Sebastian Kernbach und das Life Design Lab der Universität St.Gallen untersuchen, wie Erkenntnisse aus der Verhaltenswissenschaft, der Psychologie und dem Design Menschen dabei helfen können, trotz Ungewissheit ins Handeln zu kommen. Im Zentrum stehen einschneidende Übergänge: der Eintritt ins Berufsleben, der Wechsel der beruflichen Laufbahn oder die Neugestaltung des Lebens in der Lebensmitte und darüber hinaus.
Professor Kernbach, wir leben länger als frühere Generationen. Weshalb verändert das die Art und Weise, wie wir über unser Leben nachdenken sollten?
Das traditionelle Lebensmodell war bemerkenswert linear: Ausbildung, Beruf, Ruhestand. Doch dieses Muster bildet die Lebensrealität der Menschen immer weniger ab. Wir wechseln möglicherweise mehrmals den Beruf, kehren in die Ausbildung zurück, gründen ein Unternehmen, übernehmen Betreuungsaufgaben in der Familie, wechseln zwischen Anstellung und Selbständigkeit oder überdenken mit 50 oder 60 Jahren grundlegend, welchen Beitrag wir noch leisten möchten. Damit gewinnt eine Fähigkeit zunehmend an Bedeutung: die Übergangskompetenz.
Was genau verstehen Sie unter «Übergangskompetenz»?
Übergangskompetenz bezeichnet die Fähigkeit, konstruktiv von einem Lebensabschnitt in den nächsten zu gelangen – insbesondere dann, wenn das Ziel noch nicht feststeht. Dazu gehört, sich selbst besser zu verstehen, mit Unsicherheit umzugehen, Alternativen zu entwickeln, die eigenen Ressourcen und Beziehungen zu mobilisieren und vor allem kleine Schritte zu unternehmen, um herauszufinden, was als Nächstes möglich wäre. Manche Menschen beherrschen das bemerkenswert gut. Andere bleiben über Jahre in einer Situation gefangen. Eine der zentralen Fragen unserer Forschung lautet deshalb: Was zeichnet Menschen aus, die für Übergänge gut gerüstet sind? Und lassen sich diese Fähigkeiten gezielt entwickeln?
Weshalb ist diese Fähigkeit gerade heute so wichtig?
Mehrere Entwicklungen kommen gleichzeitig zusammen. Wir leben länger. Berufslaufbahnen werden unberechenbarer. Künstliche Intelligenz verändert Berufe und Kompetenzanforderungen. Die traditionellen Lebensphasen verlieren an klaren Konturen. Gleichzeitig haben Menschen mehr Freiheit, ihr Leben selbst zu gestalten, und tragen damit auch mehr Verantwortung für ihre Entscheidungen. Das eröffnet enorme Möglichkeiten, schafft aber ebenso neue Unsicherheit. Jahrzehntelang haben wir viel in die Entwicklung technischer Fähigkeiten und fachlicher Expertise investiert. Nun sollten wir der menschlichen Fähigkeit, Veränderungen zu bewältigen, deutlich mehr Aufmerksamkeit schenken.
Sind Menschen nicht von Natur aus gut darin, sich anzupassen?
Ja und nein. Menschen sind ausserordentlich anpassungsfähig. Zugleich streben wir psychologisch nach Sicherheit. Wir halten gerne an Identitäten, Routinen und Erwartungen fest, die sich bisher bewährt haben. Das erklärt mitunter, weshalb Übergänge selbst für ausgesprochen erfolgreiche Menschen überraschend schwierig sein können. Eine Führungskraft mag hervorragend darin sein, strategische Entscheidungen für ein Unternehmen zu treffen, und sich dennoch plötzlich orientierungslos fühlen, wenn sie sich fragt: «Wie möchte ich die nächsten zehn Jahre meines eigenen Lebens gestalten?»
Sie arbeiten mit Studierenden, Führungskräften und Menschen kurz vor der Pensionierung. Lassen sich deren Übergänge tatsächlich vergleichen?
