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Künstliche Intelligenz in den Rechtswissenschaften

Die künstliche Intelligenz wird die rechtliche Arbeit in Forschung und Praxis stark verändern. Von zukünftigen Absolvierenden des Rechtsstudiums werden Kanzleien, Behörden und Gerichte erwarten, dass sie KI-getriebene Werkzeuge in der Praxis effektiv und effizient nutzen können, sei es in der Vertragsanalyse und Vertragsgestaltung, beim Verfassen von Rechtsschriften oder beim Durchleuchten von Unternehmen in internen Untersuchungen oder in der Due Diligence. Die Law School der Universität St.Gallen möchte ihre Studierenden auf die Möglichkeiten und Grenzen der Nutzung von künstlicher Intelligenz vorbereiten: Sie hat ihre Arbeitstechnikkurse um Module zur Nutzung von KI ergänzt und ermöglicht den Studierenden mit der Einführung der Vertiefung "Law & Tech" ihre Skills auch dem Arbeitsmarkt zu signalisieren.

Daniel Brugger und Dr. Kaspar Ehrenzeller, Co-Dozenten der Pflichtveranstaltung «Methoden und Arbeitstechnik», haben für die Studierenden einen Leitfaden zur juristischen Recherche mit und ohne künstliche Intelligenz entwickelt. Das Dokument finden Sie hier:

Interview mit Daniel Brugger zu KI in der Rechtswissenschaft

Daniel Brugger, du bist Head Legal Tech / AI am Institut für Law and Economics der Universität St. Gallen. Was umfasst deine Rolle und womit beschäftigst du dich in deinem Arbeitsalltag?

Meine Rolle ist sehr vielfältig und genau das macht sie so spannend. Als Lehrbeauftragter unterrichte ich die Studierenden auf Bachelor- und Masterstufe. Auf Bachelorstufe vermittle ich zusammen mit Kaspar Ehrenzeller im digitalen Teil der Vorlesung «Methoden und Arbeitstechnik» die Grundlagen des juristischen Arbeitens mit KI. Auf Masterstufe unterrichte ich gemeinsam mit Ioannis Martinis im Integrationsseminar das Modul «Legal Tech», in dem wir die Transformation des Rechtsmarkts durch Legal Tech und KI behandeln. Daneben gebe ich Übungsstunden im «klassischen Recht», nämlich im Gesellschafts- und Wirtschaftsrecht. Für das kommende Herbstsemester organisiere ich zudem gemeinsam mit Aurelia Tamò-Larrieux, die seit Kurzem Ordinaria für Recht und Technologie an der HSG ist, zwei innovative Lehrformate: einen Legal Hackathon und einen Legal Design Workshop. Ab dem Frühjahrssemester 2027 unterrichte ich sodann ein weiteres Mastermodul zu Legal Tech. Neben der Lehre konzipiere und leite ich Weiterbildungsveranstaltungen. Vor den Sommerferien fand zum Beispiel die zweitägige Weiterbildung «KI-Kompetenz für Juristinnen und Juristen» statt. Für den Herbst und das Frühjahr sind weitere branchenspezifische Formate geplant. Dazu kommen monatliche Brown-Bag-Webinare für die Law School. Daneben bin ich Executive Director des Law & Tech Lab und unterstütze die Law School in Fragen rund um Künstliche Intelligenz.

Was fasziniert dich persönlich am Zusammenspiel von Recht und KI?

Am Zusammenspiel von Recht und KI faszinieren mich vor allem die praktischen Auswirkungen auf das Studium der Rechtswissenschaft und die Rechtspraxis, also wie KI die praktische juristische Arbeit verändert: wie man recherchiert, wie man schreibt, wie man prüft, wie man lernt und wie sich der juristische Beruf und der gesamte Rechtsmarkt neu ausrichtet. Wir erleben gerade in Echtzeit, wie sich ein traditioneller Beruf transformiert. Diese Entwicklung nicht nur zu beobachten, sondern aktiv mitgestalten zu können, empfinde ich als grosses Privileg.

Welche Veränderungen beobachtest du durch KI bereits heute an der Law School? Welche Entwicklungen erwartest du in den nächsten Jahren, insbesondere mit Blick auf die Lehre, den Einsatz von KI in Prüfungen und die juristische Ausbildung insgesamt?

