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Forschung - 16.05.2023 - 10:00 

Wie lässt sich Mobilitätsverhalten ändern? Erkenntnisse aus der ersten Studie des «Future Mobility Lab» an der Universität St.Gallen

Ein Appell an das ökologische Gewissen allein reicht nicht – um Menschen zum Umsteigen auf nachhaltige Verkehrsmittel zu bewegen, müssen Routinen durchbrochen werden und attraktive Alternativen zu einem privaten Auto verfügbar sein, so der Ansatz der ersten Studie des «Future Mobility Lab» an der HSG. Sie zeigt für 20 Haushalte auf, wie sich Mobilitätsverhalten nachhaltig ändern lässt.

Überzeugende, nachhaltige Mobilitätsangebote schaffen und Menschen motivieren, sie auch zu nutzen – diesen Beitrag möchte das «Future Mobility Lab» zur Verkehrswende leisten. Mit «New Mobility Buddys» präsentiert es die Ergebnisse seiner ersten Studie. Das Lab ist ein Konsortium von Städten, Verbänden und zentralen Mobilitätsdienstleistern aus Deutschland und der Schweiz. Es wurde im März 2022 auf Initiative des Instituts für Mobilität (IMO-HSG) der Universität St.Gallen und der Kommunikationsagentur fischerAppelt gegründet. Die Studie gibt Antworten auf die Frage, wie Menschen ihr Mobilitätsverhalten emissionsärmer und, wo möglich, weniger besitzorientiert gestalten können.

Über 100 Interventionen in 20 privaten Haushalten

«Mobilität betrifft uns alle täglich individuell. Aus diesem Grund ist die Integration diverser Perspektiven für die Gestaltung der Mobilität der Zukunft von zentraler Bedeutung. Das Future Mobility Lab ist eine Plattform für unterschiedlichste Stakeholder und Gestalter:innen des Mobilitätswandels sowie Ideengeber, um realen Einfluss auf das Mobilitätsverhalten zu nehmen», sagt Prof. Dr. Andreas Herrmann, Direktor des IMO-HSG. «Mit unserem Lab wollen wir nachhaltige Mobilität fördern. Deshalb haben wir uns mit unserer Studie angeschaut, unter welchen Umständen Menschen bereit sind, auf nachhaltige Verkehrsmittel umzusteigen und gefragt, auf Grundlage welcher individuellen Faktoren Menschen ihre täglichen Mobilitätsentscheidungen treffen», erklärt Jürgen Stackmann, Direktor «Future Mobility Lab» des IMO-HSG.

In der Studie wurden 20 private Haushalte in Berlin, Hamburg, Zürich und St.Gallen über einen Zeitraum von vier Monaten von Wissenschaftlern – sogenannten ‘Mobility Buddys’ – bei der Ausgestaltung ihrer Mobilität begleitet und beraten. «Das Besondere am Studienaufbau ist, dass wir über einen längeren Zeitraum intensiv mit den Teilnehmenden zusammengearbeitet haben. Dadurch haben wir einen umfassenden Eindruck von ihren Mobilitätsbedürfnissen und ihrem Mobilitätsverhalten erhalten», beschreibt Dr. Philipp Scharfenberger, Vize-Direktor des IMO-HSG, den Ansatz der Studie. «Die Haushalte wurden mit der Zielsetzung ausgewählt, möglichst heterogene Lebensumstände abzubilden. An der Studie haben unter anderem Familien mit Kindern, aber auch Single-Haushalte teilgenommen, die im urbanen, suburbanen oder ländlichen Raum leben», so Jannis Linke, wissenschaftlicher Mitarbeiter am IMO-HSG.

Nach einer Messung des bisherigen Mobilitätsverhaltens wurden verschiedene Massnahmen, die zu einer emissionsärmeren Mobilität beitragen, in einem iterativen Prozess zusammen mit den Haushalten getestet. Insgesamt wurden über 100 Interventionen mit den Haushalten durchgeführt, die in 13 Massnahmen unterteilt sind: Dazu gehören zum Beispiel der Verzicht auf ein Auto sowie der Umstieg auf ein Elektrofahrzeug, die Nutzung des Öffentlichen Verkehrs (ÖV), die Nutzung von Shared-Mobility-Angeboten, beispielsweise Carsharing und Sharing-Angebote im Bereich der Mikromobilität, der Einsatz von Mobilitätsapps sowie die Betrachtung von CO2-Emissionen und der Kosten für die eingesetzten Mobilitätsformen (Tank-/Ladekosten, Fahrscheine, Mietkosten für Sharing-Angebote etc.) als beeinflussender Faktor für die Wahl des Verkehrsmittels.

