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Eröffnung des Schweizer KMU-Tag 2022

Hintergrund - 31.10.2022 - 10:05

Schweizer KMU-Tag 2022

Am 28. Oktober fand in St.Gallen der 19. KMU-Tag statt. Die über 1000 Teilnehmende erlebten einen abwechslungsreichen Tag mit Einblicken in unterschiedliche Unternehmen.

An keiner Tagung sind sich die Schweizer KMU näher, so das Versprechen des KMU-Tags, der traditionell in den Olma Messen St.Gallen stattfindet. Da passte das diesjährige Thema «Beziehungen» bestens. Laut Gastgeber Dr. Tobi Wolf sind Beziehung das, was in Zeiten des Umbruchs Stabilität gibt. Er stellte Erkenntnisse der aktuellen Studie des Schweizerisches Institut für KMU und Unternehmertum vor, wonach u.a. Kooperation und Kollaboration immer wichtiger werden. Zudem werden Geschäftsbeziehungen laut den befragten Unternehmer:innen hybrider und digitaler. Trotzdem hofft er nicht, dass virtuelle Welten wie das Metavers die Realität ablösen, insbesondere im Hinblick auf persönliche Beziehungen.

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KMU: Von der Kooperation zur Kollaboration

Dr. Tobias Wolf über die aktuelle Studie des Schweizer KMU-Tag 2022.
Prof. Reto Foellmi am Schweizer KMU-Tag 2022
«Inflation ist wie Zahnpasta, man bekommt sie zwar leicht aus der Tube, aber nicht mehr hinein», so Reto Föllmi.

Inflation: Nationalbanken am Zug

Inflation: Nationalbanken am Zug

Moderator Franz Fischlin begrüsste als ersten Referenten Prof. Reto Föllmi. Dieser erläuterte die Gründe der aktuellen Inflation, wie ausbleibende Globalisierungsdividende und pandemiebedingte Lieferengpässe, preistreibende Konjunkturprogramme und eine expansive Geldpolitik. Aktuell sehe man eine enorme Volatilität der Preise, insbesondere der Produzentenpreise. Die Nationalbanken müssten den Geldhahn zudrehen und die Zinsen erhöhen, so Reto Föllmi. Doch was heisst das für Firmen? «Man ist sich seit Jahren gewohnt, dass die Zinsen stetig sinken. Hohe Zinsen schaffen ein neues Wirtschaftsumfeld, an das man sich anpassen muss.» Er glaubt nicht daran, dass die Inflation rasch vorübergeht, zumal sie inzwischen auch im Dienstleistungsbereich angekommen ist. Für Firmen sieht er aber auch Chancen: Die Lohn-/Preissituation ermögliche ggf. eine Anpassung der Preise. «Das Schmiermittel ΄Inflation΄ kann man selbst nutzen.»

Giada Illardo, die «Tattoo-Königin der Schweiz», schilderte ihre persönliche Erfolgsgeschichte. Als Unternehmerin sei für sie die «Beziehung zu sich selbst» zentral. «Wenn Überzeugung die Leidenschaft des Herzens antreibt, entsteht eine Erfolgsgeschichte», so Giada Illardo. Die Beziehung zu sich selbst habe sich im Laufe der Zeit stark verändert und am meisten habe sie durch Misserfolge gelernt. Rückblickend hätte sie nie geahnt, was alles auf sie zukommen würde, doch Aufgeben war nie eine Option. «Erfolg ist das was folgt, wenn du deiner Bestimmung folgst», ist sie überzeugt. «Meine Vision war es, eine Branche zu revolutionieren.»

