close

Forschung - 22.09.2019 - 00:00

GemeinwohlAtlas Schweiz 2019: Das Gemeinwohl schrumpft

Welchen Beitrag leisten die führenden privaten und staatlichen Organisationen zum Gemeinwohl? Das Zentrum für Führung und Werte an der Gesellschaft der Universität St.Gallen hat mit der Handelshochschule Leipzig nahezu 15`000 Personen befragt. Damit ist der GemeinwohlAtlas die umfassendste Befragung zum Thema Gemeinwohl in der Schweiz.

22. September 2019. Die Schweizerinnen und Schweizer machen sich weiterhin grosse Sorgen um das Gemeinwohl in der Schweiz. Wie bereits in der Befragung 2017 sind 73 von 100 Befragten besorgt, dass dem Gemeinwohl in der Schweiz zu wenig Beachtung geschenkt wird. Doch im Vergleich zu 2017, sehen sie den Gemeinwohlbeitrag der Organisationen und Unternehmen in der Schweiz deutlich kritischer. Nahezu alle Organisationen haben aus Sicht der Bürgerinnen und Bürger einen geringeren Beitrag zum Gemeinwohl erbracht als noch vor zwei Jahren.

Organisationen, die die hohe Sorge ums Gemeinwohl in der Schweiz nicht ernst nehmen, werden deutlich abgestraft. Denn nahezu alle Schweizerinnen und Schweizer sind überzeugt, dass alle Organisationsformen eine hohe Verantwortung haben, zum Gemeinwohl beizutragen. Das gilt auch für privatwirtschaftliche Unternehmen. 86% der Befragten schreiben neben dem öffentlichen und gemeinnützigen auch dem privaten Sektor eine hohe Gemeinwohl-Verantwortung zu.

Insbesondere Grosskonzerne scheinen, aus Sicht der Schweizer Bevölkerung, diese Verantwortung nicht ernst zu nehmen und fallen im Vergleich zu 2017 besonders stark ab im Ranking. Nestlé und Coca-Cola verlieren im Vergleich zum GemeinwohlAtlas 2017 jeweils nahezu 15% in ihrer Gemeinwohlbewertung und bei Amazon und Facebook sind es nahezu 10% weniger. «Dies ist ein relativ grosser Sprung für eine Gemeinwohlbewertung, da diese auf den langfristigen Erfahrungen der Bürgerinnen und Bürger mit einer Organisation beruht. Nur wenn die Bevölkerung der Meinung ist, dass tatsächlich etwas sehr falsch läuft, kommt es zu solch grossen Änderungen in der Bewertung», erklärt Studienleiter Prof. Dr. Timo Meynhardt.

Dies ist auch im diesjährigen GemeinwohlAtlas Deutschland zu sehen, in welchem die deutsche Automobilindustrie nach der Dieselkrise an Gemeinwohlansehen verloren hat. Allerdings ist die Sorge ums Gemeinwohl in Deutschland noch etwas höher (81%). Es bleibt abzuwarten, ob die Schweiz eine Sonderstellung im deutschsprachigen Raum einnimmt oder ob etwa in Österreich ähnliche Einschätzungen dominieren.

Das Ranking im Überblick

Den ersten Platz belegt in diesem Jahr, wie auch schon 2017, die Schweizerische Rettungsflugwacht (Rega). Die Spitex, der Sieger von 2015, belegt Platz 2 und Pro Senectute Platz 3. In den Top Ten konnten sich durchweg Institutionen platzieren, deren Leistungsauftrag im Kern auf das Gemeinwohl zielt.

Die Geberit AG ist das erste privatwirtschaftliche Unternehmen im Ranking. Wie auch schon 2017 schneidet das 1874 gegründete Unternehmen am besten im Bereich privatwirtschaftlicher Unternehmen ab.

Top 10

1.    Schweizerische Rettungsflugwacht (Rega)

2.    Spitex Verband Schweiz

3.    Pro Senectute Schweiz

4.    Schweizer Paraplegiker Stiftung

5.    Schweizerisches Rotes Kreuz (SRK)

6.    AHV/IV

7.    Pro Infirmis

8.    Schweizerische Unfallversicherung (Suva)

9.    Schweizer Reisekasse (Reka) Genossenschaft

10.  Heilsarmee

Last 10

101.    FC Zürich

102.    Facebook, Inc.

103.    Amazon.com Inc.

104.    Syngenta AG

105.    Blick

106.    Tamoil

107.    Vereinigung Europäischer Fußballverbände (UEFA)

108.    Glencore

109.    Fédération Internationale de Football Association (FIFA)

110.    Marlboro

Das gesamte Ranking ist einsehbar unter www.gemeinwohl.ch

Klarer Auftrag an Unternehmen und Organisationen

Die Befragten fordern die Unternehmen und Organisationen auf, mehr für das Gemeinwohl zu tun, denn nahezu alle Unternehmen und Organisationen wurden im Vergleich 2017 schlechter bewertet. Dies kann viele negative Nebenwirkungen mit sich führen, da die meisten Schweizerinnen und Schweizer bei ihrem Einkauf oder bei der Jobwahl auf das Gemeinwohl achten. Doch vor allem stellt es die zentrale Frage nach der Legitimation in den Raum, die für jede Organisation unabdingbar sein sollte.

Der ehemalige HSG-Rektor, Prof. Dr. Peter Gomez, der das Patronat über die Untersuchung übernommen hat, meint zu den Ergebnissen: «Für Führungskräfte gibt es nur einen Weg, sich eine Meinung zur gesellschaftlichen Akzeptanz ihres Unternehmens zu bilden: Die Bürgerinnen und Bürger befragen und dann vor allem auch ernst nehmen.»

Prof. Dr. Timo Meynhardt erklärt: «Die Schweiz von 2019 ist nicht mehr die Schweiz von 2017. Das Gemeinwohl schrumpft. Führungskräfte sollten diesen Abwärtsschwung als Warnung sehen, die mindestens genauso viel Aufmerksamkeit benötigt, wie das regelmässig angedrohte Schrumpfen der Wirtschaft.»

north