close

Hintergrund - 22.11.2022 - 15:19

Sesseltausch oder Schnuppern für Fortgeschrittene

«Gehe hundert Schritte in den Schuhen eines anderen, wenn du ihn verstehen willst», lautet ein Sprichwort. Übersetzt auf die moderne Arbeitswelt würde es heissen: Tausche den Sessel mit einer anderen Person, damit du agil bleibst und neue Wege ausprobieren kannst. Der Sesseltausch ist zu einem Trend in der von Transformation geprägten Arbeitswelt geworden. Am 21. November 2022 tauschten HSG-Mobilitätsforscher Andreas Herrmann und BCG-Unternehmensberater Nikolaus Lang ihre Sessel und Aufgaben.

Sesselkleber, Sesseltanz, Sesselrücken: Der Sessel muss – neben unserem anspruchsvollen Rücken – für viele Assoziationen hinhalten. Um geistig beweglich zu bleiben in der neuen Arbeitswelt, wird auch der Sesseltausch immer beliebter: Zwei Mitarbeitende, gerne auch Führungskräfte, tauschen für eine bestimmte Zeit ihren Arbeitsplatz und lassen sich von den anderen Aufgaben und Herangehensweisen inspirieren. 

Agilität heisst das Zauberwort

Gewohnte Denkrouten verlassen und neue Wege ausprobieren: Dazu kann der Sesseltausch anregen. Denn um die Transformation in der Arbeitswelt besser meistern zu können, müssen Führungskräfte agil bleiben. «Agilität» lautet das Zauberwort der neuen Arbeitswelt: Es steht für hohe Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit und gilt als Schlüsselkompetenz, um auf Veränderungen flexibel zu reagieren. Denn die Arbeitswelt ist stets im Wandel: Neue technologische Entwicklungen, die digitale Transformation, veränderte Werte und Erwartungen an Kultur und Zusammenarbeit sowie eine zentrale Rolle von Nachhaltigkeit stellen Führungskräfte und Mitarbeitende vor komplexe Herausforderungen. Wie reagieren sie darauf? Dank des Sesseltauschs sollen Führungskräfte selbst dynamischer werden, neue Wege ausprobieren und sich von der anderen Perspektive für ihren Arbeitsalltag inspirieren lassen.  

New Work: Sesseltausch für alle

Das Ausprobieren neuer Rollen ist ein zentraler Bestandteil von «New Work», einem Begriff, der die Arbeitswelt der Zukunft umschreibt. Durch den Rollentausch sollen Teilnehmende mehr Empathie für andere Tätigkeiten erhalten. Im Life Design wird das zeitlich begrenzte Ausprobieren neuer Rollen «Protoyping» genannt. Die Methode kommt insbesondere beim Wunsch nach einem Jobwechsel zum Einsatz. Professor Sebastian Kernbach leitet das Life Design Lab an der HSG und nennt die Vorteile des Sesseltauschs: «Bei einem Sesseltausch kann man mit wenig Risiko in eine andere Rolle schlüpfen, eigene Annahmen überprüfen und erhält so einen Reality-Check.» Kommunikationswissenschaftler Kernbach betont, dass der Sesseltausch bei New Work längst nicht mehr nur ein Privileg einiger Prominenter oder Führungskräfte sei, sondern von kommenden Generationen als Karriereentwicklungsprogramm erwartet werde: «Jüngere Talente wollen nicht mehr mehrere Jahre ausschliesslich in einer Rolle tätig sein. Inzwischen bieten Unternehmen institutionalisierte Programme an, die den Sesseltausch ermöglichen», so Professor Kernbach. Als Beispiel nennt er das «Bungee-Programm» von Google, bei dem Mitarbeitende bei Abwesenheiten ihrer Kollegen und Kolleginnen, zum Beispiel während der Familienzeit, bewusst eine andere Rolle einnehmen, um neue Perspektiven zu erhalten und sich weiterzuentwickeln.