Die Ausgangslagen unterscheiden sich. Die grundlegenden Fragen ähneln sich jedoch oft erstaunlich stark. Ein Student fragt vielleicht: «Wer möchte ich werden?» Eine Führungskraft fragt sich: «Ist das noch das Leben, das ich führen möchte?» Und jemand kurz vor der Pensionierung überlegt: «Was kommt, wenn meine berufliche Identität wegfällt?» Bei all diesen Gruppen begegnen uns immer wieder dieselben Themen: Identität, Unsicherheit, neue Möglichkeiten und die Frage, wie aus Überlegungen konkretes Handeln wird. Deshalb bin ich zunehmend überzeugt, dass wir Übergänge über den gesamten Lebensverlauf hinweg erforschen sollten, statt Bildung, Berufslaufbahn, Lebensmitte und Ruhestand als voneinander getrennte Gebiete zu behandeln.
Welche Rolle spielt dabei Life Design?
Beim Life Design geht es mir weniger darum, den perfekten Lebensplan zu entwerfen, als vielmehr darum, zu lernen, wie man vorankommt, wenn die Zukunft ungewiss ist. Traditionelle Planung funktioniert gut, wenn sowohl das Ziel als auch der Weg dorthin bekannt sind. Bei vielen wichtigen Lebensübergängen weiss man jedoch weder das eine noch das andere. Damit verändert sich die entscheidende Frage: Statt «Was ist die richtige Entscheidung?» lautet sie «Was könnte ich ausprobieren, um mehr herauszufinden?». Das ist ein grundlegender Perspektivenwechsel.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Bemerkenswert ist, dass dieselbe Logik des Life Design Menschen in ganz unterschiedlichen Lebensphasen helfen kann. Studierende haben häufig eine Fülle von Möglichkeiten. Sie interessieren sich vielleicht für mehrere Themen gleichermassen und können sich für vieles begeistern. Die Herausforderung besteht darin, sie zu einer guten Entscheidung zu befähigen, ohne dass sie glauben, mit dieser einen Wahl bereits ihr gesamtes weiteres Leben festlegen zu müssen. Life Design hilft ihnen, die verschiedenen Möglichkeiten sichtbar zu machen. Bei Menschen zwischen dreissig und Anfang fünfzig stellt sich die Situation oft anders dar. Sie wissen möglicherweise sehr genau, was sie nicht mehr wollen, stecken aber in einer Entweder-oder-Frage fest: «Bleibe ich in der Unternehmenswelt, oder kündige ich und mache mich selbständig?» Life Design hilft, den Raum zwischen diesen beiden Optionen zu öffnen. Wer sich dem Ende der fünfziger Jahre nähert oder in den Sechzigern ist, steht möglicherweise vor einem Identitätswandel. Wer jahrzehntelang über den eigenen Beruf oder eine Führungsposition definiert wurde, stellt sich vielleicht eine tiefergehende Frage: «Wer bin ich, wenn dieser Titel wegfällt?» Dann geht es weniger darum, die nächste Stelle zu finden, als vielmehr darum, Identität, Beitrag, Beziehungen und Sinn für den nächsten Lebensabschnitt neu zu gestalten.
Im Life Design sprechen Sie von einer Portfolio-Karriere oder einem Portfolio-Leben. Was bedeutet das?
Die Idee der Portfolio-Karriere stellt die Vorstellung infrage, dass Menschen nur eine einzige berufliche Rolle ausfüllen. Stattdessen kombinieren sie mehrere sinnstiftende Tätigkeiten: Sie arbeiten beispielsweise drei Tage pro Woche in einer Organisation, unterrichten einen Tag, beraten ein Startup, schreiben oder bauen ein eigenes unternehmerisches Vorhaben auf. Diesen Gedanken übertrage ich gerne auf das gesamte Leben. Denn unser Leben besteht aus mehr als bezahlter Arbeit. Auch Beziehungen, Lernen, Gesundheit, Gemeinschaft, Kreativität und gesellschaftliches Engagement sind wichtig. Ein gutes Leben bedeutet nicht zwangsläufig, eine einzelne Dimension zu maximieren. Es geht vielmehr darum, die verschiedenen Lebensbereiche bewusst so miteinander zu verbinden, dass ein stimmiges Ganzes entsteht – passend zur jeweiligen Lebensphase.
Sie verwenden in Ihrer Forschung den Begriff «Übergangsbereitschaft» (engl. «Transition Readiness»). Was verstehen Sie darunter?
