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Forschung - 03.09.2020 - 00:00

Spital, Spitex, Pflegeheim – alles aus einer Hand

Im Unterengadin ist etwas entstanden, was für das ganze Gesundheitswesen Pioniercharakter hat: Die wichtigsten medizinischen Dienstleister haben sich alle in einem Gesundheitszentrum zusammengeschlossen. Eine neue Studie der HSG zeigt die positiven Effekte einer integrierten Gesundheitsversorgung für die Schweiz.

3. September 2020. Viele Patienten haben bei ihrer Behandlung dauernd mit neuen Akteuren zu tun. Hier ein Spital, da ein Pflegeheim, dort eine Spitex-Organisation – und alle werkeln vor sich hin, ohne sich gross abzusprechen. So sieht die Gesundheitsversorgung in der Schweiz fast allerorts aus. Spital, Spitex, Pflegeheim – alles aus einer Hand: Die Bündner machen vor, wie es besser geht. Vernetzung ist die Antwort auf die grossen Herausforderungen, mit denen unsere Gesellschaft in den kommenden Jahren im Gesundheitswesen konfrontiert ist. Eine Studie von Healthcare-Management-Fachleuten der HSG und KPMG zeigt, wie eine vernetzte integrierte Versorgung die Qualität und Effizienz im Gesundheitswesen verbessert.

Matthias Mitterlechner beschäftigt sich mit der Leistungssteuerung in Dienstleistungsorganisationen und -netzwerken mit besonderem Fokus auf das Gesundheitswesen. Er ist Leiter des Forschungsprogramms HealthCare Excellence an der Universität St.Gallen. Mitterlechners neue Studie, die in Zusammenarbeit mit KPMG entstanden ist, zeigt die positiven Wirkungen einer regionalen Vernetzung von Leistungserbringern aus dem Gesundheitswesen. Daraus ergeben sich vielfältige Implikationen für die künftige Gestaltung des Gesundheitswesens.

Integrierte Versorgung im Netzwerk

Die Qualität des Schweizer Gesundheitswesens ist hoch, die Wartezeiten sind gering, und die Bevölkerung ist mit den Leistungen zufrieden. Gleichzeitig steht das Gesundheitswesen vor grossen Herausforderungen: Dazu zählen der demografische Wandel, eine hohe Nach-frage an Pflegeleistungen, die Zunahme chronischer Erkrankungen, Infektionskrankheiten, die Ausdifferenzierung von Expertise, Personalmangel, die Digitalisierung, eine wachsende Schere zwischen medizinischen und finanziellen Möglichkeiten sowie die Sicherung der Grundversorgung in ländlichen Gebieten. Um diese Herausforderungen zu bewältigen, schlägt die internationale Forschungsliteratur vor, die Wertschöpfungsaktivitäten der Leistungserbringer im Rahmen einer integrierten Gesundheitsversorgung stärker zu koordinieren. Dies, um die regionale Vernetzung zwischen Spitälern, Pflegedienstleistern, Hausärzten, Spezialisten und anderen Akteuren zu fördern. Vor diesem Hintergrund beauftragte das Gesundheitsdepartement des Kantons Graubünden KPMG Schweiz gemeinsam mit der HSG, die Effekte einer regionalen integrierten Versorgung zu untersuchen und Gestaltungsempfehlungen für den Aufbau regionaler Versorgungsnetzwerke auszuarbeiten.

Vergleich von vier Gesundheitsregionen im Kanton Graubünden

Um diese Fragen zu analysieren, vergleicht die Studie die Effekte der Versorgungspraxis in zwei Regionen mit integrierter Versorgung (Prättigau, Unterengadin) mit jenen in zwei Regionen ohne integrierte Versorgung (Oberengadin, Surselva). Für den Vergleich wurden Hypothesen formuliert, die mittels quantitativer Analysen getestet und qualitativer Aussagen plausibilisiert wurden. Die Datenanalyse erfolgte auf aggregierter Ebene von «integrierten» und «nicht integrierten» Versorgungsregionen. Zusammenfassend zeigt die Studie folgende positive Wirkungen einer integrierten regionalen Gesundheitsversorgung:

          Bevölkerungsorientierte Wertschöpfung: Integrierte Versorgungsregionen richten die Wert-schöpfung umfassender auf Patienten/Innen und ihre Angehörigen aus. Die höhere Qualität ist auf das strukturierte Schnittstellenmanagement zwischen den Leistungserbrin-gern zurückzuführen – etwa durch regionale Beratungsstellen und Case Management für ältere Personen mit komplexen Bedürfnissen.

          Kostenvorteile: Durch Vernetzung lassen sich betriebliche Kostenvorteile in Höhe von 20 bis 30% in den unterstützenden Wertschöpfungsaktivitäten wie HR oder IT realisieren.

          Bedarfsgerechter Leistungsausbau: In den primären Wertschöpfungsaktivitäten kann eine integrierte Versorgung zunächst zu einem Leistungsausbau und steigenden Gesund-heitsausgaben in der obligatorischen Krankenpflegeversicherung führen. Die Gesundheitsausgaben in den untersuchten Regionen blieben jedoch unter dem Schweizer Durchschnitt, was eher auf einen Nachholbedarf in ländlichen Regionen und nicht eine drohende Überversorgung hinweist.

          Flexibles Personalmanagement: Das Personalmanagement kann bedarfsorientierter und sektorübergreifend gestaltet werden – mit positiven Wirkungen auf die Attraktivität, Rekrutierung und Einsatzplanung von Fach- und Leitungspositionen.

          Innovationskraft: Innovative Versorgungspraktiken wie z. B. Digital Health oder Disease Management kommen in integrierten Versorgungsregionen häufiger zum Einsatz. Die Mitarbeitenden fühlen sich besser für die künftigen Herausforderungen im Gesund-heitswesen gewappnet.

          Lebens- und Standortqualität für die Region: Innovation beeinflusst die Lebens- und Standortqualität der Gemeinden positiv und schafft Arbeitsplätze.

Implikationen für Forschung und Versorgungspraxis im Gesundheitswesen

Für die Forschung zeigt die Studie die positiven Wirkungen einer integrierten regionalen Gesundheitsversorgung für die Schweiz. Damit stützt sie internationale Studien, die für andere Länder im Bereich der Versorgungsqualität und -kosten ähnliche Wirkungen belegen. Zusätzlich identifiziert sie die positiven Wirkungen auf das Personalmanagement, die Inno-vationskraft im Gesundheitswesen und die regionale Lebens- und Standortqualität.

Für die Versorgungspraxis impliziert die Studie, dass sich die Entscheidungsträger in der Politik, der Verwaltung und den Leistungserbringern noch viel systematischer mit Fragen der Vernetzung im Gesundheitswesen auseinandersetzen. Dafür enthält die Studie zehn konkrete Handlungsoptionen für die Entwicklung integrierter Versorgungsregionen. Vernetzung ist die Antwort auf die grossen Herausforderungen, mit denen unsere Gesellschaft in den kommenden Jahren im Gesundheitswesen konfrontiert ist.

Bild: Pixabay/Artistraman

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