Forschung - 12.06.2026 - 16:00
Eine aktuelle Analyse der Schweizer Liga und die Forschung der St.Galler Diversity-Expertin Ines Hartmann zeigen, weshalb der Frauenfussball weit mehr ist als ein Sportthema. Immer mehr Vereine investieren gezielt in ihre Frauenfussballteams, die Liga professionalisiert sich. Mit Blick auf die bevorstehenden Männerfussball-Weltmeisterschaft in Amerika zeigt sich klar: Frauenfussball ist strukturell weitaus nicht vergleichbar entwickelt. Kurz vor dem Frauenstreiktag vom 14. Juni 2026 in der Schweiz erhält die Debatte um Chancengleichheit zusätzliche Aktualität.
Die Forschenden des Competence Center for Diversity, Disability and Inclusion (CCDI-HSG) und des Zentrums für Betriebswirtschaftslehre (ZBW) der FH Graubünden zeigen im Bericht «Lage der Liga Schweiz: Diversität der obersten Ligen im Schweizer Fussball 2025/2026», der vom Verein Fussball Kann Mehr Schweiz initiiert wurde: Der Frauenfussball hat in den vergangenen Jahren wichtige Fortschritte erzielt. Gleichzeitig bleiben finanzielle Ressourcen, mediale Sichtbarkeit und professionelle Rahmenbedingungen deutlich hinter jenen des Männerfussballs zurück.
Die St.Galler Diversity-Forscherin Dr. Ines Hartmann überrascht diese Entwicklung nicht. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit Gleichstellung, Diversität und Karrierechancen in Organisationen. «Der Sport ist ein Spiegel der Gesellschaft», sagt Hartmann. «Wenn Frauen weniger Zugang zu Ressourcen, Netzwerken oder Entscheidungspositionen haben, zeigen sich im Sport dieselben Effekte wie in der Wirtschaft.»
Hartmann forscht an der Universität St.Gallen zu Diversität und Chancengleichheit. Im Rahmen des Advance & HSG Gender Intelligence Reports analysiert sie mit ihrem Team regelmässig die Karriereverläufe von Hunderttausenden Beschäftigten in der Schweiz.
Die Ergebnisse sind eindeutig: Frauen werden seltener befördert, erreichen weniger häufig Führungspositionen und profitieren weniger stark von beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten als Männer. Die Ursachen liegen dabei oft nicht in individuellen Entscheidungen, sondern in organisationalen Strukturen und unbewussten Mechanismen.
Ähnliche Muster erkennt Hartmann auch im Spitzensport.
«Es reicht nicht, einzelne Athletinnen zu fördern», sagt sie. «Entscheidend ist, dass Frauen auch in Trainergremien, Verbänden und strategischen Führungsfunktionen in den Fussballclubs vertreten sind. Dort werden die Weichen für die Zukunft gestellt.»
Frauenfussballturniere wie die EURO 2025 in der Schweiz bieten die Chance, neue Vorbilder sichtbar zu machen. Und bestehende Rollenbilder zu hinterfragen.
Zwar sind erfolgreiche Spielerinnen heute präsenter als noch vor wenigen Jahren. Doch Frauen bleiben in vielen Entscheidungspositionen des Sports untervertreten. Gerade dort, wo über Investitionen, Nachwuchsförderung oder die strategische Ausrichtung von Organisationen entschieden wird.
Für Hartmann ist dies ein zentraler Hebel für nachhaltige Veränderung: «Wenn junge Mädchen erfolgreiche Spielerinnen, Trainerinnen oder Verbandspräsidentinnen sehen, verändert das ihre Vorstellung davon, was möglich ist», sagt sie. «In meiner Forschung sehe ich: Gesellschaftliche Vielfalt schafft neue Perspektiven – und letztlich bessere Entscheidungen.»
Die Entwicklung des Frauenfussballs zeigt, dass Veränderungen möglich sind. Was lange als Nischensport galt, entwickelt sich zu einem gesellschaftlich relevanten Thema. Dennoch macht der Blick auf die Schweizer Liga deutlich, dass Gleichstellung nicht allein an Zuschauerzahlen oder Sponsoringeinnahmen gemessen werden kann.
Mit der Weltmeisterschaft der Männer in Amerika und dem Schweizer Frauenstreiktag treffen in diesen Tagen zwei Ereignisse aufeinander, die dieselbe Frage aufwerfen: Wer erhält Zugang zu Chancen, Ressourcen und Einfluss?
Der Frauenfussball liefert darauf eine klare Antwort. Die Fortschritte der vergangenen Jahre sind sichtbar. Der Weg zu echter Chancengleichheit ist jedoch noch lange nicht abgeschlossen.
Die Studie «Lage der Liga Schweiz 2026» ist frei verfügbar zum Download. Sie entstand in Kooperation des Competence Center for Diversity, Disability and Inclusion (CCDI-HSG) und des Zentrums für Betriebswirtschaftslehre (ZBW) im Auftrag der gemeinnützigen Netzwerkorganisation FUSSBALL KANN MEHR SCHWEIZ (FKM Schweiz). Co-Studienautorin Dr. Ines Hartmann forscht und lehrt an der Universität St.Gallen.
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