
AfroGrow, LandShift, Nostradamus und Nemesis: Vier von der Schweiz und der EU geförderte Horizon-Europe-Projekte entwickeln zukunftsweisende Lösungen für Landwirtschaft und Landnutzung.
Landwirtschaft und Landnutzung sind keine Themenbereiche, die man als Erstes mit der Universität St.Gallen in Verbindung bringt. Die vier neu gestarteten Horizon-Europe-Projekte AfroGrow, LandShift, Nemesis und Nostradamus streben alle systemische Veränderungen in Landwirtschaft, Bildung und Governance an: Verbesserte Ernährungssicherung, fairere Machtstrukturen und resilientere Umweltsysteme. Die HSG bringt unter der Leitung der SHSS ihre Stärken ein: «In technologie- und naturwissenschaftlich geprägten Projekten sorgt die SHSS dafür, dass auch menschliche Aspekte wie etwa Werte, Wissen, soziale Praktiken und Bildung berücksichtigt werden», so Projektleiterin Sabine Hoidn.

Wie wirken sich Transformationsprozesse auf Menschen, Organisationen und Gesellschaften aus und welche Bedingungen ermöglichen ihre erfolgreiche Gestaltung? Die SHSS analysiert die sozioökonomischen Faktoren in den Projekten: «Wir entwickeln Konzepte für soziale Innovation, transformative Bildung und Gendergerechtigkeit und helfen so mit, dass technologische Lösungen nicht nur möglich, sondern auch sinnvoll, akzeptiert und nachhaltig sind», sagt Professorin Hoidn. Bildung spiele dabei als zentraler Hebel für gesellschaftlichen Wandel eine Schlüsselrolle. Die Forschenden der HSG entwickeln konzeptionelle Grundlagen für digitale Lerninhalte, beraten bei deren didaktischer Umsetzung und unterstützen die Projektpartner bei der Planung und Durchführung interaktiver Schulungsformate sowie Weiterbildungsangebote für Akteure aus Politik, Landwirtschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft. «Die Lernplattformen, Schulungsmodule, Webinare und KI-gestützten Toolkits schaffen einen fruchtbaren Nährboden, auf dem Erkenntnisse gedeihen und in der Praxis nachhaltig nutzbar gemacht werden – auch über die Projektkontexte hinaus. Das Team der SHSS sorgt für inklusivere Lernräume, zu denen beispielsweise auch vermehrt Frauen, junge und ältere Menschen Zugang erhalten. Die Projektergebnisse und Schulungsinhalte bereiten wir zielgruppengerecht auf», fasst Hoidn ihr Engagement im Bereich Kompetenzaufbau und Wissenstransfer zusammen.
Eine wichtige Rolle in den Forschungsprojekten spielen sogenannte Living Labs, also reale Experimentierräume, in denen verschiedene Akteursgruppen — von Landmanagerinnen und Forschenden über politische Entscheidungsträger bis zur Zivilgesellschaft – im Sinne eines Multi-Actor-Ansatzes eng zusammenarbeiten. In diesen Living Labs werden Ideen gesät, gemeinsam gepflegt und so zu tragfähigen Lösungen für eine nachhaltige Landbewirtschaftung herangezogen. Dabei wird Wissen nicht nur gemeinsam generiert, die Akteure testen dieses auch im konkreten Anwendungskontext. Living Labs kommen beispielsweise in den Projekten AfroGrow und LandShift zum Einsatz, um Transformationsprozesse vor Ort zu begleiten. In AfroGrow werden in sechs afrikanischen Ländern mittels Umfragen, Fallstudien und Fokusgruppen die sozioökonomischen Auswirkungen von Agroforstsystemen auf Lebensverhältnisse, Wissen und Innovationspotenziale erforscht. Dabei arbeitet das Team um Sabine Hoidn mit Projektpartnern sowie lokalen Communities, NGOs und Behörden zusammen, um nachhaltige Agroforstsysteme zu entwickeln, die nicht nur ökologisch tragfähig und wirtschaftlich sinnvoll, sondern auch sozial gerecht und inklusiv gestaltet sind, insbesondere mit Blick auf bestehende Ungleichheiten in Entscheidungsprozessen. AfroGrow nutzt hierbei digitale Tools und Wissensnetzwerke, um nachhaltige Praktiken