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Forschung - 30.01.2024 - 08:30 

Monitoring und Veröffentlichung von Qualitätsinformationen im Gesundheitswesen

Der Bundesrat möchte die Transparenz von Qualitätsinformationen im Schweizer Gesundheitswesen verbessern. Die vom Bundesrat eingesetzte Eidgenössische Qualitätskommission (EQK) hat Ende 2022 ein Projekt in Auftrag gegeben, an dem Forschende der Universität St.Gallen massgeblich mitgewirkt haben. Wir sprachen mit dem inhaltlichen Projektleiter Dr. Justus Vogel von der School of Medicine (Med-HSG).

Projektträger des Mandats war das universitäre Netzwerk Swiss Learning Health System (SLHS), in welchem der Lehrstuhl für Gesundheitsökonomie, -politik und -management der School of Medicine (Med-HSG) seit 2020 Mitglied ist. Im Projekt schuf ein Team von fünf Universitäten aus allen Landesteilen der Schweiz (Lausanne, Zürich, Luzern, St.Gallen, Tessin) gemeinsam eine Wissensbasis für Qualitätsmonitoring und -transparenz. Die inhaltliche Leitung des Projekts lag bei den Forschenden aus St.Gallen.

Justus Vogel, was haben Sie in Ihrem Projekt erforscht? 

Unser Team hatte den Auftrag, der EQK Handlungsspielräume für Qualitätsmonitoring und öffentliche Berichterstattung von Qualitätsinformationen im schweizerischen Gesundheitswesen aufzuzeigen. In einem ersten Schritt haben wir eine belastbare Wissensbasis als Entscheidungsgrundlage erarbeitet, indem wir acht Monitoringsysteme und 18 Webseiten aus acht Ländern analysierten und miteinander verglichen. Dazu gehören die Schweiz, Deutschland, England, Frankreich, die Niederlande, Schweden, USA und Australien. Es zeigte sich, dass sich die Monitoringansätze und die Veröffentlichung von Qualitätsinformationen in Bezug auf Ziele, Zielpublikum, Inhalte sowie Datenherkunft, -analyse und -struktur stark unterscheiden. 

Im Zentrum des Projekts stand die Forschungsfrage, welche Interessengruppen ein Monitoringsystem für welchen Zweck nutzen möchten, wer Bedarf an der öffentlichen Berichterstattung von Qualitätsinformationen hat und wofür die veröffentlichten Informationen verwendet würden. In einem zweiten Schritt haben wir Workshops mit Stakeholdern, sogenannte «Stakeholder-Dialoge», durchgeführt, um Antworten auf diese Frage zu finden.

Können Sie uns ein Beispiel für ein Monitoringsystem nennen? 

Ja, in Frankreich kommt zum Beispiel ein rigides Monitoringsystem zum Einsatz, die sogenannte «certification des établissements de santé». Neben der Messung von über 100 Qualitätsindikatoren von akutsomatischen Spitälern, Psychiatrien und Rehabilitationskliniken, wird alle vier Jahre ein Zertifizierungsprozess durchgeführt. Im Rahmen dieses Prozesses finden u.a. Audits statt. Behandlungsprozesse und -situationen werden vor Ort begutachtet, Mitarbeitende werden interviewt und Patienten befragt. Andere Monitoringansätze basieren stärker auf der Analyse von Sekundärdaten. In Deutschland werden zum Beispiel selbstberichtete Qualitätsindikatoren von akutsomatischen Spitälern ausgewertet und bei unzureichender Qualität wird mit den Spitälern ein «strukturierter Dialog» zur Feststellung der Qualitätsdefizite und ggfs. Definition von Qualitätsverbesserungsmassnahmen abgehalten. 

Können Sie uns Details zu den Stakeholder-Dialogen erläutern?

Gerne. Wir haben schweizweit sieben «Stakeholder-Dialoge» durchgeführt. Es handelte sich um fünf Workshops mit Fachpersonen aus den verschiedenen Sektoren des Gesundheitswesens sowie zwei Workshops mit Patientinnen und Patienten, ihren Angehörigen und der Allgemeinbevölkerung. 
Die Workshops fanden je nach Gruppenzusammensetzung auf Deutsch, Französisch, Italienisch oder Englisch statt und in einigen Fällen in mehreren Sprachen. Bei einem Workshop in Lugano wurden z.B. alle vier Sprachen gesprochen – eine auch persönlich bereichernde Erfahrung. 

Im Zentrum der Diskussionen standen folgende Fragen: Welche Akteure brauchen welche Qualitätsinformationen? Soll in der Schweiz ein Monitoring von Qualität stattfinden? Soll Qualität publiziert werden und wenn ja, wie? Aus den Diskussionen haben wir wichtige Impulse erhalten und Erkenntnisse gesammelt, die wir schliesslich in einem Endbericht in Empfehlungen für das Schweizer Gesundheitssystem zusammengefasst haben.

Was hat Sie überrascht? 

