Forschung - 09.06.2026 - 09:00
KI automatisiert Aufgaben, aber keine Unternehmenskultur. Wie sich dies auf Organisationen auswirkt, analysiert die Studie «Trendbarometer Arbeitgeberattraktivität» des Instituts für Führung und Personalmanagement der Universität St.Gallen (IFPM-HSG) und des Zentrums für Arbeitgeberattraktivität (zeag). Die Studie basiert auf Daten aus 94 deutschen Unternehmen mit mehr als 19’000 Befragten.
Gemäss Studienautorin Prof. Dr. Heike Bruch, Professorin für Leadership an der HSG, werden Arbeitgeber künftig daran gemessen, wie sie Mitarbeitende durch den digitalen Wandel führen können, ohne ihre Organisation zu erschöpfen. «Künstliche Intelligenz ist vor allem eine kulturelle Transformation. Das unterschätzen viele Unternehmen. Technologie und Tools kann man einkaufen. Vertrauen, Veränderungsbereitschaft und digitale Führung nicht», sagt Bruch.
Die Technologie verändert auch die Frage, warum Menschen überhaupt für ein Unternehmen arbeiten wollen. Lange galt «Employer Branding» als Disziplin der Hochglanzkampagnen, Benefits und Karriere-Websites. Die Studie «Trendbarometer» deutet auf einen Wandel hin: Demnach ist es nur dann erstrebenswert für rare Fachkräfte, für eine Firma zu arbeiten, wenn diese in der Lage ist, technologischen Wandel glaubwürdig und menschlich zu organisieren.
Nur 34 Prozent der Unternehmen werden von ihren Mitarbeitenden derzeit als «attraktiv» oder «sehr attraktiv» eingeschätzt. Gleichzeitig stehen Firmen unter grossem Druck. Fachkräftemangel, demografischer Wandel, KI-Transformation und neue Erwartungen der Generation Z treffen gleichzeitig aufeinander.
Das Forscherinnenteam an der HSG, Heike Bruch, Anna Stolle und Mara Jordan, sprechen von einer «KI-Culture». Gemeint ist nicht der Einsatz einzelner KI-Tools, sondern die kulturelle Fähigkeit eines Unternehmens, mit technologischem Wandel produktiv umzugehen. Entscheidend dafür seien drei Faktoren: digitales Mindset, KI-Strategie und Digital Leadership.
Besonders stark wirkt gemäss der Studie ein digitales Mindset, also die Fähigkeit, neue Technologien nicht als Bedrohung, sondern als Chance zu verstehen. Unternehmen mit ausgeprägter KI-Culture wer-den deutlich attraktiver wahrgenommen. Eine Weiterentwicklung dieser Kultur könne die Arbeitgeberattraktivität um bis zu 21 Prozent steigern.
Damit einher geht eine grössere Verschiebung auf dem Arbeitsmarkt. Beschäftigte fragen heute nicht mehr nur nach Gehalt oder Homeoffice, sondern zunehmend auch: Arbeite ich in einer zukunftsfähigen Position oder Firma? Lerne ich den produktiven Umgang mit KI? Oder werde ich technologisch abgehängt? Gerade für Berufseinsteiger wird diese Frage brisant. Denn KI automatisiert vor allem standardisierte Wissensarbeit. Also jene Tätigkeiten, über die viele bisher ins Berufsleben eingestiegen sind.
Gleichzeitig zeigt die Befragung, dass viele Unternehmen kulturell kaum auf die KI-Transformation vor-bereitet sind. Nur 28 Prozent verfügen überhaupt über eine ausgeprägte KI-Culture. Digital Leadership, das heisst, die Fähigkeit, auch remote und digital zu führen, ist sogar nur in 12 Prozent der Unternehmen stark ausgeprägt. Besonders auffällig dabei ist ein Begriff, der sich seit Jahren durch die Forschung von Heike Bruch zieht: die «Beschleunigungsfalle». Gemeint ist ein Zustand permanenter Überlastung, in welchem Beschäftigte zu viele Aufgaben gleichzeitig mit zu wenig Ressourcen bewältigen müssen. Das Trendbarometer zeigt: Diese Erschöpfung wird wieder zu einem der grössten Attraktivitätsbremsen moderner Arbeit.