zu verbreiten und politische Entscheidungsprozesse evidenzbasiert zu unterstützen. LandShift begleitet Transformationsprozesse entlang landwirtschaftlicher Wertschöpfungsketten in Europa. In Griechenland, Italien, Frankreich, Polen und der Ukraine werden neue Formen regenerativer Landwirtschaft erprobt. Dabei entwickelt LandShift naturbasierte Lösungen nach den Prinzipien des New European Bauhaus, baut harmonisierte Monitoring- und Verifizierungssysteme auf und verwandelt die Living Spaces in übertragbare Leuchttürme für klimaresiliente Landnutzung in Europa. Die sozialwissenschaftliche Forschung soll die Praktikabilität, Akzeptanz und Wirkung dieser Innovationen analysieren und fördern: «Living Labs sind für uns somit nicht nur eine Methode, sie verkörpern einen Ansatz transformativer Forschung, der Menschen ins Zentrum stellt und gemeinsames Lernen ermöglicht. Denn im Zentrum jeder Transformation stehen Menschen und ihr Wissen, ihre Werte und ihre Fähigkeit, Wandel aktiv mitzugestalten», sagt Sabine Hoidn.
«Landwirtschaft steht exemplarisch für systemische Herausforderungen unserer Zeit: Sie berührt Fragen von Nachhaltigkeit, Ressourcenverteilung, Technikinnovation, Bildung und sozialer Gerechtigkeit.»
Das neue Projekt Nemesis, das im Oktober 2025 startete, setzt sich für Bodengesundheit zur Bekämpfung der Wüstenbildung im Mittelmeerraum ein. Hier erfolgt der Austausch in den Innovationsumgebungen auch digital: Nemesis entwickelt einen «Digital Twin» in Form eines Online Living Labs, das analoge Experimentierräume ergänzt und einen virtuellen Raum für Austausch, Lernen und partizipatives Experimentieren über regionale Grenzen hinweg schafft. Im digitalen Living Lab spielen beispielsweise Landmanager, Entscheidungsträgerinnen, Jugendliche und Bürger Szenarien interaktiv durch und entwickeln gemeinsam Lösungen.
Der gezielte Einsatz von KI und technologischen Lösungen verbindet alle vier Projekte: In AfroGrow wird eine digitale Toolbox, eine partizipative App und ein Wissens-Hub für nachhaltige Agroforstsysteme entwickelt. LandShift nutzt KI-gestützte Entscheidungsmodelle, Earth-Observation-Daten und Crowd-Sourcing-Apps, um regenerative Landwirtschaftsstrategien zu erfassen und zu analysieren und damit den Boden für fundierte Entscheidungen auf lokaler wie europäischer Ebene zu bereiten. Dafür werden auch harmonisierte Monitoring-, Reporting- und Verifizierungssysteme (MRV) aufgebaut, welche die Wirkung der Massnahmen transparent machen. Eine mobile App ermöglicht es Bürgerinnen, vor Ort Daten zu sammeln und so die Datengrundlage zu verbessern. Nostradamus konzentriert sich auf die landwirtschaftliche Überwachung und Bewirtschaftung mithilfe einer verbesserten Datengrundlage, um die Unabhängigkeit der EU-Landwirtschaft und die Ernährungssicherheit zu stärken. Nostradamus trägt damit zur Umsetzung der Farm-to-Fork-Strategie, der Gemeinsamen Agrarpolitik und der Europäischen Datenstrategie bei. Die Universität St.Gallen leitet die Analyse von Agrarmarkttrends und sozioökonomischen Faktoren und trägt zur Entwicklung neuer Governance-Modelle bei, um nachhaltige Landwirtschaftspraktiken in der EU zu fördern. KI, Gamification und Lernplattformen werden beispielswiese kombiniert, um Modelle zur Verbesserung von Entscheidungshilfen für landwirtschaftliche Unternehmen und die politische Gestaltung zu entwickeln. Damit die datengestützten Ansätze in der Landwirtschaft ihre Wirkung entfalten, unterstützt die SHSS die Entwicklung einer E-Learning-Plattform mit Materialien sowie die Durchführung digitaler Schulungen, um das Wissen und die Fähigkeiten aller Beteiligten in Bezug auf nachhaltige landwirtschaftliche Praktiken zu verbessern.
