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Staatliche Liquiditätssicherung

«Geht der Bank die Liquidität aus, scheitert jede Strategie»

Die Abwicklung von systemrelevanten Banken wie die UBS ist ein heiss diskutiertes Thema, das auch die Universität St.Gallen beschäftigt.

Prof. Dr. Seraina Grünewald forscht seit vielen Jahren zur staatlichen Liquiditätssicherung und zum Too-big-to-fail-Regelwerk. Ihre Expertise ist auf nationaler und internationaler Ebene gefragt. Unter anderem wurde ihr Diskussionsbeitrag im Ständerat angehört.

Geht es um den Public Liquidity Backstop (PLB) ist die Haltung von Seraina Grünewald klar. «Für die Bankenabwicklung braucht es den PLB. Jede Abwicklungsstrategie scheitert, wenn der Bank die Liquidität ausgeht. Ohne Liquidität kann eine Bank nicht restrukturiert und können ihre systemrelevanten Funktionen nicht fortgeführt werden», betonte sie im Frühjahr 2025 vor der Kommission für Wirtschaft und Abgaben des Ständerats. Sie war eine von vier Professorinnen und Professoren, die während der Beratung des Geschäftes im Bundeshaus angehört wurde.

Expertise im In- und Ausland gefragt

Von ungefähr kommt es nicht, dass die in Bern aufgewachsene Professorin für Internationales Wirtschaftsrecht und Finanzrecht bei Behörden im In- und Ausland eine gefragte Expertin ist. Schon seit 2008, als im Zuge der grossen Finanzkrise die Investmentbank Lehmann Brothers kollabierte, forscht Seraina Grünewald zum Umgang mit Bankenkrisen. Während der Ausarbeitung ihrer Doktorarbeit verbrachte sie mehrere Monate beim Internationalen Währungsfonds in den USA, wo sie die Folgen der Finanzkrise und die Schaffung internationaler Standards zur Abwicklung von Banken hautnah miterlebte. Mit der Krise der Credit Suisse im Jahr 2023 zeigte sich erneut die Brisanz des damals gewählten Themas.

Die Bankenabwicklung gehört zusammen mit den Bereichen Zentralbanken, Digitalisierung von Geld und Entwicklung von nachhaltigen Wirtschaftsprozessen zu den Forschungsschwerpunkten von Seraina Grünewald. Unter anderem hat sie in den letzten Jahren den Internationalen Währungsfonds, die Europäische Zentralbank, den Europäischen Stabilitätsmechanismus und die Finma beraten. Ihre Forschung spricht durch die wirtschaftlich und gesellschaftlich relevanten Themen ein breites Publikum an.

«Jetzt gilt es, aus der CS-Krise die richtigen Lehren zu ziehen – und dazu gehört ganz eindeutig die Notwendigkeit des Public Liquidity Backstop.»
Seraina Grünewald

Fragerunde dauerte fast drei Stunden

Die Anhörung vor der ständerätlichen Kommission sei eine besondere Ehre gewesen, betont Seraina Grünewald zur Einladung ins Parlament in Bern. Nach den Kurzpräsentationen der vier Professorinnen und Professoren hätten die Kommissionsmitglieder während fast drei Stunden Fragen gestellt. In ihrem Diskussionsbeitrag stellte die HSG-Professorin zunächst klar, dass es weder bei der Abwicklung noch beim PLB darum geht, eine Krisenbank zu retten. «Die Abwicklung bietet eine Lösung, um volkswirtschaftliche Schäden abzuwenden und den Einsatz von Steuergeldern zu minimieren», erklärte sie. Dabei könnten verschiedene Strategien verfolgt werden.

Um zu unterstreichen, dass eine Bank ohne Liquidität nicht restrukturiert und ihre systemrelevanten Funktionen nicht fortgeführt werden können, verglich Seraina Grünewald die Bankenabwicklung mit einem Eingriff am offenen Herzen. «Gehen die Blutkonserven aus, kann der Eingriff noch so präzise durchgeführt werden, die Patientin stirbt trotzdem. Mit dem PLB stellt der Bund diese Blutkonserven nötigenfalls zur Verfügung. Er garantiert der SNB die Rückzahlung der Liquidität und nimmt damit ein Verlustrisiko auf sich.» Um dieses Verlustrisiko zu minimieren, sehe die PLB-Vorlage richtigerweise verschiedene Schutzvorkehrungen vor. Als ein Beispiel nannte die Professorin die Ausgestaltung des PLB als Letztsicherung. Er komme erst dann zum Tragen, wenn andere Liquiditätsquellen versiegt seien. Zudem stehe er nur in der Abwicklung zur Verfügung. Brauche eine Bank den PLB, werde sie zwingend abgewickelt. 

