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Campus - 28.11.2022 - 12:33

HSG trainiert Medizinstudierende für den Ernstfall

Medizinstudierende müssen viel Fachwissen verarbeiten aber auch lernen, unter Zeitdruck Diagnosen zu stellen und diese zu kommunizieren. Die HSG lässt Medizinstudierende darum in realistischen Szenarien Schauspiel-Patient:innen behandeln. Diese Simulationen bereiten sie auf das medizinische Staatsexamen vor – und für die Praxis im Beruf.

Auf dem Behandlungstisch liegt ein Baby, das keuchend und mit viel Anstrengung atmet. Daneben sitzt die Mutter und fragt: «Was machen Sie? Wie geht es weiter?» Die St.Galler Medizinstudentin Yelena Rubli beobachtet die Atmung des Babys, fragt nach, welche Medikamente es bereits erhalten hat, ob es geimpft ist und ob es vielleicht ein Kleinteil verschluckt haben könnte. Und sagt: «Ich würde ihr Kind gerne zur Beobachtung hierbehalten.» Die Mutter nickt, stellt weitere Fragen.

Rubli trägt einen weissen Arztkittel und macht sich immer wieder Notizen. Noch ist das kranke Baby vor ihr nur eine Videoaufnahme und die besorgte Mutter eine Schauspielerin – doch in ihrer späteren Berufspraxis wird sie solche und ähnliche Situationen immer wieder antreffen. Die 25-Jährige studiert im Joint Medical Master für Humanmedizin der HSG und der Universität Zürich (JMM-HSG/UZH). Die aktuell 24 Studierenden im JMM-HSG/UZH behandeln im dritten Masterstudienjahr insgesamt zwölf simulierte Fälle aus verschiedenen medizinischen Fachrichtungen (Kinder- sowie Frauenheilkunde, Altersmedizin, Chirurgie, Psychiatrie, Hausarztmedizin, Innere Medizin und Spezialsprechstunde).

Diese sogenannten Case Based Simulations (CBS) sollen den Studierenden unter anderem dabei helfen, die Arbeit unter Zeitdruck zu erproben. «Sie erfragen dabei in 13 Minuten Behandlungszeit systematisch und problemorientiert die Krankengeschichte, führen einen fokussierten Untersuch durch, stellen eine Verdachtsdiagnose und treffen fachliche Entscheidungen», sagt Peter Krähenmann. Er ist Oberarzt für Kardiologie und Intensivmedizin am Kantonsspital St.Gallen sowie Zuständiger für Skills Training und Simulationen im JMM-HSG/UZH. «Ein empathischer Umgang sowie eine professionelle Kommunikation mit Patientinnen und Patienten sowie Angehörigen stehen dabei im Zentrum», sagt Krähenmann. Die Studierenden werden während der CBS durch erfahrene Ärztinnen und Ärzte der jeweiligen Fachrichtungen beobachtet. Diese geben den angehenden Ärztinnen und Ärzten nach Ablauf von 13 Minuten Behandlungszeit ein detailliertes Feedback zu ihrer Kommunikation sowie dem fachlichen Vorgehen anhand einer standardisierten Checkliste mit den klar vordefinierten Prüfzielen.

«Einmalige Chance für Studierende»

Für die Studierenden seien die 12 CBS unter der Supervision von erfahrenen Lehrärzt:innen eine «einmalige Chance, in der Rolle als Arzt oder Ärztin unter Zeitdruck Patient:innen mit einer klar definierten Erkrankung erstzuversorgen», sagt Krähenmann. Zugleich seien die CBS eine Hauptprobe für den späteren Berufsalltag. «Durch das Feedback im Anschluss erfahren die Studierenden zudem direkt, was gut war und was sie noch verbessern können.»

Insgesamt erhielten die Studierenden in den CBS an der School of Medicine der HSG mehrere Stunden Einzelunterricht. «In diesem Umfang ist dieser Einzelunterricht in einem Medizinstudium schweizweit noch wenig etabliert», sagt Krähenmann. Es passe zudem in das von Grund auf neu konzipierte, kompetenzorientierte Curriculum des Humanmedizin-Studiums der HSG.

Für die 24 St.Galler Medizinstudierenden sind die Simulationen zudem wichtig für zukünftige Herausforderungen: Sie werden im Sommer 2023 zur eidgenössischen Prüfung in Humanmedizin antreten. Bei dieser müssen sie während eines halben Tages zwölf solche simulierten Fälle bearbeiten, die genau wie die CBS ablaufen. «Die CBS geben den Studierenden aber auch uns als Lehrplanentwickler:innen des Studiengangs Hinweise dazu, wo in der Ausbildung sowie in den anwendungsbezogenen Kompetenzen noch Lücken bestehen», sagt Krähenmann.

HSG-Medizinstudium legt Fokus auf Kompetenzen

Der Studiengang JMM-HSG/UZH wurde an der School of Medicine der HSG erstmals im Herbstsemester 2020 gestartet. Die damals neu eintretenden Studierenden gehen im kommenden Sommer als erste an der HSG ausgebildete Ärztinnen und Ärzte von der Universität ab. «Der Studiengang soll neben dem wichtigen Fachwissen stark kompetenzbasiert sein», sagt Krähenmann. Die Studierenden hätten vor den CBS in verschiedenen Lehrveranstaltungen diverse Inputs zur Patientenkommunikation erhalten. «Idealerweise sollen die jungen Frauen und Männer nach dem Studium bereits als Ärzt:innen mit ausgewiesenen praktischen Fachkompetenzen in die Kliniken gehen und nicht als Studienabgänger, die vor allem theoretisches Wissen haben.» Bislang habe es im Medizinstudium eine zu grosse Lücke zwischen Praxis und Theorie gegeben. «Zwar absolvieren die Studierenden im fünften Ausbildungsjahr mehrere Praktika. In den Kliniken und Spitälern fehlt aber oft die Zeit, um Studierende strukturiert auszubilden und den effektiven Kompetenzerwerb zu evaluieren», sagt Krähenmann. Vor allem darum habe man in der Entwicklung des JMM-HSG/UZH auf praxisnahe Ausbildungsformate gesetzt.

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