Was motiviert Sabine Hoidn, sich mit gesellschaftlichen Transformationsprozessen in Bereichen wie Landwirtschaft, Bildung, Governance und Technologie auseinanderzusetzen? «Mich interessiert, wie kollektive Lern- und Transformationsprozesse gelingen und Menschen in komplexen, oft widersprüchlichen Kontexten gemeinsam handeln, lernen und neue Lösungen entwickeln», bringt Sabine Hoidn ihre Motivation auf den Punkt. Landwirtschaft stehe zudem exemplarisch für systemische Herausforderungen unserer Zeit, da sie Fragen von Nachhaltigkeit, Ressourcenverteilung, Technikinnovation, Bildung und sozialer Gerechtigkeit berühre. Mit ihrer transformativen Forschung möchte Sabine Hoidn dazu beitragen, die Vision der HSG mit Leben zu füllen: «Wissenschaft soll nicht im Elfenbeinturm verharren, sondern in Gesellschaft, Politik und internationale Kooperationen hineinwirken. Nur im Dialog mit der Praxis gelingen innovative und akzeptierte Zukunftslösungen», ist Sabine Hoidn überzeugt. Mit ihrem Team arbeitet sie deshalb eng mit anderen Universitäten, mit landwirtschaftlichen Betrieben, Verbänden, NGOs, Verwaltungsbehörden und internationalen Organisationen zusammen. «Wir haben den Anspruch, Transformation nicht nur zu analysieren, sondern durch partizipative Forschung, transdisziplinäre Bildungsprozesse und sozial-innovative Lösungsansätze aktiv zu begleiten. Gerade die grossen Zukunftsfragen wie Nachhaltigkeit, Klimaresilienz, Landnutzungswandel, Ernährungssicherheit oder soziale Gerechtigkeit erfordern einen Multi-Actor-Ansatz und interdisziplinäre Antworten», betont Sabine Hoidn. Auch ihr Forschungsteam mit Postdocs und wissenschaftlichen Mitarbeitenden setzt sich übrigens aus unterschiedlichen fachlichen Disziplinen wie Agrarökonomie, Ökonometrie, Umwelt- und Sozialpsychologie, Bildungswissenschaft, Soziologie oder Sozialwissenschaften zusammen.
Das Wissen und die Ressourcen, die Sabine Hoidn mit ihrem Team in den vier Horizon-Europe-Projekten sammelt, sieht die Transformationsexpertin auch als wertvolle Investition in die Zukunft, um Synergieeffekte zu nutzen: Während jetzt der wissenschaftliche Acker bestellt wird, können später gemeinsam die Früchte geerntet werden.
Detaillierte Informationen zu den Horizon-Europe-Projekten AfroGrow, LandShift, Nostradamus und Nemesis sowie zur jeweiligen Rolle der HSG im Projekt finden Sie hier.
Die Projekte werden mit Mitteln des Schweizer Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) gefördert.
Sabine Hoidn ist Titularprofessorin für Erziehungswissenschaft, Hochschullehre und sozialwissenschaftliche Transformationsstudien an der Universität St.Gallen. Sie studierte Wirtschaftspädagogik, promovierte an der Universität St.Gallen (Dr. oec.) und habilitierte sich an der Universität Zürich im Fach Erziehungswissenschaft, insbesondere Hochschuldidaktik. Internationale Forschungsaufenthalte führten sie u. a. an die Harvard University, Stanford University und die London School of Economics (LSE). Sie bringt ihre Expertise in europäische und globale Forschungsinitiativen ein, berät EU-Institutionen und ist gewähltes Mitglied im Board of Governors der Academy of Management (AOM). Ihre Forschung und Lehre fokussieren auf studierendenzentrierte Hochschullehre, Bildungsinnovation, organisationales Lernen und gesellschaftliche Transformationsprozesse durch Lehren und Lernen. An der Universität St.Gallen leitet sie mehrere Horizon Europe-Forschungsprojekte in den Bereichen Landwirtschaft, Bildung, Governance und Technologie. Gemeinsam mit ihrem interdisziplinären Team bringt sie sozialwissenschaftliche Perspektiven in europäische Forschungsallianzen ein – mit dem Ziel, evidenzbasierte, partizipative und effektive Lösungen für zentrale Zukunftsfragen zu entwickeln.
