen die Studierenden zur finanziellen Hilfe bei. Privatpersonen wurden aufgerufen, Patenschaften für Flüchtlingsstudierende zu übernehmen.

Der Student Heinz Toggenburger mit Billettautomat im «Ungarn-Bus»

Die fehlenden oder mangelnden Deutschkenntnisse stellten nicht nur für die ungarischen Studierenden, sondern auch für die Dozentenschaft der Hochschule eine grosse Herausforderung dar. Professor Thürer organisierte zusammen mit Lehrern der Kantonsschule von Anfang Januar 1960 an einen systematischen Deutschunterricht. Die meisten ungarischen Studierenden bestanden trotz der Sprachprobleme die drei Vorprüfungen und erbrachten durchaus gute Ergebnisse. Der erste ungarische Student an der Hochschule, László Alföldi, erhielt bereits im Frühling 1960 das Lizentiatsdiplom. Bis zum Herbst 1964 sollten ihm noch 25 weitere Ungarn folgen. Einzelne schlossen später sogar mit dem Doktorat ab.

Die grosse Dankbarkeit der ehemaligen Flüchtlingsstudenten gegenüber der HSG zeigt sich auch Jahrzehnte nach den Ereignissen: Im Dezember 1976 wurde im Hauptgebäude eine bronzene Gedenktafel der ehemaligen Flüchtlingsstudenten feierlich angebracht. Und zum 50-jährigen Jubiläum 2006 gab es einen grossen Gedenkanlass an der HSG, zu dem auch eine Ungarische Eiche, gestiftet von den ehemaligen Flüchtlingen, am Rande des HSG-Parks gepflanzt wurde: Sie erinnert daran, wie die ungarischen Flüchtlinge hier in ihrer Not Hilfe und Aufnahme fanden.

Übergabe der Gedenktafel durch den ehemaligen Flüchtlingsstudenten Egon Fabini (lic. oec.) an den Rektor Hans Siegwart am 11. Dezember 1976
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