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Forschung - 02.07.2026 - 09:00 

Schwächt grünes Investieren die Unterstützung für grüne Politik?

Ein aktueller Forschungsbeitrag in der renommierten Zeitschrift «Review of Financial Studies» befasst sich mit einer grundsätzlichen Frage zum Effekt von nachhaltigen Geldanlagen: Schwächt grünes Investieren die öffentliche Unterstützung für die Klimapolitik? Oder bestärken sich beide gegenseitig?

Diese Frage wird lebhaft diskutiert: Einige sind der Ansicht, dass nachhaltiges Investieren einen positiven Effekt auf die Bekämpfung des Klimawandels haben kann. Andere argumentieren, dass private Klimaschutzmassnahmen wie grüne Investitionen davon ablenken könnten, wirksamere öffentliche Lösungen voranzutreiben.

Nachhaltige Investitionen: Gefährliches Placebo oder Klimapolitik-Treiber?

Einer der Auslöser für die Untersuchung war laut Co-Autoren Julian Kölbel und Stefano Ramelli die Behauptung, nachhaltige Investitionen seien ein «gefährliches Placebo» – sie trügen nicht nur nichts zur Lösung der Nachhaltigkeitsherausforderungen unserer Zeit bei, sondern lenkten möglicherweise auch Aufmerksamkeit und Ressourcen von politischen Massnahmen ab. Wäre dies wahr, hätte dies schwerwiegende Folgen für die nachhaltige Finanzwirtschaft und ihre Praxis. Diese Thesen blieben jedoch bisher empirische Belege schuldig.

Die Autoren sahen eine Gelegenheit, dies in einem realen politischen Kontext zu überprüfen: das Schweizer Referendum über das Klimagesetz im Jahr 2023. Das Referendum bot einen idealen Rahmen, um zu untersuchen, ob die Möglichkeit, in einen klimafreundlichen Fonds zu investieren, die Bereitschaft der Menschen verändert, die Klimapolitik politisch zu unterstützen.

Testen von grünen Investitionen in einem realen politischen Umfeld

Die Studie wurde mit Schweizer Bürgern durchgeführt und fand etwa einen Monat vor der Volksabstimmung statt. Die Teilnehmenden durchliefen zunächst eine «Investitionsphase», in der sie gebeten wurden, 1'000 CHF auf zwei reale Anlagefonds aufzuteilen. In der Versuchsgruppe wurde einer der Fonds als klimafreundlich dargestellt, und die Teilnehmenden erhielten Informationen über die Klimaleistung der Fonds. In der Kontrollgruppe erhielten die Teilnehmenden lediglich allgemeine Finanzinformationen.

In der nächsten Phase wurden den Teilnehmenden Argumente beider Seiten der Referendumskampagne präsentiert, und sie konnten einen Teil ihrer Auszahlung entweder der Kampagne zur Unterstützung des Klimagesetzes oder der Kampagne gegen dieses spenden. Die Autoren nutzten diese Spenden zusammen mit den angegebenen Kampagnenpräferenzen und Wahlabsichten, um die politische Unterstützung für Klimaregulierung zu messen.

Grüne Investitionen können das politische Engagement in Klimafragen auch verstärken

«Die Erhebung dieser Daten während eines echten Referendums lieferte uns spezifischere Daten und war eine grosse Stärke dieser Studie», sagte Professor Julian Kölbel, einer der Autoren der Studie. Er wies darauf hin, dass Experimente wie dieses oft kritisiert werden, weil sich Menschen anders verhalten, wenn sie wissen, dass sie sich in einer künstlichen Umgebung befinden.

HSG-Professor Stefano Ramelli, merkte an: «Die Vorstellung, dass grüne Investitionen die Unterstützung für die Klimapolitik verdrängen, ist ein starkes Narrativ, das der Bewegung für nachhaltige Finanzen entgegenwirkt. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass diese Sorge empirisch nicht gerechtfertigt ist. Wenn überhaupt, finden wir Anzeichen dafür, dass grüne Investitionen das politische Engagement in Klimafragen sogar verstärken könnten. Die meisten Menschen nehmen grüne Investitionen nicht als Ersatz für die Klimapolitik wahr, sondern vielmehr als Ergänzung dazu.“

Keine Evidenz, dass grüne Investitionen die Klimapolitik verdrängen 

Die Studie belegt: Menschen, die die Möglichkeit haben, in einen Klimafonds zu investieren, sind nicht weniger geneigt, die Klimapolitik zu unterstützen. Im Schweizer Experiment spendeten die Teilnehmenden der Versuchsgruppe nicht weniger an die klimafreundliche Kampagne als jene der Kontrollgruppe. Wenn überhaupt, zeigte die Versuchsgruppe eine leicht höhere Unterstützung.

Studie belegt den «Crowding-in»-Effekt: Investieren vestärkt das grüne Engagement

Die Autoren weiteten die Untersuchung in einem ähnlichen Experiment im Zusammenhang mit einer klimafokussierten parlamentarischen Kampagne auf das Vereinigte Königreich aus. Das Muster war dasselbe: Es gab keine Hinweise darauf, dass die Möglichkeit, in einen grünen Fonds zu investieren, die Unterstützung für die Klimapolitik verringerte. Über die grössere gepoolte Stichprobe aus der Schweiz und dem Vereinigten Königreich hinweg stellten die Forscher sogar einen kleinen positiven Effekt fest, der darauf hindeutet, dass grüne Anlageprodukte die politische Unterstützung für den Klimaschutz leicht erhöhen könnten.

Insgesamt widerlegen die Ergebnisse die Vorstellung, dass grüne Investitionen politische Massnahmen im Klimabereich systematisch verdrängen. Stattdessen deuten die Ergebnisse auf einen bescheidenen «Crowding-in»-Effekt hin, bei dem private Klimainvestitionen und die öffentliche Unterstützung für die Klimapolitik sich gegenseitig verstärken, anstatt miteinander zu konkurrieren.

Das Verhältnis zwischen privater Finanzierung und öffentlicher Politik neu überdenken

Was die Untersuchung der HSG-Forschenden jedoch zeigt, ist, dass die Sorge vor einem «gefährlichen Placebo-Effekt» in diesem Zusammenhang nicht bestätigt wird. Den Menschen Zugang zu einem klimafreundlichen Anlageprodukt zu gewähren, minderte nicht ihre Bereitschaft, Klimaregulierung zu unterstützen.

Für Praktiker bedeutet dies nicht, dass jedes als «grün» bezeichnete Produkt vorteilhaft ist. Die Qualität und Glaubwürdigkeit grüner Anlageprodukte spielen nach wie vor eine Rolle. Allerdings kann man sich auf den ökonomischen Effekt fokussieren, ohne Sorge, dass er von einem politischen Gegeneffekt konterkariert wird.

Die Studie «Green Investing and Political Behaviour» wurde in «Review of Financial Studies» veröffentlicht. Die Co-Autoren Julian Kölbel und Stefano Ramelli sind Assistenzprofessoren an der HSG School of Finance.

 

 

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