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Forschung - 08.06.2026 - 10:00 

Natur oder Technologie? Wie Firmen über Investitionen in CO₂-Entnahme entscheiden

Wenn es um den Klimaschutz geht, haben Managerinnen und Manager die Wahl: Setzen sie auf Hightech-Staubsauger zur Entnahme von Kohlendioxid aus der Atmosphäre? Oder halten sie es für sinnvoller, stattdessen Bäume zu pflanzen? In einer neuen Studie untersuchen Forschende der Universität St.Gallen und der Grenoble École de Management, wie sich europäische Unternehmen im Rahmen ihrer Klimastrategien zwischen technologischen und natürlichen Lösungen entscheiden.
Quelle: Rise

Die aktuelle Energiekrise verleiht dem Klimaschutz neue Aufmerksamkeit. Die Schweiz und die Europäische Union suchen nach Wegen zur Reduktion ihrer Abhängigkeit von fossilen Energieträgern. Wenn weniger Öl und Gas verbrannt wird, landet auch weniger Kohlendioxid in der Atmosphäre. Der sparsame Umgang mit Energie und der Umstieg auf erneuerbare Energien sind offenkundig sinnvolle Massnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels. Doch was tun mit den grossen Mengen an Treibhausgasen, die bereits in der Vergangenheit emittiert wurden? 

Um diese Herausforderung zu adressieren, entwickelt sich seit einiger Zeit ein Markt für «Carbon Dioxide Removal (CDR)». Dieser weist unterschiedliche Segmente auf: Neben naturbasierten Projekten wie Aufforstung oder Renaturierung von Feuchtgebieten werden auch technologische Lösungen angeboten. In der Schweiz entwickelt etwa das Unternehmen Climeworks Anlagen, die CO direkt aus der Luft filtern. Dieses Kohlendioxid kann dann in einem zweiten Schritt in geeigneten Gesteinsformationen abgelagert werden – man spricht daher auch von CCS, Carbon Capture and Storage (Kohlenstoffabscheidung und -speicherung). 

Welche dieser Lösungen bevorzugen jene Personen, die in Unternehmen über Klimastrategien entscheiden? Dieser Frage gingen Forschende des Institute of Responsible Innovation, Sustainability and Energy (RISE-HSG) der Universität St.Gallen in Zusammenarbeit mit einem Gastprofessor aus Grenoble nach.  

Deutliche Präferenz für naturbasierte Lösungen 

Für die Studie analysierte das Forschungsteam die Präferenzen von 378 Klimamanagerinnen und -managern aus europäischen Unternehmen, die sich in einem Wahl-Experiment zwischen Investitionen in verschiedene CO-Entnahmeprojekte entscheiden mussten. Insgesamt trafen die Teilnehmenden 4158 Einzelentscheidungen. 

Die Auswertung zeigt: 

  • Klimaverantwortliche bevorzugen naturbasierte Projekte wie Aufforstung oder Moorrenaturierung gegenüber technologischen Verfahren wie Direct-Air-Capture oder Bioenergie mit CO-Speicherung. 
  • Die Befragten beschrieben naturbasierte Lösungen zudem als sicherer und besser geeignet für die eigenen Klimastrategien. Sie verbinden diese Lösungen mit höherer gesellschaftlicher Akzeptanz. 
  • Klimaschutzprojekte im eigenen Land werden gegenüber Projekten in anderen Teilen der Welt bevorzugt. 
  • Neben der Art des Projekts und den Kosten spielen auch die lokalen ökologischen und sozialen Auswirkungen und die Reputation des CO-Dienstleisters eine wichtige Rolle bei den Entscheidungen der Klimaverantwortlichen.  

«Stand heute zeigen Klimaverantwortliche in Unternehmen stärkeres Interesse an naturbasierten Lösungen zur CO-Abscheidung und -Speicherung», sagt Studienautorin Sabrina Mili. «Im Wettbewerb mit naturbasierten Lösungen haben die Anbieter offenkundig noch Überzeugungsarbeit zu leisten.» 

Entscheidungsstil von Managern beeinflusst Wahl 

Die Präferenz für Natur oder Technologie hängt unter anderem davon ab, wie Klimaverantwortliche Informationen verarbeiten, um zu ihren Entscheidungen zu gelangen. Führungskräfte mit einem ganzheitlichen Entscheidungsstil bevorzugen stärker naturbasierte Lösungen als Personen, die sich stärker auf einzelne Schlüsselfaktoren wie Preis oder Reputation konzentrieren. 

Der Preis allein erklärte die Entscheidungen dagegen kaum. Selbst Manager mit ausgeprägtem Kostenfokus wählten nicht systematisch die günstigsten Projekte, sondern berücksichtigten auch Sicherheits- und Reputationsaspekte. 

Folgen für Firmen, Märkte und Politik 

Die Ergebnisse werfen ein neues Licht auf die Entwicklung des entstehenden Marktes für CO-Entnahme. In vielen Klimaszenarien spielen technologische Lösungen eine prominente Rolle. Die Studie legt jedoch nahe, dass die Marktnachfrage anders verlaufen könnte als in manchen Expertendebatten erwartet. Sollten Entscheidungsträger in den Unternehmen weiterhin naturbasierte Lösungen bevorzugen, könnte dies die Struktur der Branche beeinflussen. 

Aus der Studie lassen sich zudem Hinweise ableiten, dass Unternehmen bei der Projektwahl auch auf Reputation, lokale Wirkung sowie zusätzliche Umwelt- und Sozialnutzen achten. Glaubwürdige Zertifizierungssysteme oder Förderprogramme für lokale Klimaprojekte könnten deshalb an Bedeutung gewinnen. 

Gleichzeitig warnen die Forschenden vor zu einfachen Schlussfolgerungen. Naturbasierte und technologische Verfahren unterscheiden sich in ihrem Risikoprofil – etwa hinsichtlich Dauerhaftigkeit der Speicherung, Skalierbarkeit und Kostenentwicklung. 

«Um die Klimaziele zu erreichen, wird es vermutlich ein Zusammenspiel verschiedener Lösungen brauchen», sagt Co-Autor Robert Mai. «Investitionsentscheidungen im Klimabereich sind stark von Wahrnehmung, Vertrauen in Anbieter und reputationsbezogenen Faktoren geprägt – solche Aspekte ergänzen Kostenüberlegungen.» 


Die Studie «Back to Nature or Technology to the Rescue? Climate Managers' Preferences for Investment in Carbon Dioxide Removal» steht online zum Download zur Verfügung. Zum Autorenteam gehören Sabrina Mili, Prof. Dr. Moritz Loock und Prof. Dr. Rolf Wüstenhagen des Institute of Responsible Innovation, Sustainability and Energy (RISE-HSG) und Prof. Dr. Robert Mai des Departments of Marketing der Grenoble École de Management.   

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