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Forschung - 20.08.2026 - 10:30 

Warum der digitale Drogenhandel in Europa boomt und in Lateinamerika kaum

Eine Studie mit HSG-Beteiligung untersucht, weshalb verschlüsselte Online-Marktplätze für Drogen vor allem in Europa verbreitet sind. Dies, obwohl ein grosser Teil der globalen Drogenproduktion in Lateinamerika stattfindet.

Kokain aus Lateinamerika wird in Europa zunehmend auch über verschlüsselte Online-Marktplätze verkauft. Bezahlt wird mit Kryptowährungen, bestellt über anonymisierte Plattformen, geliefert per Post. Auf den ersten Blick scheint diese Entwicklung naheliegend: Digitale Märkte überwinden Distanzen und könnten Produzenten theoretisch direkt mit Konsument:innen verbinden.

Doch genau das geschieht kaum. Während sich sogenannte Kryptomärkte in Europa zu einem wichtigen Vertriebskanal für kleinere Mengen illegaler Drogen entwickelt haben, bleiben sie in Lateinamerika marginal. Dies, obwohl die Region eine zentrale Rolle spielt in der globalen Produktion und im Export von Kokain und Cannabis.

Auch Drogenmärkte brauchen Vertrauen

Der HSG-Soziologe Matias Dewey hat dieses Paradox nun gemeinsam mit internationalen Forschenden theoretisch untersucht. Die Studie (hier frei zugänglich) wurde kürzlich im Fachjournal «Trends in Organized Crime» veröffentlicht. Die Forschenden entwickelten auf Grundlage bestehender Forschung und internationaler Vergleichsdaten ein analytisches Modell, das erklären soll, weshalb sich Kryptomärkte regional unterschiedlich verbreiten.

Die zentrale Erkenntnis: Ob sich Drogenhandel digitalisiert, hängt nicht allein von Technologie oder krimineller Innovationsbereitschaft ab. Entscheidend sind soziale Praktiken, politische Rahmenbedingungen und das Vertrauen in die Infrastruktur eines Landes. 

Kryptomärkte funktionieren über verschlüsselte Kommunikationskanäle, anonyme Nutzerkonten und digitale Bezahlsysteme wie Bitcoin. Plattformen übernehmen dabei Funktionen, die sonst im direkten Kontakt zwischen Händler und Käufer entstehen: Sie ermöglichen Bewertungen, verwalten Zahlungen treuhänderisch und schaffen damit ein gewisses Mass an Vertrauen zwischen anonymen Personen. Für Konsumierende bieten sie eine grössere Auswahl, mehr Bequemlichkeit und aus ihrer Sicht ein geringeres Risiko, beim Kauf auf der Strasse von der Polizei kontrolliert zu werden.
Kein digitaler Drogenhandel ohne funktionierende Post

Die Forschenden argumentieren jedoch: Ein solcher Markt entsteht nicht einfach, weil es Internetzugang und Kryptowährungen gibt. Er braucht ein ganzes sozio-technisches Umfeld.

Ihre Analyse unterscheidet vier eng miteinander verknüpfte Faktoren: 
•    soziale Vertrauensbeziehungen 
•    die politisch-soziale Einbettung von Drogenmärkten
•    die Zuverlässigkeit digitaler und postalischer Infrastruktur 
•    das Vertrauen in Finanzsysteme und digitale Zahlungsmittel

In Europa treffen diese Bedingungen häufig zusammen. Der Konsum illegaler Drogen ist hoch, insbesondere in urbanen Nachtleben- und Partykulturen. Zugleich werden Handel und Besitz kleiner Mengen in vielen Ländern stark verfolgt. Daraus entsteht ein Anreiz, den Kauf in einen anonymisierten digitalen Raum zu verlagern. 

Auch die technische Grundlage ist in Europa stabil. Rund 90 Prozent der Haushalte verfügen über Festnetz-Breitbandinternet. Digitale Zahlungen, Onlinehandel und Bankdienstleistungen gehören für grosse Teile der Bevölkerung zum Alltag. In der Eurozone besitzen fast alle Erwachsenen ein Bank- oder Mobilgeldkonto. Hinzu kommt ein vergleichsweise klarer regulatorischer Rahmen für Kryptowährungen. Diese Faktoren machen Kryptomärkte nicht legal, aber sie machen ihre Nutzung technisch und organisatorisch einfacher.

Weniger digitale Vernetzung in Lateinamerika

In Lateinamerika ist die Situation anders. Zwar gibt es auch dort digitale Drogenmärkte, doch sie spielen für den Verkauf an lokale Konsumierende eine deutlich kleinere Rolle. Die Studie verweist auf mehrere Gründe: Nur 62 Prozent der Haushalte verfügen über Festnetz-Breitbandzugang, die Qualität der Verbindungen unterscheidet sich stark zwischen Städten und ländlichen Regionen. Postsysteme gelten in vielen Ländern als unzuverlässig. Gerade das ist für Kryptomärkte zentral, denn die digitale Bestellung muss am Ende physisch zugestellt werden.

Hinzu kommt ein geringeres Vertrauen in digitale Technologien, Banken und staatliche Institutionen. In Lateinamerika haben rund drei Viertel der Erwachsenen ein Bank- oder Mobilgeldkonto, in der Eurozone sind es fast alle. Bargeld bleibt in Lateinamerika vielerorts das wichtigste Zahlungsmittel. 

Auch die Struktur des Drogenhandels unterscheidet sich. In Lateinamerika sind Märkte stärker durch informelle persönliche Kontakte und durch exportorientierte Lieferketten geprägt. Der lokale Konsum ist im Vergleich zu Europa geringer, und der Verkauf kleiner Mengen wird teilweise weniger konsequent verfolgt. Damit fehlt ein Teil des Drucks, der europäische Konsumierende in anonymisierte digitale Märkte drängt.

Die Studie widerspricht damit einer verbreiteten Vorstellung: Digitale Technologien verändern illegale Märkte nicht automatisch und überall gleich. Sie ersetzen bestehende soziale und institutionelle Strukturen nicht, sondern bauen auf ihnen auf. Selbst ein anonymer Online-Marktplatz benötigt Vertrauen – in die Plattform, die Zahlung, die Zustellung und letztlich in die Systeme, die all dies ermöglichen.

„Es hat mich überrascht, dass es unglaublich wenig Forschungsarbeiten darüber gibt, wie sich die digitale Welt auf illegale Wirtschaftszweige im Allgemeinen auswirkt. Die derzeitigen Kürzungen bei den Forschungsmitteln werden wahrscheinlich nicht dazu beitragen, diese Situation zu ändern“, sagt Dewey. 

Dewey wird dieses Thema in seiner Forschung weiterhin eingehend untersuchen: Zusammen mit den HSG-Professoren Roy Gava und Mariana Valente erhielt er vom SNF Fördermittel (856'340 CHF) für ein Projekt mit dem Titel „Illegale Transaktionen im digitalen Zeitalter: neue Praktiken und regulatorische Vermittler in Lateinamerika“. Das Projekt startete im August 2026 und wird die Rolle von legalen Plattformen und digitalen Zahlungsmitteln, vor allem virtuellen Geldbörsen, auf den illegalen Märkten für Drogen, Fälschungen und Material über sexuellen Kindesmissbrauch analysieren.
 

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