Neben der Beschleunigungsfalle identifizieren die Forschenden «korrosive Energie», resignative Trägheit, Zentralisierung und «laissez-faire»-Führung als zentrale Probleme vieler Organisationen. «KI bietet enorme Chancen. Die grösste Gefahr ist jedoch Überhitzung. Schon heute sind 75% der Unternehmen in der Beschleunigungsfalle. Gefährlich wird es dort, wo KI Überhitzung beschleunigt», sagt Bruch. Damit entsteht ein paradoxes Bild: Unternehmen versuchen, Transformation immer weiter zu beschleunigen – verlieren dabei aber oft genau jene Menschen, die diesen Wandel tragen sollen.
Aus den Ergebnissen leiten die Autorinnen fünf zentrale Empfehlungen ab:
1. Standortbestimmung der Unternehmenskultur: Unternehmen sollten systematisch analysieren, wie stark Treiber und Bremser der Arbeitgeberattraktivität tatsächlich ausgeprägt sind. Besonders relevant sind dabei Energiezustände, Führungsqualität und digitale Reife.
2. Negative Dynamiken abbauen: Unternehmen müssen stärker daran arbeiten, Überlastung, Frustration und politische Reibungsverluste zu reduzieren, um eine Überbeschleunigung zu vermeiden.
3. Positive Energie stärken: Gleichzeitig gilt es Vertrauen, Autonomie und Zusammenarbeit zu fördern, um positive Energie zu mobilisieren.
4. KI-Culture gezielt entwickeln: Nicht einzelne KI-Tools entscheiden über Zukunftsfähigkeit, sondern die Fähigkeit einer Organisation, technologischen Wandel kulturell zu integrieren. Erfolgreiche Unter-nehmen fördern deshalb ein digitales Mindset, digitale Führung und strategische Klarheit.
5. KI-Transformation systematisch angehen: KI-Culture als zentralen Hebel nutzen, um den digitalen Wandel zu gestalten. Sie bildet die Basis für die weiteren Schritte in der Transformation.
Was Unternehmen langfristig attraktiv macht für Fachkräfte ist folglich weniger technologischer, sondern vor allem kultureller Natur: Menschen wünschen sich eine gute Vertrauenskultur, angenehme so-wie produktive Energie und internes Unternehmertum. Das widerspricht der verbreiteten Vorstellung, KI werde vor allem ein Technologie- oder Effizienzthema. Im Gegensatz zur käuflich erwerbbaren Techno-logie sind Vertrauen, Orientierung und Veränderungsbereitschaft Themen, in welche eine Organisation langfristig investieren muss.
«Arbeitgeberattraktivität ist weiterhin eine emotionale Aufgabe und wird künftig zusätzlich über die KI-Culture Transformation entschieden», fasst Heike Bruch die Erkenntnisse aus der Befragung zusammen. Hier liegt die eigentliche Managementaufgabe der kommenden Jahre. Unternehmen müssen schneller digitalisieren und gleichzeitig Orientierung geben. Oder anders gesagt: Wer KI nur als Softwareprojekt versteht, dürfte im Wettbewerb um Talente verlieren.
Das «Trendbarometer Arbeitgeberattraktivität» entsteht in Kooperation des IFPM-HSG und der zeag GmbH. Gemeinsam erstellen sie die TOP JOB-Analyse für Arbeitgeberattraktivität und Nachhaltigkeit von Firmen. Sie unterstützt bei Verbesserungsbedarf und prämiert herausragende Unternehmen als beste Arbeitgeber Deutschlands. Studienautorinnen sind Prof. Dr. Heike Bruch, Mara Jordan und Anna Stolle. Seitens zeag GmbH zeichnet CEO Silke Masurat verantwortlich für die Analyse.
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