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Forschung - 25.01.2021 - 00:00

Wie Darmbakterien unsere Entscheidungen beeinflussen

Faszinierende neue Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung zeigen, dass die Bakterien in unserem Darm erheblichen Einfluss auf unser Verhalten und unsere Persönlichkeit haben. In einer interdisziplinären Studie wollen Forscher der Universitäten St.Gallen und Bern besser verstehen, wie die Zusammensetzung der Darmflora unsere Entscheidungen beeinflusst.

25. Januar 2021. Die medizinische und mikrobiologische Forschung erforscht seit langer Zeit die Wechselwirkungen zwischen unserem Darm und unserem Gehirn. Neben weiteren Mechanismen ist einer der Hauptwege für die Kommunikation der Vagusnerv. Dieser Nerv erstreckt sich über weite Bereiche unseres Körpers und verbindet neben anderen Körperorganen auch den Darm direkt mit unserem Gehirn.

Die Kommunikation findet mittels verschiedener Botenstoffe, sogenannter Neurotransmitter wie Serotonin und Dopamin, statt. Emotionen, Stressresistenz und Schmerzwahrnehmung lassen sich über diese Botenstoffe steuern. Sowohl im Darm als auch im Gehirn werden diese Botenstoffe produziert und erlauben somit eine wechselseitige Beeinflussung.

Die Rolle der Darmflora in der Darm-Hirn Kommunikation

Eine der faszinierendsten und einflussreichsten Erkenntnisse aus dem vergangenen Jahrzehnt ist, dass den Mikroorganismen in unserem Darm (auch intestinales Mikrobiom genannt) eine bedeutsame Rolle in der Kommunikation zwischen Darm und Gehirn zukommt.

In einem einzigen Gramm Darminhalt finden sich mehr Mikroorganismen als Menschen auf der Erde. Insgesamt ist der Darm mit etwa 100 Billionen Bakterienzellen besiedelt, welche bis zu 2 Kilogramm wiegen können. Die allermeisten Bakterien sind «gut» und helfen Nahrung zu verarbeiten, eine gesunde Verdauung zu fördern und das Immunsystem zu unterstützen.

In Bezug auf die Darm-Hirn Kommunikation tragen die Bakterien der Darmflora dazu bei, dass wesentliche Botenstoffe zur Verfügung stehen. Ein wichtiger Baustein für die Produktion des «Glückshormons» Serotonin ist beispielsweise die Aminosäure Tryptophan, welche von der Bifidobakterien-Population der Darmflora bereitgestellt wird. Die Prävalenz dieser Bakterien kann folglich den Serotonin-Spiegel und damit das seelische Wohlbefinden massgeblich beeinflussen. Die Folgen eines Serotoninmangels können von Antriebslosigkeit, Reizbarkeit und Ängstlichkeit bis zur Depression reichen. Ähnliche Zusammenhänge bestehen für weitere Bakterien-Populationen und Botenstoffe. Es gibt zudem Hinweise darauf, dass einige Arten von Darmbakterien direkt Botenstoffe produzieren können.

Der Einfluss der Darmflora auf Entscheidungen und Persönlichkeit

Mit dem anhaltenden Fortschritt der Forschung auf diesem Gebiet werden mehr und mehr Verbindungen zwischen dem intestinalen Mikrobiom und unserem Gehirn aufgedeckt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass unsere Darmbakterien an unserem Sozialverhalten, unserer Kognition und der Entstehung von neurodegenerativen (z.B. Alzheimer, Parkinson) und psychischen Erkrankungen (z.B. Depression, Angststörungen) beteiligt sind.

Der wissenschaftliche Beitrag der Studie der Universität St.Gallen und der Universität Bern ist es, besser zu verstehen, wie das intestinale Mikrobiom unsere Entscheidungen in verschiedenen Lebensbereichen beeinflusst. Die bisherigen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass ein Zusammenhang bestehen könnte zur Bereitschaft, Risiken einzugehen, zu Selbstkontrolle und Ungeduld, oder auch zur Bereitschaft, anderen Menschen zu helfen. Die aktuelle Studie liefert somit einen Beitrag dazu, bestehende Erkenntnisse aus der medizinischen und mikrobiologischen Forschung auf gesellschaftlich relevante Fragestellungen in der ökonomischen Forschung zu übertragen.

Kriterien für eine Teilnahme an der Studie

Wer alle Kriterien für die Teilnahme erfüllt, kann einfach von zuhause an der Studie teilnehmen. Neben einer Vergütung erhalten die Teilnehmenden zudem eine kostenlose Laboranalyse ihres intestinalen Mikrobioms, sofern sie dies wünschen. Anmeldung und weitere Informationen: mikrobiom-studie.ch (Anmeldung möglich bis zum 7. Februar 2021)

Bild: Shutterstock / Kateryna Kon

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