Wir untersuchen derzeit die Annahme, inwiefern sich Menschen darin unterscheiden, wie gut sie auf einschneidende Übergänge vorbereitet sind. Jemand verfügt vielleicht über eine ausgeprägte Selbsterkenntnis, tut sich aber schwer damit, ins Handeln zu kommen. Eine andere Person geht sehr proaktiv vor, kann sich jedoch kaum Alternativen vorstellen. Und wieder jemand weiss genau, was er möchte, verfügt aber nicht über die sozialen oder finanziellen Ressourcen, um neue Möglichkeiten auszuprobieren. Wenn wir diese verschiedenen Dimensionen besser verstehen, können wir möglicherweise künftig erkennen, an welcher Stelle jemand Unterstützung benötigt – gewissermassen anhand eines individuellen Profils der Übergangsbereitschaft. Das hätte Auswirkungen, die weit über den Einzelnen hinausreichen könnten: auf Universitäten, Arbeitgeber als auch Gesellschaft und Politik.
Welche Verantwortung tragen Organisationen? Ist die Gestaltung der eigenen Berufslaufbahn nicht letztlich Sache des Einzelnen?
Das ist meines Erachtens eine der wichtigsten Fragen. Wir können den Menschen nicht sagen, dass Berufslaufbahnen immer unberechenbarer werden, und gleichzeitig die gesamte Verantwortung für die Anpassung auf den Einzelnen abwälzen. Organisationen müssen sich deshalb zunehmend fragen: Wie können wir Menschen dabei unterstützen, sich auf Übergänge vorzubereiten, bevor sie dazu gezwungen sind? Denkbar sind Möglichkeiten, Neues auszuprobieren, interne Stellenwechsel zu erleichtern, lebenslanges Lernen zu fördern oder die berufliche Laufbahn in späteren Lebensphasen neu zu gestalten. Oft ist jener Übergang der beste, den man einleitet, bevor eine Krise Veränderungen unausweichlich macht.
Was würden Sie in fünf oder zehn Jahren gerne verstehen, was wir heute noch nicht verstehen?
Ich wünsche mir, dass wir eine echte Wissenschaft der Übergänge entwickeln. Wir sollten erklären können, weshalb manche Menschen einschneidende Veränderungen erfolgreich bewältigen, während andere daran feststecken. Wir sollten wissen, welche Fähigkeiten sich entwickeln lassen, welche Interventionen tatsächlich wirken und wie Universitäten, Organisationen und Gesellschaften Rahmenbedingungen schaffen können, die erfolgreiche Übergänge wahrscheinlicher machen. Heute finden sich einzelne Bausteine dieses Wissens in der Psychologie, der Karriereforschung, der Verhaltenswissenschaft, der Bildungsforschung, der Langlebigkeitsforschung und im Design. Diese Perspektiven zusammenzuführen, könnte ein äusserst spannendes Forschungsgebiet entstehen lassen.
Sehen Sie darin auch die Richtung, in die sich Ihre eigene Arbeit entwickeln soll?
Ganz eindeutig. Der nächste Schritt besteht darin, unsere Arbeit systematischer mit der Forschung zu Langlebigkeit, Berufslaufbahnen, Erwachsenenentwicklung, Verhaltenswissenschaft und Bildung zu verknüpfen. Mein Ziel ist es, dass St.Gallen nicht nur dazu beiträgt, Menschen bei der Gestaltung ihres nächsten Lebenskapitels zu unterstützen. Wir wollen auch besser verstehen, wie Menschen, Organisationen und Gesellschaften insgesamt lernen können, Übergänge erfolgreicher zu bewältigen.
Wenn die Leserinnen und Leser aus diesem Gespräch nur einen Gedanken mitnehmen sollten: Welcher wäre das?
Dass die Ungewissheit über die eigene Zukunft nicht zwangsläufig ein Problem ist, das beseitigt werden muss. Sie ist vielmehr eine Bedingung, mit der wir zunehmend umzugehen lernen müssen. In einer Welt, in der Menschen länger leben und Berufslaufbahnen weniger vorhersehbar werden, könnte die Fähigkeit, Übergänge zu gestalten, ebenso grundlegend werden wie viele der beruflichen Kompetenzen, deren Erwerb heute Jahre in Anspruch nimmt. Und das Ermutigende ist: Wir können diese Fähigkeit entwickeln.
Assistenzprofessor Sebastian Kernbach forscht, lehrt und berät in den Bereichen Wissensvisualisierung, Design Thinking und Life Design an der Universität St.Gallen. Zudem ist er mit der Stellenbosch University und der Stanford University verbunden. Sein jüngstes Buch «Design Your Future», das er gemeinsam mit Martin Eppler verfasst hat, ist bei Cambridge University Press erschienen.