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Forschung - 18.08.2026 - 13:15 

Wie sich das erste Industrieland seinen Weg zum Reichtum erkämpfte

Eine Studie untersucht, warum Grossbritannien um die Wende zum 18. Jahrhundert der wirtschaftlichen Stagnation entging, und gibt Einblicke in die arbeitsmarktpolitischen und technologischen Herausforderungen, mit denen wir heute konfrontiert sind.
Prof. Ph.D. Bruno Caprettini, Universität St.Gallen (HSG)

In den meisten fortgeschrittenen Volkswirtschaften altert die Bevölkerung. Immer weniger junge Menschen treten in den Arbeitsmarkt ein und Arbeitgeber sowie Politiker beklagen Arbeitskräftemangel und Qualifikationslücken. Doch ist ein Mangel an Arbeitskräften wirklich ein wirtschaftlicher Fluch? Was passiert, wenn eine Volkswirtschaft plötzlich von massivem Arbeitskräftemangel heimgesucht wird? Um diese Fragen zu beantworten, griffen die Forscher auf historische Belege zurück. Zwischen 1792 und 1815 kämpften Grossbritannien und Frankreich um die weltweite Vorherrschaft. Viele Männer, die zuvor den Boden bestellt oder Maschinen bedient hatten, sahen sich plötzlich mit dem Kampf gegen die napoleonische Bedrohung konfrontiert, statt die Wirtschaft voranzutreiben.

In ihrer Studie «Fighting for Growth: Labor Scarcity and Technological Progress during the British Industrial Revolution» (Kampf um Wachstum: Arbeitskräftemangel und technologischer Fortschritt während der britischen industriellen Revolution) werfen Bruno Caprettini von der Universität St. Gallen, Joachim Voth von der Universität Zürich und Alex Trew von der Universität Glasgow einen genaueren Blick auf die industrielle Revolution und ihre mögliche Bedeutung für die Herausforderungen der heutigen Zeit. Wir haben uns mit Assistenzprofessor Bruno Caprettini zusammengesetzt, um ein tieferes Verständnis für seine Forschung zu gewinnen.

Was hat Sie zu diesem Thema geführt?

Wenn man den grossen Bogen der Geschichte betrachtet und sich fragt, welche Ereignisse unsere heutige Lebensweise am stärksten geprägt haben, dann stechen zwei Epochen besonders hervor: die britische industrielle Revolution im 18. Jahrhundert und Chinas Aufstieg im 21. Jahrhundert. Beide haben unzählige Menschen aus der Armut befreit und die Welt für alle kommenden Generationen verändert. Die erste industrielle Revolution ist besonders interessant, da es das erste Mal war, dass eine Gesellschaft nachhaltiges Wachstum erlebte. Länder, die sich später industrialisierten, konnten sich stets auf die Erfahrungen Grossbritanniens stützen. Doch Grossbritannien war Vorreiter und hatte kein Vorbild, dem es nacheifern konnte.

Wie gelang es Grossbritannien, der wirtschaftlichen Stagnation zu entkommen?

Der wirtschaftliche Aufstieg Grossbritanniens vollzog sich in einer sehr turbulenten Zeit. Zwischen 1700 und 1815 befand sich das Land im Durchschnitt alle drei Jahre im Krieg. Diese Periode gipfelte in den Napoleonischen Kriegen, die manchmal auch als «Weltkrieg Null» bezeichnet werden. Die Kriege dauerten fast ein Vierteljahrhundert und erforderten den Einsatz riesiger Heere und Flotten. Auf dem Höhepunkt der Kämpfe verteidigte jeder zehnte britische Mann den König gegen Napoleon. Angesichts des akuten Arbeitskräftemangels hätte man erwarten können, dass die britische Wirtschaft ins Straucheln gerät. Das Gegenteil war jedoch der Fall. Der Mangel an Männern förderte den Einsatz arbeitssparender Maschinen. Als der Krieg vorbei war, war der Übergang zur mechanisierten Landwirtschaft in Grossbritannien bereits in vollem Gange.

