Forschung - 24.09.2026 - 15:00
Mit dem Beginn des Herbstsemesters 2026 startet das St.Gallen Collegium ins zweite Jahr. Die erste Fellow-Kohorte des HSG-Wissenschaftskollegs hatte sich mit der Frage beschäftigt: Wie kann Freiheit neu interpretiert werden? Die zweite Kohorte fokussiert sich nun auf das Thema «digitale Souveränität».
Souveränität ist zum Schlüsselbegriff einer Weltordnung geworden, in der politische, ökonomische und kulturelle Systeme zunehmend auseinanderdriften. Die digitale Welt hingegen ist eigentümlich verflochten und vernetzt. Eine Besonderheit unserer Zeit ist, dass sie ihre technologischen Grundlagen zunehmend als Abhängigkeit erfährt.
Digitale Technologien sind heute kritische Infrastruktur von Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft. Doch je selbstverständlicher diese Infrastruktur wird, desto deutlicher zeigt sich auch ihr Preis: Wer sich auf im Ausland entwickelte und betriebene Technologie verlässt, wird abhängig und verliert Handlungsfähigkeit.
Bereits 2021 appellierten die Regierungschefinnen Deutschlands, Dänemarks, Estlands und Finnlands an die Europäische Kommission, es sei «Zeit für ein digital souveränes Europa». Im Nachgang der 61. Münchner Sicherheitskonferenz im Jahr 2025 wurde dieser Ruf von der europäischen Industrie mit Nachdruck aufgegriffen – als Forderung nach einer industriepolitischen Strategie zum Abbau kritischer Abhängigkeiten.
Doch digitale Souveränität ist mehr als ein staats- und wirtschaftspolitisches Anliegen. Sie betrifft alle Ebenen bis hinunter zur einzelnen Bürgerin, zum einzelnen Bürger. Digitale, technologische und Datensouveränität bezeichnen die Fähigkeit, die Kontrolle über die eigenen digitalen Daten, Werkzeuge und Infrastrukturen zu behalten. Hinzu kommt eine tief reichende Beunruhigung. Was passiert, wenn digitale Technologien selbst zunehmend autonom agieren und Künstliche Intelligenz zu einem eigenständigen Akteur neben dem Menschen wird? Diese Aussicht wirft die Frage der Souveränität in einer radikal neuen Schärfe auf.
Digitale Souveränität lässt sich nicht auf eine Disziplin, eine Ebene oder einen Akteur reduzieren. Für das St.Gallen Collegium wurden im Rahmen eines kompetitiven Auswahlverfahrens sieben Fellows aus unterschiedlichen Disziplinen ausgewählt, die digitale Souveränität in ihren unterschiedlichen Facetten erkunden und durchdenken werden. Sie werden dies im Rahmen gemeinsamer Forschungsaktivitäten sowie mit individuellen Projekten tun.
Mit dem Start des zweiten Jahres ist die akademische Leitung des Collegiums von Prof. Dr. Claudia Brühwiler auf Dr. Julian Eckl übergegangen, Politikwissenschaftler an der School of Economics and Political Science. Er interessiert sich für immersive Forschungs- und Lehrmethoden wie Ethnographie und spielbasiertes Lernen. Mit Blick auf das kommende akademische Jahr hält er fest: «Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit unseren wunderbaren Fellows. Für mich beschreibt (digitale) Souveränität nicht nur die materiellen Fähigkeiten einzelner Akteure, sondern auch eine soziale Institution der globalen Ordnung, die derzeit neu ausgehandelt wird.»
Prof. em. Dr. Christoph Frei begleitet die Fellows auch im zweiten Jahr als Convenor und Moderator der internen Workshops. Administrativ wird das Collegium von Cornelia Kappeler unterstützt.
Der dritte Jahrgang des St.Gallen Collegiums startet im Herbst 2027. Er wird sich dem Thema «Performance» bzw. «Leistung» widmen. Die Bewerbungsfrist läuft noch bis zum 18. Oktober 2026.
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