Meinungen - 03.11.2026 - 09:30
Sollten die Umfragen auch nur annähernd stimmen, wird eine blaue Welle – Blau ist die Farbe der Demokraten – die Republikanische Partei überrollen, wenn die Amerikaner morgen wählen. Alles deutet darauf hin, dass die Demokraten das Repräsentantenhaus erobern werden. Doch die Welle sieht zunehmend nach einem Tsunami aus. Belastet von Donald Trumps historisch niedrigen Zustimmungswerten (in manchen Umfragen kaum mehr als 30 Prozent) und einer Reihe schwacher Kandidaten müssen die Republikaner nun mit etwas rechnen, das noch vor wenigen Monaten undenkbar schien: einem demokratisch kontrollierten Senat.
Was würde eine demokratische Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses bedeuten? Einiges ist klar. Erstens wird Trump nicht bloss eine «lahme Ente» sein, das übliche Schicksal eines Präsidenten in seiner zweiten Amtszeit nach den Zwischenwahlen. Er und die Marke MAGA werden als toxisch betrachtet, und zwar nicht nur unter Demokraten. Da man ihnen die Niederlage der Partei anlasten wird, werden Trump und seine Bewegung ihren Führungsanspruch innerhalb der republikanischen Partei verteidigen müssen. Mit Blick auf die Präsidentschaftswahl 2028 werden sich eine Reihe von Herausforderern in Stellung bringen.
Der wahrscheinlichste Verlierer dieses Machtkampfs wird Vizepräsident JD Vance sein. Aussenminister Marco Rubio, der sich zuletzt nach Kräften bemüht hat, präsidial zu wirken, hat einen Ausweg: Er kann die Regierung verlassen, auf vermeintliche aussenpolitische Erfolge verweisen und sich ein eigenes Profil aufbauen. Vance bleibt kein solcher Ausweg. Er ist an das Deck von Trumps angeschlagenem Schiff gekettet und könnte durchaus mit ihm untergehen.
Zweitens wird Rubio nicht der Einzige sein, der zu den Rettungsbooten eilt. Von der Stabschefin des Weissen Hauses, Susie Wiles, bis zu Finanzminister Scott Bessent werden hochrangige Regierungsmitglieder nach Wegen suchen, auf Distanz zum Präsidenten zu gehen. Für viele geht es ums berufliche Überleben: Wenn MAGA toxisch wird, überlegen es sich Unternehmen zweimal, ob sie Leute einstellen, die eng damit verbunden sind.
Drittens dürfte die Regierung noch unberechenbarer werden. Ein demokratischer Senat wird Trumps Personalvorschläge nicht einfach durchwinken. Wenn Posten unbesetzt bleiben, wird die Regierung ziellos treiben, den Launen des Präsidenten stärker ausgeliefert denn je.
Weniger klar ist, was die Demokraten mit ihren Mehrheiten anfangen. Sie haben diese Zwischenwahlen als Referendum über Trump geführt, nicht als Plädoyer für ein bestimmtes Parteiprogramm. Doch wenn sie gewinnen, werden die Amerikaner von ihnen Antworten erwarten. An Problemen herrscht kein Mangel: Die Preise sind schneller gestiegen als die Löhne, die Gesundheitsversorgung bleibt für zu viele unerschwinglich, die öffentlichen Schulen lassen zu viele Kinder im Stich, und die Infrastruktur verfällt, während die Staatsverschuldung auf ein untragbares Niveau zusteuert.
Es sind schwierige Probleme, und viele Lösungen werden die Amerikaner zwingen, sich unbequemen Wahrheiten zu stellen. Die Demokraten werden versucht sein, die nächsten zwei Jahre damit zu verbringen, die Korruption des Präsidenten, seiner Familie und seiner Freunde aufzudecken. Das wäre befriedigend und vielleicht sogar gerechtfertigt. Doch wenn sie nicht regieren, verspielen sie eine seltene Chance, die US-Politik weit über die nächsten zwei Jahre hinaus neu zu ordnen.
Prof. James Davis ist amerikanischer Politikwissenschaftler und lehrt an der Universität St.Gallen.
Dieser Artikel erschien ursprünglich am 2. November 2026 im Münchner Merkur.
Bild: Keystone
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