
Ein Forschungsartikel über die Divergenz von ESG-Ratings ist in kurzer Zeit zu einem der meistzitierten Papers der Universität St.Gallen geworden.
Nachhaltiges Finanzwesen hat sich zu einem wichtigen Phänomen auf den Finanzmärkten entwickelt, ist aber immer noch ein neues Gebiet. «Das bedeutet, dass jeden Tag neue Dinge geschehen. Es ist wichtig, in diesem Bereich immer wieder Innovationen einzuführen und kritisch zu bewerten, was geschieht», betont Julian Kölbel, der sowohl Finanzwissenschaftler als auch Umweltwissenschaftler ist. Seit 2022 lehrt und forscht er am Center for Financial Services Innovation am (FSI-HSG).
Seine Forschungsarbeit über die Divergenz von ESG-Ratings ist in der Branche bekannt und wird in der akademischen Literatur häufig zitiert. Zum Thema stiess er im Rahmen seiner Zeit als Post-Doc an der Sloan School of Management des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Dort war er Mitbegründer des Aggregate Confusion Project, das zum Ziel hat, die Transparenz und Vergleichbarkeit von ESG-Daten zu erhöhen. Noch heute ist er ein Forschungspartner am MIT Sloan. Nachhaltigkeit liege ihm sehr am Herzen, erklärt Julian Kölbel. «Mein Ziel ist es, Forschung zu betreiben, die die Welt zu einem nachhaltigeren Ort macht.» Er untersucht, wie moralische Werte und Überzeugungen finanzielle Entscheidungen, Vermögenspreise und die Realwirtschaft beeinflussen.
«Anbieter von ESG-Ratings sind zu einflussreichen Institutionen geworden. Nachhaltiges Investieren ist in der letzten Dekade gewaltig gewachsen, wobei die Zahlen aktuell stagnieren. Ein Grossteil der Anleger verlässt sich auf die Ratings, um eine Bewertung der ESG-Leistung von Unternehmen durch Dritte zu erhalten», erklärt Julian Kölbel sein Interesse an der Divergenz von ESG-Ratings. Eine wachsende Zahl akademischer Studien stützten sich bei ihrer empirischen Analyse ebenfalls auf sie. «Infolgedessen beeinflussen ESG-Ratings zunehmend Entscheidungen mit potenziell weitreichenden Auswirkungen auf Vermögenspreise und Unternehmenspolitik.»
«Mein Ziel ist es, Forschung zu betreiben, die die Welt zu einem nachhaltigeren Ort macht.»
Das Problem dabei sei, dass die ESG-Bewertungen verschiedener Anbieter erheblich voneinander abweichen würden. «In unserem Forschungsartikel ‹Aggregate Confusion: The Divergence of ESG Ratings› haben wir drei Hauptfaktoren identifiziert, die zu den Unterschieden in den Ratings beitragen. Es handelt sich um Umfang, Messung und Gewichtung», betont der HSG-Professor. Diese Uneinigkeit habe mehrere wichtige Konsequenzen. «Erstens wird es dadurch schwierig, die ESG-Leistung von Unternehmen, Fonds und Portfolios zu bewerten, was der Hauptzweck von ESG-Ratings ist. Zweitens verringert die Divergenz der ESG-Ratings die Anreize für Unternehmen, ihre ESG-Leistung zu verbessern. Die Unternehmen erhalten von den Rating-Agenturen gemischte Signale darüber, welche Massnahmen zu erwarten sind und vom Markt bewertet werden.»
Julian Kölbel nennt weitere Bereiche, in denen die Divergenz von ESG-Ratings zu Fehlinterpretationen führt. Es bestehe beispielsweise die Gefahr, den Effekt der ESG-Leistungen auf Aktienkurse abzuschwächen und sie sei eine Herausforderung für die empirische Forschung, da die Verwendung eines Ratings gegenüber einem anderen die Ergebnisse und Schlussfolgerungen einer Studie verändern könne. «Die Divergenz der ESG-Ratings führt zu Unsicherheiten bei allen Entscheidungen, die auf der Grundlage von ESG-Ratings getroffen werden, und stellt daher eine Herausforderung für eine Vielzahl von Entscheidungsträgern dar», lautet sein Fazit.