Mit einem Budget von 95,5 Milliarden Euro für den Zeitraum 2021–2027 ist Horizon Europe das bisher grösste Forschungs- und Innovationsprogramm der EU. Das Rahmenprogramm der Europäischen Union für Forschung und Innovation zielt darauf ab, die Wettbewerbsfähigkeit und das Innovationspotenzial Europas durch exzellente Forschung zu fördern. Zentrale Pfeiler des Programms sind: Wissenschaftsexzellenz, die durch den Europäischen Forschungsrat und die Marie-Skłodowska-Curie-Aktionen gefördert wird; Globale Herausforderungen und industrielle Wettbewerbsfähigkeit Europas, um Projekte in Bereichen wie Gesundheit, Klima, Energie und Mobilität zu unterstützen sowie Innovatives Europa, um das Innovationspotenzial durch den Europäischen Innovationsrat und das Europäische Innovations- und Technologieinstitut zu stärken.
Seit Januar 2025 können Schweizer Forschende wieder am EU-Forschungsprogramm teilnehmen und eigene Forschungsthemen auf die Agenda setzen. Die Schweiz war über drei Jahre von Horizon Europe ausgeschlossen: «Trotz des Ausschlusses der Schweiz aus Horizon Europe bis Ende 2023 ist es uns im Anschluss gelungen, als assoziierte Partner vier Projekte einzuwerben. Das unterstreicht sowohl die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Forschung als auch die Stärke unseres Netzwerks», betont Professorin Sabine Hoidn. Die EU-Projekte, an denen die HSG als assoziierte Partnerin beteiligt ist, liefern nicht nur inhaltliche Impulse, sondern schaffen – mit einer Gesamtfördersumme von etwa 4,5 Millionen Euro – gezielt Kapazitäten für Forschung, Bildung und den Ausbau internationaler Kooperationen.
Horizon Europe versteht wissenschaftlichen Fortschritt nicht nur technologisch, sondern auch gesellschaftlich. Um dieses Bekenntnis zu Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung umzusetzen, definiert die Europäische Kommission, dass Sozial- und Geisteswissenschaften integraler Bestandteil aller thematischen Cluster in Horizon Europe sein sollen – gerade in Cluster 6, der sich mit Landwirtschaft, Umwelt, Bioökonomie und natürlichen Ressourcen befasst. Hier sind ökologische, technologische und gesellschaftliche Fragestellungen untrennbar miteinander verwoben – etwa bei nachhaltiger Landnutzung, Biodiversität oder der Transformation von Ernährungssystemen: «Unsere Aufgabe ist es, gesellschaftliche Auswirkungen zu analysieren, soziale Innovationen mitzugestalten, Governance-Modelle zu entwickeln und Stakeholder partizipativ einzubinden», so Professorin Hoidn über die unverzichtbare Perspektive der Sozial- und Geisteswissenschaften für den Erfolg von Horizon-Europe-Projekten.
Um die Forschungsaktivitäten langfristig institutionell zu bündeln und strategisch weiterzuentwickeln, gründete Sabine Hoidn zum 1. Januar 2026 das Competence Centre for Education and Social Transformation (CEST). Das am IIDM-HSG in enger Verbindung mit der School of Humanities and Social Sciences (SHSS) angesiedelte Zentrum schafft eine strategische Plattform für interdisziplinäre Transformationsforschung und stärkt die sozialwissenschaftliche Perspektive in europäischen Forschungsallianzen.
Prof. Dr. Sabine Hoidn ist Titularprofessorin für Erziehungswissenschaft, Hochschullehre und sozialwissenschaftliche Transformationsstudien an der Universität St.Gallen.