Ausgezeichnete Lehre

Kleine Erinnerung im Büro von Seraina Grünewald, dass Studierende ihre forschungsbasierte Lehre schätzen.

Diskussionsbeitrag zum «Public Liquidity Backstop»

Drei Stunden lang stand Seraina Grünewald nach ihrem Diskussionsbeitrag zum «Public Liquidity Backstop» den Mitgliedern der ständerätlichen Kommission Rede und Antwort.

Den Kreis der systemrelevanten Banken erweitern

Für Seraina Grünewald war es in der Anhörung wichtig zu betonen, dass über den PLB erst dann sinnvoll beraten werden kann, wenn die Parlamentarierinnen und Parlamentarier wissen, was und wen er finanzieren soll. «Die jetzige Vorlage ist ungenügend auf die nötigen Anpassungen bei der Abwicklungsregulierung abgestimmt. Erstens muss das Gesetz die verschiedenen Abwicklungsstrategien umfassender regeln. Insbesondere die Strategie Marktaustritt durch Verkauf ist als Alternative zur Fortführung und Restrukturierung der Bank besser zu verankern», gab sie den Kommissionmitgliedern zu bedenken. Dazu gehöre auch die Eigenmittelunterlegung der ausländischen UBS-Töchter, denn diese sei unmittelbar relevant für die Durchführbarkeit einer solchen Strategie. «Die Eigenmittelfrage gibt zu besonders hitzigen Diskussionen Anlass und steht im Zentrum der politischen Debatte um die zukünftige Regulierung, insbesondere der UBS als verbleibende Schweizer Grossbank. Sie bedauere dies ein wenig, erklärt Seraina Grünewald. «Die Liquidität ist ein ebenso wichtiges Stück des Puzzles.»  

Als Notwendigkeit erachtet die HSG-Professorin auch, den Kreis der Banken zu erweitern, die bei einem Ausfall abgewickelt werden können. «Von vielen der sogenannt mittelgrossen Banken wie Julius Bär, Valiant und verschiedene Kantonalbanken geht bei einem Ausfall ein systemisches Risiko aus. Es kann schnell zu Ansteckungseffekten kommen. Deshalb ist es sinnvoll, eine ordentliche Abwicklung dieser Banken zu planen.» Ein Konkurs bleibe trotzdem möglich. «Kluge umfassende und vorausschauende Abwicklungsregeln sind der beste Schutz für den Public Liquidity Backstop. Funktioniert die Abwicklung, entstehen dem Bund aus dem PLB keine Verluste.»

Gesellschaftlich und politisch relevante Forschung

An der Universität St.Gallen forscht und lehrt Seraina Grünewald seit anfangs 2024. Ihr aktueller Beitrag zur Diskussion um den Public Liquidity Backstop passe ihrer Meinung nach sehr gut in das Bestreben der Universität St.Gallen, gesellschaftlich und politisch wichtige Forschungsthemen aufzugreifen, betont sie. In einem Land wie der Schweiz, in dem die Banken innerhalb der Wirtschaft eine wichtige Rolle spielten, sei es von besonderer Bedeutung, dass die Voraussetzungen für eine funktionierende Bankenabwicklung geschaffen würden. «Die CS-Krise ist schon anders abgelaufen als die UBS-Rettung 2008, dank den damals ergriffenen regulatorischen Massnahmen. Jetzt gilt es, aus der CS-Krise die richtigen Lehren zu ziehen – und dazu gehört ganz eindeutig die Notwendigkeit des Public Liquidity Backstop», sagt Seraina Grünewald abschliessend. 

Prof. Dr. Seraina Grünewald forscht und lehrt seit 2024 an der Universität St. Gallen. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Zentralbanken, Digitalisierung von Geld und Entwicklung von nachhaltigen Wirtschaftsprozessen.

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