Der HSG-Professor stellt klar, dass der Forschungsartikel «Aggregate Confusion: The Divergence of ESG Ratings» keine Lösungen für die Divergenz von ESG-Ratings präsentiert. Die Ergebnisse aber hätten wichtige Implikationen für Forscher, Investoren, Unternehmen, Rating-Agenturen und Regulierungsbehörden. «Was die Ratingagenturen betrifft, so fordern unsere Ergebnisse mehr Transparenz. Den Unternehmen zeigen sie, dass die Meinungen über ihre ESG-Performance sehr unterschiedlich ausfallen. Und den Anlegern erklärt sie, warum ein Unternehmen unterschiedliche Bewertungen von verschiedenen Rating-Agenturen erhalten hat.» Forschern werde geraten, die Daten, die künftigen ESG-Studien zugrunde liegen, noch sorgfältiger auszuwählen.
Gerade weil das Thema der Divergenz von ESG-Ratings noch einer Lösung entbehre, habe es ihn besonders gefreut, dass die Publikation des Forschungsartikels im Oxford-Journal «Review of Finance» im Jahre 2022 eine breite Diskussion zum Thema ausgelöst habe. «Er wurde nicht nur an der Universität St.Gallen in kurzer Zeit zu einem der meistzitierten Papers, sondern erfuhr auch ein grosses Medienecho und fand in vielen akademischen Studien Erwähnung. Wir haben offensichtlich einen Nerv getroffen», betont Julian Kölbel. Eugene Scalia, ehemaliger Arbeitsminister der USA, habe die Ergebnisse des Forschungsartikels beispielsweise in einer Stellungnahme in der New York Times genutzt, um seine Besorgnis über die Rentensicherheit für amerikanische Arbeitnehmende auszudrücken, nennt er ein Beispiel aus dem grossen Medienecho. «Andererseits haben manche Rating Agenturen das Paper auch als Chance genutzt, um sich durch methodische Transparenz im Markt zu profilieren. Die Kritik hat die Branche letzten Endes verbessert, auch wenn wir manchen Leuten auf die Füsse getreten sind.»
Die Aufmerksamkeit, welcher der Forschungsartikel erfuhr, hat laut Julian Kölbel mehrere neue Türen geöffnet. So hat er beispielsweise für sein laufendes Forschungsprojekt zum Thema «Nachhaltiges Investieren» einen Starting Grant des Schweizerischen Nationalfonds erhalten. Dieses Projekt soll eine wissenschaftliche Grundlage dafür schaffen, dass nachhaltige Geldanlagen ihr grosses Versprechen auch einlösen können. Das Ziel ist zu verstehen, ob und wie sich individuelle Präferenzen für Nachhaltigkeit in Veränderungen in der Realwirtschaft niederschlagen.
Für ihn sei es ein Glücksfall als HSG-Assistenzprofessor und mit einem Starting Grant ausgerüstet seine Forschung vorantreiben zu können, betont Julian Kölbel. Doch nicht nur der Forschung zur Nachhaltigkeit misst er grossen Wert zu, sondern auch der Lehre. «Mir ist es wichtig, den Studierenden aufzuzeigen, dass auch und gerade im Bereich Nachhaltigkeit die klassischen Tugenden zählen: Genau hinsehen, Datenpunkte kritisch hinterfragen, den Kontext verstehen, und Entscheidungen auf einer soliden Basis treffen.»
Prof. Dr. Julian Kölbel arbeitet als Assistenzprofessor in nachhaltiger Finanzwirtschaft am Center for Financial Services Innovation an der Universität St.Gallen (FSI-HSG). Er ist Swiss Finance Institute (SFI) Faculty Member und Forschungsmitglied am MIT Sloan, wo er Mitbegründer des Aggregate Confusion Projects ist.
