close

Forschung - 20.07.2026 - 11:00 

Das gefährlichste Wort im Fussball heisst «mehr»

Nach dem Final der FIFA WM 2026 mit spektakulärer Halbzeitshow und den bekannten Hydration Breaks lohnt sich der Blick auf die wirtschaftliche Seite des Spiels. HSG-Ökonom Stefan Legge erklärt, warum die Struktur des Weltfussballverbandes immer neues Wachstum verlangt und weshalb Spieler, Spielpläne und die Zahlungsbereitschaft der Fans diesem Modell harte Grenzen setzen.
Für HSG-Ökonom Stefan Legge sind China und Indien mit je rund 1.4 Milliarden Menschen für den Weltfussball die naheliegenden Zielmärkte.

Bei der FIFA hat jedes Mitgliedsland genau eine Stimme, unabhängig von seiner Grösse. Warum führt dieses demokratische Prinzip dazu, dass Fussball-Weltmeisterschaften immer kommerzieller werden?

Stefan Legge: Bei der FIFA zählt jede Stimme gleich viel — die Schweiz so viel wie Brasilien. Und weil es weit mehr kleine als grosse Verbände gibt, entscheiden faktisch die Kleinen, wer eine WM bekommt. Deren Zustimmung «erkauft» man sich mit finanziellen Zusagen: Entwicklungsgelder, Prämien, Zuwendungen. Daraus entsteht ein Kreislauf, aus dem niemand aussteigen kann. Jedes Turnier muss mehr abwerfen als das letzte, weil die Erwartungen an die Ausschüttungen mit jedem Mal steigen.

Welche geostrategischen Hebel muss die FIFA folglich nutzen, um dieses Wachstum langfristig abzusichern?

China und Indien sind die naheliegenden Zielmärkte: je rund 1,4 Milliarden Menschen, und der Fussball hat dort bislang kaum Fuss gefasst. Ob sich daraus Erlöse machen lassen, ist die andere Frage — Indien ist eine Cricket-Nation, und Chinas Milliardeninvestitionen in die eigene Liga endeten im Debakel. Bevölkerungsgrösse ist eben nicht dasselbe wie Zahlungsbereitschaft. Aber wenn es FIFA-Chef Gianni Infantino gelänge, eine gemeinsame WM in beiden Ländern auszurichten: das wäre der ökonomische Höhepunkt. Und eine Steigerung zu seinem Vorgänger Sepp Blatter, der stets wiederholte: «Der Fussball kann Völker zusammenbringen.»

Die FIFA hat das Turnier auf 48 Teams erweitert und denkt laut darüber nach, sogar auf 64 Mannschaften auszubauen. Wo stösst diese Expansionsstrategie an ihre natürlichen betrieblichen Grenzen?

Die Grenze ist irgendwann erreicht, weil für die Spiele nur ein begrenztes Zeitfenster zur Verfügung steht. Dazu kommen die Spieler: Reisestrapazen und zusätzliche Partien treiben sie an ihre physische Belastungsgrenze, was zu mehr Verletzungen führt. Das ist das harte Limit auf der Angebotsseite — man kann nicht unbegrenzt Spiele anbieten.

Und was droht bei dieser Spielflut auf der Nachfrageseite: Lässt das Publikumsinteresse nach, weil der Markt gesättigt ist?

Die Befürchtung ist berechtigt. Bereits an dieser WM gibt es Partien, die auf dem Papier mässig interessant sind für das lokale Publikum: Findet eine Paarung zweier kleinerer Fussballnationen wie Algerien gegen Jordanien in einem amerikanischen Stadion genug Fans? Bislang gelingt es der FIFA erstaunlich gut, auch solche Spiele zu füllen — zum genannten Spiel kamen 68’000 Zuschauer. Nur ist die Stadionauslastung nicht die allein entscheidende Grösse, denn das Geld kommt aus den Fernsehrechten. Und dort stellt sich die Frage anders: Mehr Spiele bedeuten nicht automatisch mehr Wert, wenn die Qualität pro Spiel sinkt. Das ist die eigentliche Grenze.

Was hat das für Folgen für den Vereinsfussball: Als Co-Autor des Buchs «Der Fussball braucht mehr Geld oder andere Regeln» argumentieren Sie, dass das traditionelle System reformiert werden muss. Halten Sie vier Jahre nach Publikation daran fest?

Absolut. Dass jeder neue Medienvertrag, also die verkauften Fernsehübertragungsrechte, automatisch neue Rekordeinnahmen einbringt, stimmt nicht mehr. Wir stossen an Grenzen des Interesses und der Zahlungsbereitschaft. Wenn Fans in der Schweiz heute für Super League und Champions League ein Abo brauchen, ab 2027 für die Europa League ein zweites, und für Bundesliga oder Serie A ein drittes – dann summiert sich das schnell auf 70 bis 80 Franken im Monat. Irgendwann preist man die breite Masse der Fans systematisch aus.

Die ökonomische Dimension wird auch beim aufkommenden Frauenfussball breit diskutiert. Wo liegt für einen professionellen Club die betriebswirtschaftliche Überlebensgrenze, also das Verhältnis von Kosten und Einnahmen?

Für einen echten Proficlub braucht es rund 20 Spielerinnen und 20 Staff-Mitglieder in Vollzeit. Bei durchschnittlichen Kosten von 100’000 Franken pro Person entstehen 4 Millionen Franken reine Personalkosten. Da diese im Fussball typischerweise die Hälfte des Budgets ausmachen –der Rest fliesst in Stadionmiete, Logistik und weitere Kosten –, liegt die Schwelle zum Profifussball bei etwa 8 Millionen Franken Umsatz. In der Schweiz erreicht das derzeit niemand. In Deutschland hingegen ist Frauenfussball inzwischen auf einem Niveau, auf dem echte Proficlubs betrieben werden können.

Und in der Schweiz, ist bei uns das ökonomische Wachstum im Frauenfussball auch so stark?

Der Schweizer Frauenfussball ist noch auf einem deutlich tieferen Niveau. Die Grenzen beim Wachstum liegen oft auch in der physischen Infrastruktur. Die Stadien der Clubs sind ausgelastet oder haben nicht die passende Grösse, damit an den Spieltagen auch mit kleineren Fangemeinden eine tolle Inszenierung möglich ist. Und ohne die Kulisse stagniert auch das Potential der Vermarktung der Spiele im Fernsehen. In der Schweiz bleibt Frauenfussball auf absehbare Zeit noch im Amateurbereich — solange sich keine anderen Finanzierungsquellen erschliessen lassen.

Dr. Stefan Legge ist Head of MBA Curriculum der Executive School der Universität St.Galllen (HSG) und Vizedirektor am Institute for Law and Economics. Das Buch «Der Fussball braucht mehr Geld oder andere Regeln» hat er 2022 mit Steffen Löhr geschrieben.

north