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Forschung - 09.10.2026 - 09:30 

Künstliche Intelligenz, Forschung und Europas Wachstum

Europa steht vor demografischen Herausforderungen. Prof. Dr. Guido Cozzi erklärt im Interview, welche Chancen künstliche Intelligenz für die Forschung und das langfristige Wirtschaftswachstum Europas eröffnen könnte.

Europa altert, während es zugleich schwieriger wird, durch Forschung neues Wissen hervorzubringen. Künstliche Intelligenz könnte diese Entwicklung auf eine Weise verändern, die weit über Automatisierungen hinausgeht. Prof. Dr. Guido Cozzi stellte seine Forschung zu diesem Thema am 30. September 2026 der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission in Ispra, Italien, vor. Im Interview erläutert er, wie KI Forschung und Technologie verändern und die langfristigen Wachstumsaussichten Europas beeinflussen könnte. 

Was interessierte die Teilnehmenden des europäischen Experten-Workshops am meisten, und wie verlief die Diskussion? 

Die Diskussion war sehr lebhaft. Besonders interessierte die Europäische Kommission das langfristige Wachstumspotenzial durch den Einsatz von KI, insbesondere in einem alternden Europa. Wir diskutierten darüber, ob KI dazu beitragen kann, den Rückgang der Erwerbsbevölkerung und die sinkende menschliche Forschungsproduktivität auszugleichen, indem sie die effektive Kapazität des Forschungssektors erhöht. 

Sie stellen einen Zusammenhang zwischen Bevölkerungswachstum und der Entwicklung von KI her. Wie lautet die Ausgangsdiagnose Ihrer Studie? 

Europa steht vor zwei miteinander verbundenen Problemen: einer alternden Bevölkerung und Anzeichen dafür, dass Forschung für den Menschen zunehmend schwieriger wird. Traditionell würde eine geringere Zahl von Forschenden eine schwächere Innovationskraft und ein langsameres Wachstum bedeuten. KI verändert dieses Bild, weil sie die effektive Kapazität des Forschungssektors erweitern kann, selbst wenn die Erwerbsbevölkerung nicht mehr wächst. 

Ihre Forschung befasst sich mit Wirtschaftswachstum, Wissenschaft, Ideen und künstlicher Intelligenz. Wie hängen diese Faktoren zusammen? 

Wirtschaftliches Wachstum hängt grundlegend von neuen Ideen ab. Die Wissenschaft bringt diese Ideen hervor, und KI wird zunehmend selbst zu einem Werkzeug der Wissenschaft. Wenn KI den Forschenden hilft, schneller und besser eine grössere Anzahl an Entdeckungen zu machen, erhöht sie den technologischen Entwicklungsstand der Wirtschaft. Und wenn dieser Prozess stark genug wird, kann er auch die Geschwindigkeit erhöhen, mit der Wissen wächst. 

Können Sie dafür bereits ein konkretes Beispiel nennen? 

Ein gutes Beispiel ist AlphaFold. Die Bestimmung der dreidimensionalen Struktur von Proteinen erforderte traditionell erheblichen experimentellen Aufwand, viel Zeit und hochspezialisiertes Fachwissen. KI kann heute viele Proteinstrukturen deutlich schneller vorhersagen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bleiben dabei jedoch unverzichtbar. Sie formulieren die entscheidenden Fragen, interpretieren die Ergebnisse und validieren sie experimentell. KI ermöglicht es ihnen jedoch, weitaus mehr Möglichkeiten zu untersuchen als zuvor. Ökonomisch ist dies genau der Mechanismus, den wir untersuchen: KI kann die effektive Produktivität der Forschung vervielfachen. Entscheidend ist nicht einfach, dass KI Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ersetzt, sondern dass sie erheblich erweitert, was jeder einzelne Forschende entdecken kann. 

Was ist die wichtigste Botschaft, die europäische Entscheidungsträger aus Ihrer Arbeit mitnehmen sollten? 

Meine wichtigste Botschaft ist optimistisch: Der demografische Rückgang in Europa muss nicht zwangsläufig wirtschaftliche Stagnation bedeuten. KI kann die Produktivität von Forschenden steigern, das technologische Niveau erhöhen und in manchen Fällen auch die langfristige Wachstumsrate anheben. Auch jenseits des Szenarios einer «explosiven» Zunahme wären diese Gewinne für Europa wirtschaftlich von grosser Bedeutung. 

Wie haben Sie Ihr Modell konzipiert, und welche Annahmen sind für die Ergebnisse besonders wichtig? 

Ich gehe von einem Standardmodell des Wirtschaftswachstums aus, in dem Forschende neue Ideen hervorbringen, und führe KI anschliessend direkt in den Forschungsprozess ein. Die entscheidende Frage ist, wie KI und Forschende zusammenarbeiten. Selbst wenn sie sich ergänzen, kann KI erhebliche technologische Fortschritte ermöglichen. Bei grösserer Substituierbarkeit und einer stärkeren Rückkopplung des Wissens auf die Fähigkeiten der KI können die Effekte noch deutlich grösser ausfallen. 

Was sollten europäische Entscheidungsträger priorisieren, solange die künftigen Forschungsfähigkeiten der KI noch ungewiss sind? 

Europa sollte sicherstellen, dass Forschende, Universitäten und Unternehmen Zugang zu modernsten KI-Werkzeugen, Rechenleistung, Daten und Fachwissen haben. Das ist gerade für Europa besonders wichtig, weil KI demografische Schwächen teilweise ausgleichen kann. Bereits ein höheres technologisches Niveau kann Europas globale Wettbewerbsfähigkeit erheblich verbessern; ein schnelleres technologisches Wachstum wäre ein zusätzlicher Gewinn. 

Wie sehen Sie Ihre Rolle als Wissenschaftler bei der Beratung der Europäischen Kommission? Wo kann die Forschung die Politik im Bereich KI und Wachstum unterstützen, und wo liegen die Grenzen dieser Beratung? 

Meine Rolle besteht nicht darin, genau vorherzusagen, wozu KI in zwanzig Jahren fähig sein wird. Vielmehr geht es darum, die entscheidenden wirtschaftlichen Mechanismen zu identifizieren und den politischen Entscheidungsträgern die Folgen unterschiedlicher technologischer Szenarien aufzuzeigen. Forschung kann Europa dabei helfen, sich frühzeitig auf Chancen vorzubereiten, die sehr grosse Auswirkungen auf Produktivität, Innovation und langfristigen Wohlstand haben könnten. 


Das Interview basiert auf Guido Cozzis Studie «Can AI Sustain Long-Run Growth Amid Demographic Decline?» (papers.ssrn.com). 

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