Hat also die Technologie die Situation verbessert?

Genau. Daraus lässt sich eine allgemeine Lehre ziehen: Technologie ist der einzige Produktionsfaktor, der nachhaltiges Wachstum generieren kann. Betrachten wir eine der arbeitsintensivsten landwirtschaftlichen Tätigkeiten jener Zeit, das Dreschen von Getreide, also das Trennen der Getreidekörner nach der Ernte und deren Aufbereitung für die Lebensmittelverarbeitung. Bis ins 19. Jahrhundert wurde diese Arbeit von Hand verrichtet. Wenn ein Landwirt seine Produktion verdoppeln wollte, musste er die Zahl der Arbeiter entsprechend erhöhen. Im Jahr 1786 stellte der Erfinder Andrew Meikle eine neue Maschine vor, die diese Aufgabe schliesslich mit nur einem Zehntel der Arbeitskräfte bewältigen konnte. Nun konnte die Produktion steigen, ohne dass der Arbeitseinsatz erhöht werden musste. Der Arbeitskräftemangel während der Napoleonischen Kriege war so bedeutend, weil er die Verbreitung dieser arbeitssparenden Maschinen massiv beschleunigte.

Doch gab es damals, wie heute, die Sorge, dass diese technologischen Fortschritte menschliche Arbeitskräfte ersetzen könnten, wenn Maschinen den Menschen die Arbeit abnahmen?

Anfangs sorgten die Kriegsbedürfnisse für einen angespannten Arbeitsmarkt, hohe Löhne und zufriedene Arbeiter. Doch das konnte nicht von Dauer sein. Als die Soldaten aus den Kriegen zurückkehrten, mussten sie feststellen, dass ihre Arbeitsplätze verschwunden waren. Die Arbeitslosigkeit schoss in die Höhe und die Löhne blieben über ein Jahrzehnt lang niedrig. Die Situation wurde unhaltbar und die Arbeiter lehnten sich schliesslich auf. Während der Swing-Unruhen von 1830 bis 1832 zerstörten Landarbeiter Maschinen und forderten ihre Arbeitsplätze zurück. Joachim Voth und ich haben diese Episode in dem Artikel «Rage Against the Machines: Labor-Saving Technology and Unrest in Industrializing England» untersucht.

Dieser Arbeitskräftemangel war also ein zweischneidiges Schwert: Einerseits förderte er die Einführung neuer Technologien, andererseits führte er später zu gewalttätigen Unruhen. Lässt sich daraus eine Lehre für die Gegenwart ziehen?

Zeiten des raschen technologischen Wandels sind immer mit Umbrüchen verbunden. Regierungen tragen die Verantwortung, den Übergang zu gestalten und dafür zu sorgen, dass die Verlierer abgefedert werden. Man darf aber auch nicht vergessen, dass heute niemand das manuelle Dreschen vermisst: Die neuen Maschinen haben die Arbeit zum Besseren verändert, da sie eine sich wiederholende und mühsame Tätigkeit überflüssig gemacht haben. Vielleicht lautet die Lehre also: Ein Arbeitskräftemangel und hohe Löhne können der Wirtschaft Auftrieb geben, da sie die Einführung neuer Technologien und das Produktivitätswachstum fördern. Die wichtige Aufgabe der Regierungen besteht darin, dafür zu sorgen, dass Arbeitnehmer, die durch Maschinen ersetzt werden, ein menschenwürdiges Leben führen und eine neue, sinnvolle Beschäftigung finden können.

Bruno Caprettini ist Assistenzprofessor im Bereich Wirtschaftswissenschaften und beschäftigt sich mit Entwicklungsökonomie, politischer Ökonomie und Wirtschaftsgeschichte. Sein besonderes Interesse gilt den Auswirkungen neuer Technologien auf Wachstum und Wohlstand. Seine Studie zur Industriellen Revolution ist auf der SSRN-Website sowie auf seiner persönlichen Website www.brunocaprettini.com zu finden.

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