Menschen mit akuten gesundheitlichen Problemen stellen sich in einem ersten Schritt nicht die Frage nach besserer oder schlechterer Qualität eines Leistungserbringers, d.h. z.B. eines Spitals oder einer Praxis. Zuvorderst stehen Fragen wie: An wen wende ich mich bei bestimmten Beschwerden? Wer ist Spezialist für mein gesundheitliches Problem? Wo sind Kapazitäten frei und wo werde ich zur Behandlung aufgenommen? 

Erst wenn diese Fragen geklärt sind, kann die Frage nach der Qualität einzelner Leistungserbringer im Vergleich zu anderen gestellt werden. Und auch hierzu braucht es erst einmal das Bewusstsein, dass man eine Wahlmöglichkeit hat und man mit der «richtigen» Wahl selbst potenziell Einfluss auf den eigenen Behandlungserfolg nehmen kann. Wir haben bewegende Patientengeschichten gehört, in denen klar wurde, dass dieses Bewusstsein oft erst nach mehrfacher Behandlung und durch eigene Erfahrung mit dem Gesundheitssystem entstanden ist.

Was lernen Verantwortliche im Gesundheitswesen aus Ihrer Studie? 

Aus den Erkenntnissen haben wir insgesamt sieben Empfehlungen abgeleitet. Eine unserer Schlussfolgerungen ist, dass die Qualitätsmessung in der Schweiz nicht neu erfunden werden muss, sondern auf bereits vorhandene Datenquellen und Initiativen aufgebaut werden kann. Ausserdem sollte man nicht einfach «eine weitere Webseite» zur Veröffentlichung von Qualitätsinformationen bauen, sondern besonderen Wert legen auf eine intuitive Visualisierung und eine an den Bedürfnissen und Entscheidungsprozessen der Nutzer:innen entlang entworfenen Webseite. 

Aber wie erfahren Patientinnen und Patienten von solch einer Webseite und wer unterstützt sie dabei, sich zurechtzufinden? 

Hier kommen überweisende Ärztinnen und Ärzte oder andere medizinische Fachpersonen ins Spiel, die künftig im Idealfall als «Coaches» noch stärker als bereits jetzt eine erklärende und beratende Funktion bei der Leistungserbringerwahl übernehmen könnten. So wäre denkbar, dass sie die Webseite Schritt für Schritt mit Patient:innen durchgehen und verschiedene Möglichkeiten gemeinsam abwägen. Hausarztpraxen und Telemedizin-Centern würde damit künftig eine noch höhere Verantwortung zukommen: Sie könnten das Bewusstsein schaffen, dass die Qualität von Leistungserbringern unterschiedlich ist und je komplexer eine Behandlung, desto relevanter die Entscheidung, wo bzw. von wem man behandelt wird. Ziel ist es immer, dass es der Patientin bzw. dem Patient ermöglicht wird, eine eigene, informierte Entscheidung treffen zu können. Dieser Ansatz entspricht aus meiner Sicht sehr der Philosophie der «eidgenössischen» Eigenverantwortung und passt deshalb sehr gut in die Schweiz. 

Wer war beteiligt am Projekt?

Unser Bericht wurde von Forschenden des universitären Netzwerks Swiss Learning Health System (SLHS) erarbeitet. Neben unserem Team vom Lehrstuhl Health Economics, Policy, and Management der HSG waren Forschende der Universitäten Zürich, Luzern, Lausanne und der Scuola universitaria professionale della Svizzera italiana (SUPSI) am Projekt beteiligt. Wir hatten die inhaltliche Leitung inne und waren die Experten für den akutsomatischen Spitalsektor und die psychiatrische Versorgung. Die beteiligten Forschenden der anderen Universitäten fungierten als Themenexpertinnen und -experten für einen oder mehrere Gesundheitsbereiche. Zum Beispiel war das Institut für Hausarztmedizin der Universität Zürich als Experte für den ambulanten Praxissektor involviert. Aus meiner Sicht hat diese interdisziplinäre Teamarbeit gezeigt, dass ein nationales Forschungsprojekt unter Beteiligung von Universitäten aus allen Landesteilen sehr gut funktioniert.

Einen ganz wesentlichen Beitrag haben neben unserem Team die an den Workshops teilnehmenden Stakeholder geleistet – sowohl die Fachpersonen aus dem Gesundheitswesen als auch die Vertreter der Patientinnen und Patienten, Angehörigen und der Allgemeinbevölkerung. Alle Workshops waren geprägt durch konstruktiven Austausch sowie hohes Interesse an und intrinsischer Motivation für das Thema. Entsprechend dankbar sind wir allen Teilnehmenden.

Wie sehen die nächsten Schritte aus? 

Derzeit sind von der EQK mehrere Folgeprojekte auf Basis unserer Empfehlungen ausgeschrieben, u.a. zur Konzipierung, zum Aufbau und Betrieb einer Plattform, auf der die Qualitätsinformationen von Leistungserbringern aller Gesundheitsbereiche in der Schweiz veröffentlicht werden sollen. Ich bin sehr gespannt, wie sich die wichtigen Themen des Qualitätsmonitorings und der Qualitätstransparenz in der Schweiz im Laufe der Zeit entwickeln. 

Der Gesamtbericht findet sich unter: bag.admin.ch/eqk

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