close

Forschung - 28.05.2026 - 14:00 

Nachfolge: Generationenwechsel in Schweizer Familienunternehmen

Bis 2030 dürften über 100'000 Schweizer Familienunternehmen einen Generationenwechsel anstreben. Eine fünfteilige Nachfolgestudie von HSG und UBS zeigt, weshalb die Nachfolge für KMU häufig zur Herausforderung wird.

Familienunternehmen prägen die Schweizer Wirtschaft wie kaum ein anderer Unternehmenstyp. Rund zwei Drittel aller KMU bezeichnen sich als Familienunternehmen. Viele davon wurden von der heutigen Eigentümergeneration aufgebaut und über Jahrzehnte geführt. Nun erreichen Tausende Unternehmerinnen und Unternehmer das Pensionsalter, wie der erste Teil der Studienreihe «Unternehmensnachfolge in der Schweiz: Worum geht es?» des Center for Family Business an der HSG und der UBS zeigt. 
 
Für Prof. Dr. Thomas Zellweger, Professor für Familienunternehmen an der Universität St.Gallen (HSG), ist die Nachfolge deshalb weit mehr als ein Managementprojekt. «Nachfolge ist kein Sprint, sondern ein Marathon», sagte er Anfang 2026 in einem Interview mit Leader Digital. Es gehe um Eigentum, Führung, Vertrauen und Familie. Das Autorenteam der Studienreihe stellt fest: Viele Unternehmerinnen und Unternehmer möchten ihr Lebenswerk in Familienhand halten und gleichzeitig den Unternehmenswert maximieren, Arbeitsplätze sichern und familiäre Harmonie bewahren. Doch diese Ziele geraten häufig in Konflikt. 
 
Wer den höchstmöglichen Verkaufspreis erzielen will, landet oft bei externen Käufern oder Investoren. Wer dagegen Kontinuität und Familienkontrolle priorisiert, muss finanziell häufig Kompromisse eingehen. Denn gemäss der zweiten Teilstudie «Nachfolgeoptionen im Fokus – die Qual der Wahl» existiert die ideale Lösung nur selten. 

Die nächste Generation denkt anders

Besonders aufschlussreich ist die dritte Teilstudie «Stolpersteine bei der familieninternen Unternehmensübergabe», die erstmals gezielt die Perspektive der Nachfolgerinnen und Nachfolger untersucht. Das Ergebnis: Die familieninterne Übergabe ist heute längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Viele potenzielle Nachfolger wägen sorgfältig ab, ob sie die Verantwortung überhaupt übernehmen wollen. Das Familienunternehmen konkurriert mit alternativen Karrierewegen, internationalen Jobmöglichkeiten und anderen Lebensentwürfen. 
  
«Der Einstieg ins Familienunternehmen stellt nur eine von mehreren Karriereoptionen dar», sagt Zellweger. Gerade in akademisch geprägten Unternehmerfamilien verändert sich die Dynamik. Die nächste Generation will Gestaltungsspielraum, Sinnhaftigkeit und persönliche Autonomie. Eine rein traditionelle Übergabelogik funktioniert immer seltener. 

Die Folge: Immer mehr Familienunternehmen prüfen externe Lösungen laut der vierten Teilstudie «Familienexterne Nachfolge – mehr als nur eine Notlösung». Verkäufe an Investoren, Management-Buy-outs oder hybride Modelle gewinnen an Bedeutung, insbesondere in technologieintensiven Branchen. 

Die grösste Herausforderung: Loslassen, weitergeben

Die Studien zeigen zugleich, wie stark die emotionale Dimension unterschätzt wird. Wer jahrzehntelang ein Unternehmen aufgebaut hat, gibt mit der Übergabe nicht nur Vermögen ab, sondern oft auch Identität, Status und Einfluss. «Manche Menschen können ihr Lebenswerk nicht loslassen», sagt Zellweger. Gerade erfolgreiche Unternehmer tun sich schwer damit, operative Verantwortung tatsächlich abzugeben. Gleichzeitig erwarten Nachfolgerinnen genügend Freiraum, um eigene Ideen umzusetzen. Dieser Konflikt präge viele Übergaben, betont der HSG-Experte für Familienunternehmen. 
 
Thomas Zellweger spricht deshalb von einem kulturellen Wandel in Schweizer Familienunternehmen. Früher sei die familieninterne Nachfolge fast automatisch erfolgt. Heute müsse sie aktiv gewollt und gestaltet werden. «Erfolgreiche Nachfolgen haben weniger mit juristischer Perfektion als mit menschlicher Reife zu tun», sagte er auch gegenüber Leader Digital

Viele beginnen zu spät

Ein weiteres Ergebnis der Studienreihe: Viele Unternehmerinnen und Unternehmer setzen sich zu spät mit der Nachfolge auseinander. Obwohl Übergabeprozesse oft fünf bis zehn Jahre dauern, fehlt in vielen Firmen eine langfristige Planung. Die Folgen reichen von familiären Konflikten bis zu Notverkäufen unter Zeitdruck.  
 
Deshalb empfehlen die Studienautoren in der fünften Teilstudie («Ein komplexer Nachfolgeprozess wird angestossen») eine tiefgründige Vorbereitung, sowie einen schrittweisen Übergang. Die Nachfolgegeneration müsse Verantwortung übernehmen können, bevor die Seniorgeneration vollständig zurücktritt. Gleichzeitig brauche es offene Gespräche über Rollen, Erwartungen und Eigentumsfragen. Besonders wichtig sei dabei die Flexibilität in verschiedenen Nachfolgeszenarien zu denken. Denn die gewünschte Lösung lasse sich nicht immer umsetzen. Wer früh plane, könne Alternativen besser prüfen und Konflikte entschärfen. Entscheidend für den Erfolg sind demnach «harte» und «weiche» Faktoren: Klare Rollenverteilung, regelmässiger Austausch und Unterstützung durch die Familie. 

Schweizer Wirtschaft: Nachfolge ist kein reines KMU-Thema

Die Studienreihe veranschaulicht, wie zentral Familienunternehmen für den Wirtschaftsstandort Schweiz sind und bleiben. Misslingt die Nachfolge, verschwinden nicht nur Arbeitsplätze, sondern oft auch regionales Know-how, langfristige Kundenbeziehungen und unternehmerische Kontinuität. «Unsere Studien sind ein Seismograf für den Zustand des Schweizer Unternehmertums», sagt Zellweger. Denn am Ende entscheidet sich die Zukunft vieler Unternehmen nicht primär in Steuerfragen oder Vertragswerken. Sondern daran, ob es Familien gelingt, rechtzeitig über Macht, Verantwortung und Loslassen zu sprechen. 
 
Die Studienreihe steht auf der Webseite des Center for Family Business kostenlos zum Download zur Verfügung. Thomas Zellweger lehrt und forscht als Professor für Betriebswirtschaftslehre mit besonderer Berücksichtigung der Familienunternehmen und Unternehmertum an der Universität St.Gallen (HSG). Marie Klein, Ph.D. und Thibault Huber arbeiten am CfB-HSG  und waren massgeblich an der Studienreihe beteiligt, unterstützt durch die Mitwirkung von UBS-Co-Studienautor Pascal Zumbühl. 

north