Forschung - 23.09.2026 - 10:00
Digitale Plattformen wie Amazon, Apple oder Google stehen aufgrund ihrer Marktmacht zunehmend in der Kritik. Können dezentrale Plattformen eine realistische Alternative zu diesen Tech-Giganten sein – oder bleiben sie ein Nischenphänomen?
Tim Meyer: Genau das versuchen wir im Rahmen des Forschungsprojekts herauszufinden. Im Gegensatz zu Plattformen wie Amazon, Apple oder Google liegt die Kontrolle über dezentrale Plattformen nicht bei einem einzelnen Unternehmen, sondern bei mehreren Akteuren, die sich diese Macht teilen. Das klingt zunächst nach einer interessanten Alternative. In der Praxis ergeben sich allerdings auch hier Herausforderungen. So hat sich gezeigt, dass die Gestaltung und Koordination von dezentralen Plattformen schwieriger sind und dass auch hier einige Akteure eine dominante Stellung einnehmen. In unserem Projekt versuchen wir daher herauszufinden, inwiefern dezentrale Plattformen tatsächlich so gestaltet werden können, dass sie einen Mehrwert für Nutzer:innen und Produktanbieter auf diesen Plattformen bieten.
Ihr Projekt «Decentralization and Platform Governance» untersucht sogenannte «Decentralized Autonomous Organizations» (DAOs). Was machen deren Entscheidungsprozesse aus und welche Erkenntnisse erwarten Sie über die Vor- und Nachteile dieser Governance-Form?
TM: Dezentrale Plattformen basieren in aller Regel auf sogenannten «Decentralized Autonomous Organizations» oder kurz «DAOs». Die Grundidee hinter diesen DAOs ist, dass Entscheidungen, z. B. über die Gestaltung einer dezentralen Plattform, von einer Gemeinschaft von Personen kollektiv getroffen werden. In der Praxis geschieht dies in der Regel durch Abstimmungen, bei denen jedes Mitglied der DAO seine Zustimmung oder Ablehnung zu einer bestimmten Entscheidung zum Ausdruck bringen kann. Der Nachteil dieser Governance-Form ist, dass Entscheidungen oftmals länger dauern und die Kontrolle der Plattform damit schwieriger wird. Da die zu treffenden Entscheidungen zudem in der Regel sehr komplex sind, delegieren viele Teilnehmer ihre Stimmrechte an einige wenige Experten in der DAO, was wiederum zu einer Konzentration der Kontrolle führt, die der Grundidee der Dezentralisierung eigentlich widerspricht.
Im Mittelpunkt Ihrer Studie stehen Kryptobörsen. Welche Erkenntnisse aus diesem Bereich lassen sich auch auf andere digitale Plattformen oder Branchen übertragen?
TM: Das Spannende an Kryptobörsen ist, dass es hier zwei Arten von Plattformen gibt, die parallel koexistieren: klassische digitale Plattformen, bei denen ein Unternehmen die volle Kontrolle hat, und dezentrale Plattformen, bei denen Macht auf mehrere Akteure verteilt ist. Beide Arten von Kryptobörsen bieten Nutzer:innen die gleiche Dienstleistung, nämlich den Handel mit Kryptowährungen, auch wenn sie in ihrem Aufbau grundverschieden sind. Das ermöglicht einen direkten Vergleich der Vor- und Nachteile beider Modelle sowie des entsprechenden Verhaltens der Nutzer:innen. Ähnlich wie viele andere Plattformen ermöglichen Kryptobörsen letztlich Transaktionen zwischen Käufern und Verkäufern, sodass einige Erkenntnisse auch auf andere Bereiche übertragen werden können.
Derzeit wird intensiv über die Risiken von Künstlicher Intelligenz und die Macht grosser Technologieunternehmen diskutiert. Welche Rolle kann Dezentralisierung dabei spielen, digitale Märkte transparenter, fairer und vertrauenswürdiger zu gestalten?
TM: Sowohl bei Künstlicher Intelligenz als auch bei dezentralen Plattformen und der darunterliegenden Blockchaintechnologie geht es letztlich um die Frage, wie neuartige Algorithmen Unternehmen und Geschäftsmodelle verändern werden. Der Effekt dieser beiden Technologien ist aber sehr unterschiedlich. Bei KI sehen wir, zumindest aktuell, eine zunehmende Konzentration von Macht bei Unternehmen, die die Kontrolle über Algorithmen haben. Die Idee hinter dezentralen Plattformen und der dahinterstehenden Blockchaintechnologie ist es hingegen, Kontrolle auf mehrere Akteure zu verteilen. Grundsätzlich könnte sich hier also ein interessantes Gegengewicht ergeben. Ob dies auch in der Praxis funktioniert, erforschen wir in unserem Projekt.
Was wäre aus Ihrer Sicht der wichtigste Erfolg Ihres Forschungsprojekts? Welche konkreten Erkenntnisse könnten Unternehmen, Regulierungsbehörden oder die Gesellschaft daraus gewinnen?
TM: Das Ziel des Forschungsprojekts ist es letztlich zu verstehen, ob dezentrale Plattformen in der Praxis tatsächlich langfristig erfolgreich sein können. Obwohl klassische digitale Plattformen oft in der Kritik stehen, bleibt unklar, in welchen Bereichen dezentrale Plattformen wirklich einen Mehrwert bieten. Digitale Plattformen sind oft sehr effizient in der Gestaltung ihrer Prozesse und können schnell auf neue Entwicklungen reagieren. Das bietet Vorteile, von denen letztlich auch Nutzer:innen profitieren können. Mit dem Forschungsprojekt möchten wir herausfinden, in welchen Bereichen dezentrale Plattformen einen echten, zusätzlichen Mehrwert bieten können, und dadurch verstehen, welche Prinzipien allenfalls auch auf die klassischen digitalen Plattformen übertragen werden können.
Wenn wir in zehn Jahren auf die Plattformökonomie blicken: Glauben Sie, dass Dezentralisierung dann eher die Ausnahme oder ein fester Bestandteil digitaler Märkte sein wird – und warum?
TM: Ich denke, dass dezentrale Plattformen in einigen Bereichen sicherlich eine wichtige Rolle spielen werden. Das gilt insbesondere für Bereiche, in denen die Produkte, die auf der Plattform gehandelt werden, digital sind und in denen die Sicherstellung von Vertrauen zwischen Transaktionspartnern eine wichtige Rolle spielt. Einige Experten gehen ausserdem davon aus, dass sie beim Austausch von Dienstleistungen zwischen KI-Agenten eine wichtige Rolle spielen könnten. Die weitere Entwicklung im Bereich dezentraler Plattformen bleibt also sicherlich spannend.
Prof. Tim Meyer ist Assistenzprofessor für Strategisches Management an der Universität St.Gallen. Seine Forschung beschäftigt sich u.a. damit, wie digitale Plattformen und Ökosysteme die Performance und Wettbewerbsbeziehungen von Unternehmen beeinflussen. Im Rahmen des SNF-finanzierten Projekts «Decentralization and Platform Governance» (Start: 01.10.2026, Laufzeit 2 Jahre) untersucht er, ob dezentrale Plattformen eine praktikable Alternative zu den grossen Plattformunternehmen darstellen.
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