Ich glaube, wir stehen erst am Anfang einer längerfristigen Entwicklung. Bereits heute ist jedoch deutlich spürbar, dass KI an der Law School angekommen ist. Praktisch alle Studierenden nutzen KI-Tools inzwischen selbstverständlich im Studium. Gleichzeitig besteht innerhalb der Faculty ein grosses Bewusstsein dafür, dass KI sowohl die juristische Ausbildung als auch den Rechtsmarkt grundlegend verändern wird. Das zeigt sich auch institutionell: Am ILE wurde eigens eine Stelle für mich für Legal Tech und KI geschaffen, und mit Aurelia Tamò-Larrieux erhält das Fachgebiet Law & Tech an der HSG wieder eine neue Professur. Auch in der Lehre sind Veränderungen bereits sichtbar. Schon länger gibt es verschiedenste Lehrformate, in denen KI und Legal Tech ausdrücklich thematisiert werden; einige davon, an denen ich selbst beteiligt bin, habe ich bereits erwähnt. Darüber hinaus wurden kürzlich auch Prüfungsformate angepasst. So werden Bachelor- und Masterarbeiten nicht mehr ausschliesslich schriftlich beurteilt, sondern durch eine mündliche Prüfung ergänzt. Damit soll stärker geprüft werden, ob die Studierenden ihre Argumentation, Methodik und Ergebnisse tatsächlich verstehen, begründen und verteidigen können.


Wenn wir in die Zukunft blicken, wird sich meines Erachtens vor allem die Frage stellen, welche Kompetenzen Juristinnen und Juristen künftig benötigen und wie wir diese an den Universitäten vermitteln. Zentral bleibt nach meiner Einschätzung die Vermittlung von juristischer Fachkompetenz samt Methodenkompetenz. Ohne solides Fachwissen und methodisches Verständnis lässt sich der Output von KI-Systemen nicht beurteilen. Was sich verändern wird, sind die erforderlichen Werkzeugkompetenzen: Digitalisierungs-, Recherche-, Schreib- und Anwendungskompetenzen müssen im KI-Zeitalter neu gedacht werden. An Bedeutung gewinnen zudem kritische Begleitkompetenzen, wie Analyse-, Entscheidungs- und Aneignungskompetenz. Schliesslich werden genuin menschliche Kompetenzen meiner Meinung nach zu einem zentralen Differenzierungsmerkmal. Dazu gehören interpersonelle Fähigkeiten, wie die Zusammenarbeit in interdisziplinären Teams, Kommunikations- und Verhandlungskompetenz, aber auch Ethik, Haltung, Empathie und Verantwortungsbewusstsein. Gerade wenn Informationen, Analysen und erste Entwürfe immer leichter verfügbar werden, wird umso entscheidender, wie Juristinnen und Juristen argumentieren, erklären, verhandeln, überzeugen und Verantwortung für ihre Entscheidungen übernehmen. Auf diese Kompetenzen hat die HSG traditionell grossen Wert gelegt. Künftig dürften sie noch stärker ins Zentrum der juristischen Ausbildung rücken.

Daneben wird derzeit intensiv darüber diskutiert, welche Leistungen wir künftig prüfen wollen, mit welchen Formaten dies geschehen soll und in welchem Umfang KI in Lehre und Prüfungen integriert werden kann. Da das Ganze noch in Diskussion bei uns ist, möchte ich dem Entscheid nicht vorgreifen. Immerhin kann ich sagen, dass ich persönlich pauschale KI-Verbote, wie sie einzelne (amerikanische) Universitäten vorsehen, für wenig überzeugend halte. Sie sind kaum wirksam zu kontrollieren und drohen deshalb rasch zu reiner Symbolpolitik zu werden. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass sich die klassische schriftliche Haus- oder Seminararbeit in ihrer bisherigen Form nicht mehr halten lässt. Künftig werden wir daher voraussichtlich eine grössere Vielfalt an Prüfungsformaten sehen: mehr mündliche Prüfungen, Closed-Book-Prüfungen zur Überprüfung des Grundlagenwissens, stärker anwendungsorientierte Formate sowie Open-Tools-Prüfungen, bei denen der Einsatz von KI ausdrücklich erlaubt und Teil der zu erbringenden Leistungen ist.