Wirtschaftsmensch in der Wissenschaft

Durch den Perspektivenwechsel zu neuen Erfahrungen gelangen und die Arbeitswelt des anderen besser kennenlernen: Das war auch das Ziel des eintägigen Sesseltauschs von Nikolaus Lang und Andreas Herrmann. Der Berater bei Boston Consulting Group und der Direktor des Instituts für Mobilität (IMO) an der HSG tauschten am Montag, 21. November 2022, ihre Büros und Aufgaben. Der 51-jährige Ökonom Lang berät weltweit Firmen zu Mobilitäts- und Globalisierungsthemen, leitet die funktionale Praxisgruppe «Global Advantage» von BCG und hat in den vergangenen Jahren gemeinsam mit dem Weltwirtschaftsforum das Thema «Future of Mobility» vorangetrieben. 

Lang und Herrmann arbeiten schon seit vielen Jahren zusammen, gemeinsame Projekte sind etwa die «Mobilität in Stadt der Zukunft» oder «Inklusion durch Mobilität». Bei der Zusammenarbeit kam dann der Gedanke auf: «Wollen wir nicht mal einen Jobtausch machen?» Nikolaus Lang hat während seines Jobtauschs im Audimax vor mehreren hundert Studierenden die Vorlesung «Digitale Ökosysteme» gehalten. Der Ökonom war positiv überrascht, dass trotz der Grösse der Vorlesung eine lebhafte Diskussion entstand. Ebenfalls überrascht hat ihn ein technisches Detail: Das Wurfmikrofon. «Offensichtlich müssen Studierende an der HSG nicht nur schlaue Fragen stellen, sondern zuerst noch das Mikrofon fangen können», sagt Lang und lacht. 

Sein Lieblingspart des Tages sei eine intensive Strategie-Session mit dem gesamten IMO-Team gewesen, in der Lang mit den Mobilitätsexperten die zukünftige Positionierung des Instituts anhand einer Mobilitäts-Landkarte diskutierte. Welches Fazit zieht der Berater nach dem Sesseltausch mit Andreas Herrmann? «Für mich war es eine sehr bereichernde Erfahrung, mich mit den Studierenden auszutauschen und mit dem IMO-Team strategische Perspektiven zu diskutieren. Als Professor kann ich junge Menschen, die vor wesentlichen Entscheiden in ihrem Leben stehen, bei ihrer Berufswahl unterstützen und gemeinsam Forschungsschwerpunkte definieren. Inhaltlich hat mich vor allem die beeindruckende Themenbreite am IMO angesprochen und die Zeit, die zur Verfügung steht, um sich vertieft einer Fragestellung zu widmen», sagte Nikolaus Lang, der vor rund 25 Jahre selbst an der HSG studiert und promoviert hatte. 

Gast-Chefredaktorin und Professor auf Zeit

Bereits vor zehn Jahren Schlagzeilen gemacht hat der Sesseltausch von Miriam Meckel und Res Strehle: 2013 tauschten die beiden Führungskräfte für eine Woche ihren Sessel: Die Professorin und Leiterin des Instituts für Kommunikationsmanagement an der Universität St.Gallen leitete eine Woche lang die Redaktion des Tages-Anzeigers. Res Strehle, damals Chefredaktor der Tageszeitung, übernahm Meckels Vorlesungen und Sprechstunden an der Universität. Während Res Strehle die Medien- und Kommunikationsmanagement Vorlesungen mit Beispielen aus der Redaktionspraxis bereicherte und den Raum für Theoriedebatten mit den Studierenden genoss, setzte Miriam Meckel ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse aus der Medienkonvergenz im Redaktionsalltag gleich praktisch um. Fazit: «Schnuppern» ist also bereichernd – für Berufseinsteiger:innen genauso wie für Fortgeschrittene. 

Sabrina Rohner

Bildlegende: 
Nikolaus Lang mit IMO-HSG-Team in St.Gallen (Hauptbild: Universität St.Gallen (HSG) / Hannes Thalmann)
Andreas Herrmann bei BCG in München (Bild: BCG)

north