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Forschung - 02.10.2026 - 10:00 

Wie ausgerechnet die Atompolitik die Klimaforschung voranbrachte

Die Atompolitik während des Zweiten Weltkriegs sowie die spätere Euphorie für die Kernenergie hatten nebst den offensichtlichen Folgen auch weniger bekannte Konsequenzen. So trugen sie unter anderem dazu bei, die Klimaforschung interdisziplinärer zu machen und voranzubringen.
Quelle: SHSS-HSG

Die Schweiz streitet aktuell über die Kernenergie – mal wieder. Nachdem das Parlament im Juni 2026 das Verbot für den Bau neuer Atomkraftwerke aufgehoben hat, wurde umgehend das Referendum ergriffen. Das Volk wird also erneut das (vorläufig) letzte Wort in dieser Angelegenheit haben. Währenddessen erlebte die Schweiz einen bislang beispiellosen Hitzesommer, wie Klimaforschende nachweisen können. Was die heutige Klimaforschung der Atompolitik zu verdanken hat, zeigt ein Blick in die Wissenschafts- und Technikgeschichte.

Wegbereiter der Interdisziplinarität

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Boom der Atomphysik. Die Atombombenabwürfe in Japan hatten der Welt auf erschreckende Weise gezeigt, welche Energie durch Kernspaltung freigesetzt wird. Als friedliche Alternative sollte nun die Atomkraft den nötigen Strom liefern, um den wachsenden Energiehunger der prosperierenden Nachkriegszeit zu befriedigen. Auch die Schweiz wollte mitmischen. Daher unterstützte der Bundesrat die Atomforschung mit Geldern in nie dagewesener Höhe. Davon profitierte auch eine junge Technik der Nuklearphysik, die in den 1940er-Jahren in den USA entstanden war: die Radiokarbon- bzw. C-14-Datierung. Damit lässt sich das Alter von organischen Stoffen bestimmen. 1956 entstand eines der weltweit ersten C-14-Datierungslabors an der Universität Bern. Die Technik der Isotopenanalyse revolutionierte zuerst die Archäologie, da sie es möglich machte, Fundstücke absolut zu datieren. Doch bald interessierten sich auch Schweizer Glaziologen dafür. Zunächst scheiterte die erhoffte C-14-Datierung von Gletschereis, dafür eröffnete sich später der Weg, CO2 im Eis zu messen. Zwar waren der Boom und die Förderung der Kernphysik da bereits wieder vorbei, doch das Berner Labor war längst dem Datierungsservice entwachsen und zu einem Zentrum der Klimaforschung geworden, wo Nuklearphysik, Gletscherforschung und Klimatologie in einer neuen Disziplin zusammenschmolz: Die Rekonstruktion der Klimavergangenheit anhand von Gletschereiskernen.

Heute erscheint es uns selbstverständlich, dass Klimaforschung interdisziplinär ist. Neben der Glaziologie und der Meteorologie tragen auch Methoden und Erkenntnisse aus Mathematik, Physik, Ozeanforschung und Ökologie zur modernen Klimaforschung bei. Eine solche Interdisziplinarität entsteht jedoch nicht von selbst. Sie ist die Folge komplexer Prozesse, geprägt von organisatorischen Strukturen, wissenschaftlichen, politischen und kulturellen Kontexten sowie von der Verfügbarkeit von Geld und Zeit.

Nationale Identität als Treibfeder

So waren es nebst der Schweizer Atompolitik weitere politische, kulturelle und institutionelle Rahmenbedingungen, die eine interdisziplinäre Schweizer Klimaforschung förderten. Zum Beispiel die identitätsstiftende Schweizer Neutralität: Sie hatte die Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg isoliert. Internationale Forschungskooperationen schienen nun eine hervorragende Option zu sein, um sich international zu integrieren, ohne die Neutralität zu verletzen. Ausserdem spielte ein weiterer Aspekt des Schweizer Identitätsnarrativs eine Rolle, derjenige des Alpen- und Gletscherlandes. All dies führte dazu, dass der Bundesrat bereit war, enorme Summen in internationale Polarexpeditionen zu investieren. Erst dadurch konnten Schweizer Forscher die C-14-Messung im Gletschereis der Arktis testen und zur CO2-Messungstechnik weiterentwickeln. Förderlich waren auch persönliche Kontakte und die kurzen Wege in unserem kleinen Land. So etwa die fakultätsübergreifenden Netzwerke zwischen Physikern und Archäologen innerhalb der Universität Bern, aber auch zwischen Berner Physikern und Gletscherforschern der ETH sowie der Universität Zürich. Dieses Zusammenspiel politischer, finanzieller und institutioneller Unterstützung über Jahrzehnte hinweg erlaubte die Entstehung eines weltweit führenden, interdisziplinären Klimaforschungszentrums an der Universität Bern.

Parallelen zu heute?

Angesichts des diesjährigen Rekordsommers, und weiterer, die folgen werden, muss man sich fragen, wie die klimatischen Veränderungen die Schweizer Identität prägen werden. Insbesondere der Gletscherschwund stellt eine Zäsur dar. Es erstaunt, dass dieses Thema angesichts der Entwicklungen der letzten Monate nicht mehr mediale Aufmerksamkeit erhalten hat. Gehören die weissen Alpenpanorama-Postkartenmotive, für die unser Land international bekannt ist und die ein wichtiger Teil der Schweizer Identität bilden, bald der Vergangenheit an? Droht der Konkordiaplatz zur Steinwüste zu verkommen? Wie würde sich das auf unser Selbstbild auswirken? Angesichts der klimatischen Veränderungen darf darüber spekuliert werden. Wünschenswert wäre die weitere Förderung interdisziplinärer Zusammenarbeit sowohl auf nationaler als auch auf universitärer Ebene. Denn nicht nur beim Klimawandel, auch bei anderen grossen Herausforderungen unserer Zeit, wie die Gefährdung der Demokratie, der Bevölkerungswandel oder die Folgen der Verbreitung künstlicher Intelligenz wird es nötig sein, dass vielfältige Kompetenzen und Disziplinen zusammenkommen, um belastbare Antworten auf diese Herausforderungen zu finden. Der Blick in die Wissenschaftsgeschichte zeigt, dass dies nicht von allein geschieht, sondern dass es politische und finanzielle Unterstützung, eine Förderung und Wertschätzung von interdisziplinären Netzwerken auf Universitäts- und Institutionenebene, und vor allem eine Kultur der Offenheit gegenüber diversen Ansätzen und Methoden braucht. Ausserdem muss in der Forschungsförderung bedacht werden, dass das, was heute als ultimative Lösung erscheint – wie die Atomkraft in den 1950er-Jahren – in Zukunft möglicherweise unvorhergesehene Probleme schaffen wird.


Prof. Dr. Dania Achermann
ist Professorin für Technik- und Wissenschaftsgeschichte. In ihrem Paper «Travelling with isotopes: radiocarbon dating and the interdisciplinarization of climate science» (Open Access), das kürzlich bei Cambridge University Press erschienen ist, zeichnet sie im Detail nach, wie das Verfahren der Radiokarbon-Datierung in der Schweiz die Klimaforschung fundamental verändert hat und welche politischen und kulturellen Bedingungen die Entstehung der Eisbohrkernforschung geprägt haben.


Bild: Fritz Brandenberger, ETH-Bibliothek Zürich

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