Du wirst ab dem Frühjahrssemester 2027 einen neuen Masterkurs anbieten, in dem unter anderem KI thematisiert wird. Kannst du uns einen kleinen Einblick geben, worum es gehen wird und was die Studierenden daraus mitnehmen können?

Ziel dieses neuen Masterkurses ist es, Studierende auf eine juristische Arbeitswelt vorzubereiten, die sich durch KI und Legal Tech grundlegend verändert. Neben rechtlichen Fragestellungen möchte ich die organisatorischen und strategischen Folgen für die juristische Profession beleuchten, wie neue Wertschöpfungsketten, neue Leistungs- und Geschäftsmodelle, Governance des Technologieeinsatzes sowie veränderte Kompetenzprofile und Rollen. Die Studierenden sollen auch lernen mit KI konkrete juristische Arbeitsprodukte zu erstellen und kritisch zu prüfen. Der Kurs soll also eine konkrete Vorbereitung auf den Berufsalltag im KI-Zeitalter sein.

Du hast den Leitfaden zur juristischen Recherche mit und ohne KI mitverfasst. Welche Empfehlungen würdest du Studierenden für einen kompetenten und verantwortungsvollen Umgang mit KI im Studium geben?

Am besten: den Leitfaden lesen (lacht). Im Ernst: Der erste Schritt ist, sich mit den Grundlagen von KI vertraut zu machen. Man sollte verstehen, wie ein Large Language Model ungefähr funktioniert, wo die Grenzen und Potenziale liegen, welche Biases auftreten können und weshalb solche Modelle halluzinieren. An der HSG vermitteln wir diese Grundlagen für alle Studierenden in den entsprechenden Kursen. Für alle anderen gibt es heute viele gute Ressourcen, etwa Youtube-Videos, Podcasts oder auch die Möglichkeit, KI-Tools selbst über KI zu befragen. Danach gelten für mich drei Regeln: ausprobieren, ausprobieren, ausprobieren. Man muss mit den Tools arbeiten, experimentieren und eigene Erfahrungen sammeln. Genau darum zeige ich in den meine Veranstaltungen für die Studierenden und in den Brown-Bag-Lunches für die Faculty immer wieder konkrete Use Cases. Ich habe manchmal den Eindruck, dass viele noch gar nicht wissen, was mit diesen Werkzeugen bereits alles möglich ist. Ich möchte diese Möglichkeiten sichtbar machen und Hemmungen abbauen.

Zum Schluss noch ein Blick in die Zukunft: Wie wird KI den juristischen Beruf verändern? Lohnt es sich für unsere Studierenden auch in Zukunft, Rechtswissenschaft zu studieren?

Der Blick in die Kristallkugel ist schwierig, und ich bin mit Prognosen vorsichtig, weil sich die Technologie extrem schnell entwickelt. Was sich aber bereits heute abzeichnet, ist eine deutliche Verschiebung im juristischen Arbeiten. Bisher stand häufig die eigene Erstellung von juristischen Arbeitsprodukten im Zentrum: Man analysierte, recherchierte, schrieb und überprüfte den Text im Verlauf dieses Prozesses. Künftig rücken Verifikation und Steuerung stärker ins Zentrum, denn KI kann innert Sekunden erste Entwürfe liefern. Die Aufgabe der Juristin oder des Juristen wird künftig mehr darin bestehen, diese KI-Entwürfe zu prüfen, zu korrigieren, einzuordnen und letztlich zu verantworten. Der Jurist wird weniger reiner Texterzeuger und noch stärker Qualitätsprüfer, Prozessgestalter und Entscheidungsträger. Das verlangt neue und andere Kompetenzen, die wir vorher kurz angesprochen werden.

Wichtig ist mir dabei: Die juristische Arbeit wird wohl nicht weniger, sie wird anders. Deshalb lautet meine Antwort auf die zweite Frage klar: Ja, es lohnt sich weiterhin, Rechtswissenschaft zu studieren. Wer das Recht beherrscht, gleichzeitig kompetent mit den neuen Werkzeugen umgehen kann und die entsprechenden interpresonal skills hat, wird auch in Zukunft gefragt sein. Genau darauf wollen wir die Studierenden an der HSG vorbereiten.

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