Eigenes Auto trotz konkurrenzfähiger Alternativen

«Es konnte beobachtet werden, dass nur wenige der Teilnehmenden ihre Mobilitätskosten zu Beginn der Studie korrekt einschätzen konnten – diese aber wiederum als zentrales Argument für die Verkehrsmittelwahl nannten. Im Laufe der Studie waren mehrere der Teilnehmenden dann bereit, bewusst Mehrkosten für einen privaten Pkw gegenüber einem objektiv günstigeren Alternativangebot zu zahlen – auch wenn Letzteres gut in den Tagesablauf integriert werden konnte. Auch das Aufzeigen von CO2-Emissionen hatte – zumindest als alleinstehender Faktor – in der Regel keinen ausschlaggebenden Einfluss auf die Verkehrsmittelwahl», fasst Jannis Linke einige Ergebnisse aus der Zusammenarbeit mit den Haushalten zusammen. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen weiter, dass sich eine erfolgreiche Veränderung des Mobilitätsverhaltens aus drei übergeordneten Dimensionen ableitet:

  • erstens dem Durchbrechen bestehender Mobilitätsroutinen (Verhalten)
  • zweitens der Schaffung und Weiterentwicklung attraktiver Alternativangebote (Angebot)
  • und drittens einer differenzierten Einordnung der Modi (Kontext).

Die letztgenannte Dimension hebt hervor, dass der optimale Mobilitätsmix eines Haushaltes wesentlich von dessen spezifischen Voraussetzungen und Bedürfnissen sowie dem jeweils verfügbaren Mobilitätsangebot abhängt.

Einfacher App-Zugang zu attraktiven multimodalen Alternativen

Die Studienergebnisse heben verschiedene Alternativen zu einem privaten Pkw mit einem Verbrennungsmotor hervor: Insbesondere in den urbanen Untersuchungsräumen existiert bereits häufig ein diverses Angebot an geteilten Mobilitätsformen. Wichtig zur Steigerung ihrer Attraktivität sind sogenannte Multimodalapps, bei denen mehrere Mobilitätsangebote innerhalb einer Plattform gebucht werden können. Diese Vereinfachung ist aus Nutzenden-Perspektive wichtig, da geteilte Mobilitätsformen häufig nur in ihrem Verbund eine ähnliche Flexibilität wie ein privater Pkw bieten. In Regionen ohne entsprechendes Angebot geteilter Mobilitätsformen konnten CO2-Einsparungen durch die Nutzung elektrischer Fahrzeuge erzielt werden. Gleichzeitig regen die Ergebnisse dazu an, Potentiale der Emissionseinsparungen durch die Vermeidung nicht notwendiger Wege (z.B. durch die sinnvolle Einbindung virtueller Austauschformate im beruflichen Kontext) weiter zu untersuchen.

Die Studie macht deutlich, dass Veränderungen zu einer nachhaltigeren Mobilität bereits heute in vielen Fällen möglich sind. «Wichtig ist, dass der einfache Zugang zu attraktiven Angeboten der geteilten Mobilität weiter ausgebaut wird. Häufig braucht es zudem wiederholt externe Impulse und Anreize, um etablierte Mobilitätsroutinen zu durchbrechen. Dazu gehört, Menschen durch einfache Informationszugänge und Applikationen einen umfassenden Überblick über die ihnen zur Verfügung stehenden Mobilitätsangebote zu geben», fasst Dr. Philipp Scharfenberger zusammen.

Limitationen der Studie

Das Forschungsdesign der Studie wurde darauf ausgerichtet, einen umfassenden Einblick in das alltägliche Mobilitätsentscheidungsverhalten der teilnehmenden Haushalte über den Zeitraum von vier Monaten zu erhalten. Den damit verbundenen Vorteilen stehen auch Nachteile gegenüber. Die Limitationen der Studie liegen unter anderem in den Bereichen der kleinen Stichprobe (N = 20 Haushalte), der mindestens durchschnittlichen ökonomischen Situation der Haushalte, einer hohen Diversität unterschiedlicher Angebots- und Raumkontexte sowie soziokultureller Unterschiede der Haushalte. Die vorliegenden Ergebnisse besitzen damit keinen Anspruch auf Repräsentativität und sollten in zukünftigen Studien weitergehend überprüft werden.

Die Studie «New Mobility Buddys» zum Download: imo.unisg.ch/de/future-mobility-lab/

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