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Meinungen - 04.03.2026 - 12:00 

HSG-Perspektiven zum Krieg im Iran und im Nahen Osten

Die Militärschläge der Vereinigten Staaten und Israels gegen den Iran halten die Welt in Atem. Forschende der Universität St.Gallen (HSG) werden von den Medien um Einschätzungen der jüngsten Entwicklungen gebeten. Eine vorläufige Zusammenfassung.

Eine der sichtbarsten ersten Auswirkungen des Konflikts ist der Anstieg der Energiepreise. Der Ökonom Stefan Legge beobachtete diese Dynamik aus erster Hand in St.Gallen und stellte einen spürbaren Anstieg an den Tankstellen fest. «Wenn man davon ausgeht, dass ein Produkt morgen teurer wird, versucht man, es heute zu kaufen. Und genau das beobachten wir derzeit.» Die Tankstellen in der Region verzeichneten Berichten zufolge einen Umsatzanstieg von 30 bis 40 % im Vergleich zu einem durchschnittlichen Sonntag – ein Paradebeispiel für eine durch Erwartungen getriebene Nachfrage. «Derzeit spiegelt der Preis die Möglichkeit wider, dass sich diese Situation erheblich verschlechtern könnte. Wenn sich nun herausstellt, dass sich die Lage im Nahen Osten doch nicht so negativ entwickelt, wird der Preis wieder fallen.»

Reto Föllmi, Professor für internationale Wirtschaft, rechnet ebenfalls mit einem Aufwärtsdruck auf die Rohölpreise und einer Flucht in sichere Währungen wie den Schweizer Franken. Er merkt jedoch auch an: «Die Schweiz ist heute weniger abhängig vom Öl als während des Irakkriegs 2003. Damals machte Öl rund 70 % des gesamten Energieverbrauchs aus, heute sind es knapp 50 %.» Durch diesen Strukturwandel ist die Schweizer Wirtschaft besser als vor zwei Jahrzehnten in der Lage, geopolitische Energieschocks abzufedern.

Innovation durch geopolitische Schocks

Während sich viele Kommentare auf die unmittelbaren Marktreaktionen – Öl, Gold und Verteidigungsaktien – konzentrieren, argumentiert der Makroökonom Guido Cozzi, dass langfristige Folgen bevorstehen könnten. Er erklärte: «Grosse geopolitische Schocks bewegen nicht nur die Preise, sie lenken auch Innovationen in neue Bahnen. Die Geschichte lehrt uns dies. Die Ölkrisen der 1970er Jahre führten nicht nur zu Inflation, sondern beschleunigten auch Investitionen in Energieeffizienz, Kernkraft und die Erforschung alternativer Energien.»

Diese längerfristige Perspektive lädt Politiker und Unternehmen gleichermassen dazu ein, über kurzfristige Absicherungsmassnahmen hinauszuschauen und zu überlegen, wie die aktuelle Krise die Investitionsprioritäten, die Industriestrategie und den Verlauf der Energiewende neu gestalten könnte.

Autoritäre Allianzen

Der Konflikt hat auch erhebliche Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Russland und dem Iran – und damit auch auf den Krieg in der Ukraine. Der Russland-Experte Ulrich Schmid bewertete den Tod des iranischen Obersten Führers Khamenei als strategischen Rückschlag für den Kreml. «Seit Beginn des Krieges in der Ukraine ist der Iran ein wichtiger militärischer Lieferant, insbesondere von Shahed-Drohnen», stellte er fest und fügte hinzu, dass «der Iran ein wichtiger, aber auch problematischer Partner für Moskau war». Über die unmittelbare militärische Dimension hinaus weist Schmid auf eine reputationsbezogene Konsequenz hin: Die Unfähigkeit Russlands, seinen Partner zu schützen oder zu unterstützen, untergräbt Putins allgemeine Behauptung, als Garant für autoritäre Regime weltweit zu fungieren.

Risiken ohne Endspiel

Aus strategischer und politischer Sicht birgt der Militärschlag der USA gegen den Iran erhebliche Risiken, so der Nahost-Experte Andreas Böhm. Böhm argumentiert, dass «Trump mit diesem Militärschlag gegen den Iran ein grosses Risiko eingeht». Er wies auf eine zentrale innenpolitische Schwachstelle hin: «Wenn es eine Sache gibt, die in den USA nicht gut ankommt, dann sind es Bilder von Särgen gefallener Soldaten.»

Böhm warnte auch davor, dass der Iran versuchen werde, jeden Konflikt in die Länge zu ziehen, und dabei bereit sei, erhebliche Opfer in Kauf zu nehmen. Als vielleicht kritischsten Punkt identifizierte er die mangelnde strategische Klarheit auf Seiten der USA. «Es gibt kein Endspiel, kein Endziel, das es ihnen ermöglichen würde, den Sieg zu erklären.» Ohne eine definierte Siegbedingung riskieren die USA, sich in einen langwierigen und kostspieligen Konflikt ohne klaren Ausweg zu verstricken.

Im Podcast «Grüezi Amerika» von Claudia Brühwiler sagte der amerikanische Politikwissenschaftler James W. Davis, die USA seien, wenn sie zum Engagement bereit seien, «in der Lage, dies auf eine Weise zu tun, die es ihnen dank technologischer Überlegenheit und Dominanz erlaubt, nahezu straffrei zu handeln».

Weiter führte er aus: «Europa steht gewissermassen am Rand eines Geschehens, das sich in unmittelbarer Nähe seiner eigenen Grenzen abspielt. Es hat politische, wirtschaftliche und völkerrechtliche Vorbehalte gegenüber dem, was die Vereinigten Staaten unternehmen. Dadurch wird eine Region weiter destabilisiert, die für Europa wegen ihrer Energieversorgung von Bedeutung ist – und zugleich eine Region, aus der grosse Flüchtlingsgruppen stammen, die europäische Länder von innen heraus destabilisieren. Ich verstehe, weshalb Europa hier zögert, sich einzumischen. Aber es ist Ihr Hinterhof. Europa kann gegenüber dem, was dort geschieht, nicht gleichgültig bleiben.»

Luftfahrt: Störungen über den Konflikt hinaus

Die Auswirkungen des Konflikts reichen bis in den zivilen Luftverkehr. Andreas Wittmer, Luftfahrtexperte an der HSG, hob die logistische Belastung hervor, mit der Fluggesellschaften konfrontiert sind, die Passagiere über Drehkreuze im Nahen Osten befördern. «Es ist kaum möglich, die gesamte Nachfrage für Asien, die über die Drehkreuze im Nahen Osten gebucht wurde, kurzfristig anderweitig zu transportieren», erklärte er und warf die zusätzliche Frage auf, «wie lange die Drehkreuze im Nahen Osten mit reduzierter Kapazität arbeiten müssen».

Für Reisende sind die praktischen Folgen bereits spürbar. Ein Routineflug zwischen der Schweiz und Dubai müsste beispielsweise nun umgeleitet werden, was die Reisezeit um etwa 90 Minuten verlängern würde. Multipliziert mit Tausenden von Flügen pro Tag stellen solche Störungen eine erhebliche Herausforderung für Fluggesellschaften dar, die die Erwartungen der Passagiere, die Betriebskosten und Sicherheitsaspekte in Einklang bringen müssen.


Bild: Adobe Stock / Lilith_Saly

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