Campus - 22.05.2026 - 14:00
Perspektive, Vision und Zukunft: Drei Worte genügen, um Musik in Stéphane Fromageots Kopf entstehen zu lassen. Sein Auftrag: Festmusik als Denkraum für einen Denkort zum Geburtstag der Universität. Nach einem Spaziergang zwischen den exotischen Baumriesen durch den Campuspark tanzte eine erste Melodie im Ohr des Musikers. «Das vielstimmige Gezwitscher inspirierte mich, die Universität im Geiste aus Vogelperspektive zu betrachten und himmelwärts zu fliegen, mit Blick auf das im Mai oft weiss verschneite Alpsteinmassiv», erinnert sich Fromageot.
Der Komponist liess eine ausgreifende Orchestermusik entstehen, die die Gäste des Dies academicus zusammen mit dem Vogelflug-Video von Meinrad Keel auf einer Grossleinwand in der HSG-Aula erlebten. «Ich wollte eine Melodie kreieren, die den Zuhörer beflügelt und mitzieht, Richtung Zukunft», sagt der Musiker. «Mit der Kombination der Töne H-Es-G ergab sich die erste Melodie für das zweite Werk, Flying HSG.» Auch die Einzugsmusik entwickelte rasch ein Eigenleben. Aus einer zunächst zurückhaltenden Begleitmusik wurde eine eigentliche «Academic Procession». «Die erste Skizze klang zu wenig präsent», sagt er. «Beim zweiten Versuch entstand ein Marsch-Thema, das nicht mehr nur Untermalung sein wollte.»
An der HSG gehört das Zusammenspiel von Lernen, Wissen, Innovation und Kunst zum Charakter des Denkorts. Der Campus lässt Kunst am Bau für sich sprechen. Die kulturwissenschaftlichen Lehrangebote gehören nicht zum Nebenprogramm, sondern zum erweiterten Bildungsverständnis an der Universität St.Gallen. Zahlreiche kreative Geister unter Studierenden und Profs prägen das Campusleben: Workshops zu Tanz & Leadership, Seminare über Philosophie & Oper, Unichor, Uniorchester sowie Bands mit und von Forschenden, Alumni und Studierenden gehören zum Inventar, wie das Dossier Kunst und Wissenschaft ausschnittweise zeigt. So zum Beispiel die Profband B110 mit ihrem ironisch-liebevollen Song «HSG, du bist viel mehr als dein Klischee».
Die musikalische Lesart des Campus geht auf die kuratorische Vision von Dr. Gulnaz Partschefeld zurück. Sie hat das Projekt für den Dies academicus konzipiert und mit dem HSG Events Office Team zur Aufführung gebracht. «Eine Universität wird oft als Ort des Wissens bezeichnet», sagt sie. «Wissen entsteht für mich da, wo Denken auf Empfinden trifft.» Partschefeld versteht die HSG als «Resonanzraum», in dem Wissenschaft, Architektur, Kunst und lebendige Atmosphäre zusammenwirken. Deshalb seien die drei neuen Kompositionen von Stéphane Fromageot nicht als Festakt-Dekoration gedacht, sondern als erweiterter Reflexionsraum. «Musik artikuliert das, was wissenschaftliche Sprache offenlässt», sagt Partschefeld. Kunst übersetze akademische Werte in Erfahrung. Und genau diese klingende Erfahrung bleibe in Erinnerung. Wie Stephane Fromageots Werke «Promenade Kirchhofer Park» und «Flying HSG».
«Klang ist die unsichtbare Architektur eines Ortes», sagt Gulnaz Partschefeld. Eine Universität habe immer schon ihren eigenen Sound: Schritte im Foyer des Hauptgebäudes, Stimmengewirr in der Mensa oder raschelnde Blätter im Kirchhofer-Park. Mit Fromageots Kompositionen werde die «Partitur der HSG» hörbar. Besonders deutlich wird das im Werk «Promenade Kirchhofer-Park», einem Kammermusikstück für Streichertrio und Flöte. Die Querflöte fungiert darin als stilisierter Vogel, der Park selbst als Resonanzkörper. Die Violine spielte der Komponist bei der Uraufführung selbst. Ursprünglich als Geiger am Conservatoire National Supérieur de Paris ausgebildet, arbeitet er heute meist als Pianist oder Dirigent am Theater St.Gallen. «Der Dies academicus war die ideale Gelegenheit, wieder einmal als Geiger aufzutreten», sagt er. «Es machte mir Freude, den Hörsaal der HSG kurz in einen Konzertsaal zu verwandeln mit meinen Kollegen des Sinfonieorchesters St.Gallen.»
Komponieren beginne zwar mit Freiheit, Stille und Bildern im Kopf, später sei aber vor allem präzises Ausarbeiten gefragt, erklärt Fromageot. «Wenn Struktur und Themen feststehen, suche ich nach der höchsten Genauigkeit bei Orchestration, Rhythmus und Harmonie.» Er vergleicht das Komponieren gern mit dem Kochen: «Die Zutaten müssen stimmen, ohne Überfluss oder Mangel.» Für diese Arbeit brauche er vor allem Ruhe. «Keine Musik im Hintergrund», sagt er. «Und ein Klavier in der Nähe.» Dort würden die Ideen konkret, Motive überprüft und weiterentwickelt.
Auch Humor spielt für den Musiker eine wichtige Rolle. Die ironische Selbstbespiegelung der Professorenband B110 gefällt ihm. Gute Institutionen bräuchten «die richtige Mischung zwischen Identität und der Fähigkeit, sich nicht zu ernst zu nehmen». In «Flying HSG» habe er deshalb bewusst mit einer «Prise Heroismus» gearbeitet, allerdings nie ganz ohne Augenzwinkern. Musik, Kunst und Kultur erscheinen nicht als Gegenwelt zur Wissenschaft, sondern als eine andere Form, Wirklichkeit zu beobachten: Konzentriert, offen und präsent.
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