Forschung - 12.08.2026 - 15:00
Europa ächzt seit Wochen unter einer Hitzewelle. Auch in der Schweiz wird nun verbreitet über die Installation von Klimaanlagen nachgedacht. Doch diese erhöhen auch den Stromverbrauch, insbesondere bei Hitzewellen. Nun zeigt eine Studie, an der der HSG-Ökonom Stefano Ramelli mitgearbeitet hat, dass Wälder den Einsatz von Strom zum Kühlen entscheidend senken. Die Wälder, so schreiben die internationalen Autoren der Studie (neben Ramelli sind dies Simon Xu und Claudio Rizzi), schaffen durch diese Stromersparnisse direkte wirtschaftliche Werte in Milliardenhöhe. Die Studie mit dem Titel «The Value of Forests: Impacts on Extreme Heat and Electricity Demand» ist hier frei erhältlich.
Für ihre Untersuchung kombinierten die Forschenden verschiedene Datensätze aus den USA. Sie analysierten Veränderungen der Waldfläche zwischen 1985 und 2023 und verknüpften diese mit langjährigen Daten zu Windrichtungen, Temperaturen und dem monatlichen Stromverbrauch. Zusätzlich untersuchten sie die Standorte von rund 4300 Rechenzentren. Es sei nichts Ungewöhnliches, dass Finanzökonomen Daten aus der Natur untersuchen, sagt Ramelli. Und er betont: «Interdisziplinäre Arbeit ist wichtig, um die Grenzen des Wissens zu erweitern. Die Welt funktioniert nicht nach getrennten akademischen Fachbereichen.»
Eine zentrale Erkenntnis der Studie: Entscheidend ist nicht nur, ob ein Wald vorhanden ist, sondern wo er liegt. Mithilfe von Winddaten berechneten die Forschenden, welche Waldgebiete in der Hauptwindrichtung einer Region liegen. Von den Wäldern transportieren Luftströmungen kühlere und feuchtere Luft in bewohnte Gebiete – und zwar über Distanzen von bis zu 200 Kilometern. Dieser Effekt zeigt sich besonders in den Sommermonaten und bei extremer Hitze.
Die niedrigeren Temperaturen wirken sich direkt auf den Energieverbrauch aus. Wo mehr Wald in Hauptwindrichtung liegt, sinkt der Bedarf an Klimatisierung und damit der Stromverbrauch. Ramelli, Xu und Rizzi haben Daten aus den USA ausgewertet, wo Klimaanlagen – anders als in Europa – weit verbreitet sind. Dennoch seien die Ergebnisse auch in diesen Ländern relevant, sagt Ramelli: «Die Dinge ändern sich schnell, wie jeder weiss, der während der jüngsten Hitzewellen versucht hat, in der Schweiz ein mobiles Klimagerät zu kaufen. Sie waren überall ausverkauft. In diesem Sinne verdeutlicht unsere Arbeit, wie wertvoll unsere heimischen Wälder sind, um die Belastung durch extreme Hitze zu verringern. Sie bieten eine Art natürliche Klimatisierung, die sorgfältig geschützt werden muss.»
Ein Verlust von Waldflächen im Bereich einer Standardabweichung würde den jährlichen Stromverbrauch in den USA um rund 37 Millionen Megawattstunden erhöhen – zusätzliche Kosten von etwa 6,4 Milliarden US-Dollar. Ein Waldverlust dieses Ausmasses wäre mit Blick auf die bisherige Statistik nichts Ungewöhnliches.
Besonders relevant könnte dieser Zusammenhang für Rechenzentren werden. Ihr Strombedarf wird sich gemäss Prognosen bis 2030 mehr als verdoppeln, ein erheblicher Teil davon entfällt auf die Kühlung der Server. Die Studie zeigt, dass Wälder in Hauptwindrichtung die Temperaturen auch an Standorten mit hoher Dichte an Rechenzentren senken und damit deren Energiebedarf reduzieren können.
Für die Forschenden hat dies Konsequenzen für Umwelt- und Wirtschaftspolitik. Wälder sollten nicht nur als Kohlenstoffspeicher oder Lebensraum betrachtet werden. Sie seien zugleich eine natürliche Infrastruktur, die Hitzewellen abfedert, Stromnetze entlastet und messbaren wirtschaftlichen Nutzen schafft – ein Aspekt, der in politischen Debatten bislang kaum berücksichtigt werde. «Wälder können als eine Form dezentraler Infrastruktur zur Klimaanpassung dienen. Dieser und weitere Vorteile sollten bei der Bewertung von Initiativen zum Waldschutz und zur Aufforstung berücksichtigt werden», so Ramelli.
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