Forschung - 28.07.2026 - 08:00
Wie früh sollen Kinder im Schweizer Bildungssystem auf unterschiedliche Bildungswege aufgeteilt werden? Diese Frage beschäftigt Politik, Schulen und Bildungsforschung seit Jahren – und gewinnt angesichts der Diskussionen über Chancengerechtigkeit, Fachkräftemangel und den Bedarf an gut qualifizierten Fachkräften in der Schweiz weiter an Bedeutung.
Eine neue Studie der Universität St.Gallen (HSG) liefert nun empirische Evidenz dafür, dass sich Leistung und Chancengerechtigkeit nicht ausschliessen müssen. Im Gegenteil: Werden Klassen in der Sekundarstufe stärker durchmischt, während Schülerinnen und Schüler in den Hauptfächern weiterhin ihrem Leistungsniveau entsprechend unterrichtet werden, profitieren vor allem Jugendliche mit ungünstigeren Startbedingungen.
«Die Ergebnisse zeigen, dass sich individualisierte Lehrpläne und gemischte Klassen sinnvoll ergänzen können», sagt Studienautorin Valentina Sontheim vom Swiss Institute for Empirical Economic Research (SEW-HSG). «Insbesondere Schülerinnen und Schüler aus weniger privilegierten Familien erhalten dadurch bessere Bildungschancen.»
Grundlage der Untersuchung ist eine Schulreform im Kanton Neuenburg aus dem Jahr 2015. Bis dahin wurden Schülerinnen und Schüler vor der Reform im Kanton Neuenburg in der Sekundarstufe je nach Leistungsniveau vollständig getrennten Klassen zugeteilt, wie es auch in vielen anderen Kantonen der Fall ist. Mit der Reform blieben lediglich Französisch und Mathematik leistungsdifferenziert. In allen übrigen Fächern – rund zwei Drittel der Unterrichtszeit – lernen Jugendliche unterschiedlicher Leistungsniveaus gemeinsam.
Entscheidend dabei: Weder die finanziellen Mittel noch die Zahl oder Qualifikation der Lehrpersonen wurden verändert. Auch die Leistungsbewertungen blieben unverändert. Dadurch lässt sich der Einfluss der neuen Klassenorganisation besonders präzise untersuchen. Für ihre Analyse wertete Sontheim Registerdaten sämtlicher Schülerinnen und Schüler in der Schweiz zwischen 2012 und 2022 aus und verglich die Entwicklung in Neuenburg mit Kantonen, die weiterhin am traditionellen System festhielten.
Die Ergebnisse fallen deutlich aus: Insgesamt steigt die Wahrscheinlichkeit, eine allgemeinbildende Ausbildung zu beginnen, die den Zugang zu einer Hochschule ermöglicht, um rund zehn Prozent. Auch die Wahrscheinlichkeit, diese Ausbildung erfolgreich mit einer gymnasialen oder Fachmaturität abzuschliessen, nimmt zu.
Besonders stark profitieren Jugendliche, deren Eltern keinen tertiären Bildungsabschluss besitzen oder die nicht mit der regionalen Landessprache aufgewachsen sind. Für Schülerinnen und Schüler, bei denen beide Merkmale zusammentreffen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit eines weiterführenden Bildungswegs durch die Reform sogar um mehr als ein Drittel. Gleichzeitig zeigen die Analysen keine Hinweise darauf, dass leistungsstarke Jugendliche unter den gemischteren Klassen leiden. Vielmehr erzielen auch sie leicht bessere Bildungsverläufe.
Die Studie macht deutlich, dass nicht allein die individuelle Förderung entscheidend ist, sondern auch das soziale Lernumfeld. Jugendliche aus unterschiedlichen sozialen und sprachlichen Hintergründen verbringen nach der Reform deutlich mehr Unterrichtszeit miteinander. Gerade diese stärkere Durchmischung scheint wesentlich dazu beizutragen, Bildungsungleichheiten zu verringern.
Die Ergebnisse fügen sich in eine wachsende Forschungslinie an der Universität St.Gallen ein. HSG-Ökonomin Prof. Dr. Beatrix Eugster betont seit Jahren die Bedeutung sozial gemischter Klassen für faire Bildungschancen: «Vielfältig zusammengesetzte Klassen nützen letztlich allen Schülerinnen und Schülern.» Die neue Studie liefert nun belastbare empirische Hinweise darauf, unter welchen Bedingungen dieser Effekt tatsächlich eintritt.
Die Organisation der Sekundarstufe liegt in der Schweiz in der Verantwortung der Kantone. Entsprechend unterschiedlich sind die Modelle der Leistungsselektion. Die Untersuchung zeigt jedoch, dass Reformen nicht zwangsläufig zusätzliche finanzielle Ressourcen benötigen, um Wirkung zu entfalten.
Bereits eine andere Organisation des Unterrichts kann die Bildungschancen verbessern – insbesondere für Jugendliche, deren familiärer Hintergrund nicht zum Schulerfolg beitrug.
Die Ergebnisse dürften deshalb auch für andere Kantone von Interesse sein, die ihre Übertritts- und Selektionsmodelle derzeit überprüfen. Sie liefern eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für die Frage, wie individuelle Förderung und Chancengerechtigkeit besser miteinander verbunden werden können.
Titel: Locked-in vs. Locked-out: Detracked Classes, Individualized Curricula, and Educational Inequality
Autorin: Valentina Sontheim, Swiss Institute for Empirical Economic Research (SEW-HSG), Universität St.Gallen
Methode: Analyse von Registerdaten aller Schülerinnen und Schüler in der Schweiz (2012–2022).
Untersucht wurde die Schulreform des Kantons Neuenburg mittels eines Difference-in-Differences-Ansatzes.
Zentrale Ergebnisse der Untersuchung:
• Gemischtere Klassen erhöhen die Chancen auf weiterführende allgemeinbildende Ausbildungen für alle Jugendliche
• Besonders profitieren Jugendliche aus sozioökonomisch benachteiligten Familien sowie Schülerinnen und Schüler, deren Erstsprache nicht der regionalen Landessprache entspricht
• Leistungsstarke Jugendliche und Jugendliche aus sozioökonomisch besser gestellten Familien erleiden keine Nachteile.
• Die Reform kam ohne zusätzliche Lehrpersonen oder höhere finanzielle Ressourcen aus.
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