Packende Start-up Pitches

Zum Auftakt des Nachmittags stellten drei Start-ups ihre Geschäftsmodelle vor. Oliver Kofler, CEO von Carvolution, machte den Auftakt. Carvolution möchte beim «Auto Abo» Markführer bleiben und schafft es, mit intensivem Marketing einen Snowball-Effekt zu erzeugen, der für Wachstum sorgt. Dabei spielt die Gründerin und HSG-Alumna Léa Miggiano als «Gesicht» des Brands eine wichtige Rolle. Das Wachstum überzeugt auch Investor:innen: Bislang hat das Start-up über 50 Millionen Franken eingesammelt. Stefanie Lopar stellte Meet & Match vor. Ihre Dating-Plattform sticht dadurch hervor, dass sie online und offline kombiniert. Ein Algorithmus ermittelt die Passgenauigkeit der Singles, die sich dann bei physischen Anlässen treffen. Anschliessend wählen sie die interessanten Kontakte online aus und bei Übereinstimmung wird die Chat-Funktion freigeschaltet. Ein wichtiger Aspekt des Geschäftsmodels ist der B2B-Teil: Partner wie Eventlokalen oder Restaurants, wo Anlässe stattfinden, steuern zu den Einnahmen bei. HSG-Absolvent Frederik Isler stellte Anybotics vor, eins der am stärksten wachsenden Hightech-Unternehmen der Schweiz. Die weitgehend autonomen Laufroboter von Anybotics sind für industrielle Anwendungen gedacht und sollen etwa präventive Wartungen ermöglichen. Zu den Herausforderungen zählt das komplexe Produkt mit eigener Soft- und Hardware sowie eine tiefe Fehlertoleranz bei den Kunden. Um diese zu meistern, setzt Anybotics u.a. auf hochqualifizierte Mitarbeitende, transparente Führung, skalierbare Prozesse und eine Kultur des konstanten Lernens. Wo würden die Anwesenden ihr Geld investieren? Das Urteil fiel deutlich aus: 73 Prozent der Stimmen für Anybotics.
 

Diskussionsrunde am Schweizer KMU-Tag 2022
Hatten je zehn Minuten, um ihre Start-ups im besten Licht zu präsentieren: Frederik Isler (Anybotics), Stefanie Lopar (Meet & Match) sowie Oliver Kofler (Carvolution) (v.l.n.r.). Wo bleibt bei Meet & Match die Romantik? In der Diskussion waren auch kritische Fragen von Franz Fischlin (ganz links) zu beantworten.

Bäckermeister Reto Schmid, Gründer des Labels «La Conditoria» in Sedrun, zeigte auf, wie er seine Dorfbäckerei innert weniger Jahren in ein florierendes Unternehmen mit über 40 Mitarbeitenden entwickelt hat. «Ich bin Unternehmer, nicht Unterlasser» so der umtriebige Bündner. «Wichtig ist, dass man ein Ziel hat und es konsequent verfolgt.» Eins seiner Ziele war es, eine Million Mini-Nusstörtchen pro Jahr zu verkaufen. Inzwischen hat er nicht nur das erreicht, sondern auch seine Produktpalette diversifiziert. Als «innovativer Produktentwickler» kreiert er Produkte für Detailhändler, was strategisches Wachstum ermöglicht. Zu seinen Erfolgsrezepten zählen neben Qualität, Innovation, Flexibilität und Nachhaltigkeit auch die Wertschätzung gegenüber Mitarbeitenden sowie persönliche Kundenbeziehung.

Aufruf zu politischem Engagement

HSG-Alumna Jacqueline Badran sorgte für den Schlusspunkt. Die Unternehmerin und SP-Nationalrätin sprach über ihre Motivation, nach Bern zu gehen: «Endlich eine KMU-Politik aufgleisen, die diesen Namen verdient.» Natürlich sei dies aufgrund der grossen Heterogenität der KMU-Landschaft schwierig, doch KMU-Anliegen kämen in Bundesbern schlicht nicht an, so ihre traurige Botschaft. Und dies, obwohl keine Gelegenheit ausgelassen werde, KMU als Rückgrat der Schweizer Wirtschaft zu preisen. Anhand einiger Beispiele zeigte sie auf, wie wenig KMU-freundlich und überholt gewisse Gesetze seien. «Man muss Bern auch etwas zwingen, eine KMU-freundliche Politik zu machen, statt nur darüber zu parlieren.» So forderte sie die Anwesenden auf, Einfluss auf den Gesetzgebungsprozess zu nehmen. «Bauen Sie Beziehungen auf zur Politik und lassen Sie sich dabei nicht von den Sonntagsreden blenden», so ihr Votum.

Bilder: Roger Sieber/Schweizer KMU-Tag
 

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