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Forschung - 01.09.2022 - 00:00

Studie zur Unternehmensnachfolge: Emotionen erschweren Übergabe in Schweizer Familienbetrieben

Wirtschaftsfachleute der HSG und Credit Suisse haben den Planungs- und Übergabeprozess der Unternehmensnachfolge genau unter die Lupe genommen. Die Umfrage unter 150 Unternehmer:innen in der Schweiz zeigt, dass Firmen im Vorteil sind, die sich frühzeitige mit dem komplexen Prozess der Übergabe des Lebenswerks der Gründer:innen auseinandersetzen.

1. September 2022. Zum vierten Mal nach 2009, 2013 und 2016 publizieren das Center for Family Business der Universität St.Gallen (CFB-HSG) und die Credit Suisse zusammen eine Studie zum Thema Unternehmensnachfolge bei Schweizer Firmen. 

Die Nachfolgeplanung stellt für jeden Unternehmer und jede Unternehmerin eine der zentralsten strategischen Aufgaben überhaupt dar. Viele Inhaberinnen und Inhaber setzen sich in kurzen Zeitabständen sogar zweimal mit der Nachfolgethematik auseinander: Einmal als übernehmende und einmal als übergebende Partei. Die Studie zeigt, dass zwei Drittel der Unternehmerinnen und Unternehmer, die innerhalb der letzten zehn Jahre eine Nachfolge angetreten haben, bereits über ihre eigene Nachfolge nachgedacht und 15 % diese bereits formell geregelt haben. Doch vom eigenen Unternehmen Abschied zu nehmen, ist für viele nicht einfach, stellt die eigene Firma doch oft ein Lebenswerk dar. Davon zeugen auch die Umfrageresultate: In 80 % der realisierten Unternehmensübergaben während der letzten zehn Jahre erfolgte der Rückzug der Vorgängerin beziehungsweise des Vorgängers gesundheits- oder altersbedingt, die Unternehmensübergabe wird entsprechend meist bis zuletzt hinausgezögert.

Übergabe des Lebenswerks fällt nicht leicht

Viele Vorgängerinnen und Vorgänger können nur schweren Herzens von der Unternehmensführung loslassen und sind auch Jahre nach der Übergabe noch im Unternehmen anzutreffen: Gemäss Umfrage verbringt fast die Hälfte der abgebenden Generation auch zwei Jahre nach der Übergabe mindestens eine Stunde pro Woche in der Firma. Einerseits können Nachfolgende von Übergebenden profitieren: Mehr als die Hälfte der befragten Nachfolgenden gab an, dass sie bei schwierigen Entscheidungen auf die beratende Stimme der Vorgängerin beziehungsweise des Vorgängers zählen konnte. 

Andererseits kann deren Präsenz Nachfolgende daran hindern, die unternehmerische Eigenständigkeit zu entwickeln.  Deshalb ist es wichtig, die verschiedenen Zuständigkeiten durch eine klare Aufgabenteilung zu regeln: Rund 75 % der befragten Unternehmerinnen und Unternehmer erachten diesen Aspekt als sehr wichtig für einen erfolgreichen Übergabeprozess. «Als übernehmende Partei gilt es abzuwägen, ob der Nutzen, welchen der Nachfolger aus den Erfahrungen des Vorgängers ziehen kann, die Kosten bezüglich unerwünschter Einflussnahme und dem damit verbundenen Konfliktpotenzial überwiegt», sagt Marie Klein, Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin beim CFB-HSG. Denn Konflikte sind während der Übergabe nicht unüblich: In der Umfrage gaben immerhin 27 % der Unternehmerinnen und Unternehmer an, dass sie während des Übergabeprozesses konfliktreiche Momente erlebten.

Zwischen fachlicher Beratung und Emotionen

Im Rahmen der Unternehmensnachfolge werden auch verschiedene Themen angesprochen, für die das nötige Fachwissen im eigenen Unternehmen oftmals nicht vorhanden ist oder für deren Bearbeitung schlichtweg die Zeit fehlt, weshalb externe Hilfe benötigt wird. Gemäss Umfrage sehen rund drei Viertel der befragten Unternehmerinnen und Unternehmer bei Steuerfragen einen gewissen bis sehr hohen entsprechenden Bedarf. Auch beim strategischen Vorbereiten der Firma auf die Übergabe und bei finanziellen Fragestellungen wird gerne auf externe Beratung vertraut: Jeweils rund 40 % sehen hier einen gewissen oder sehr hohen Bedarf an Unterstützung. «Eine rechtzeitige und gründliche Finanzplanung erhöht den Handlungsspielraum für den abtretenden Geschäftsführer, beispielsweise um Optimierungspotenzial bei der Vorsorge zu erschliessen, ohne gleichzeitig die Finanzen der Firma kurzfristig zu belasten», sagt Prof. Dr. Thomas Zellweger, Direktor des CFB-HSG. 

Externe Faktoren berücksichtigen

Zudem können unvorhergesehene Ereignisse den Zeitpunkt oder die Ausgestaltung der Übergabe beeinflussen. Die Veränderungen des wirtschaftlichen Umfelds im Zuge der Coronapandemie haben einige Unternehmerinnen und Unternehmer dazu bewogen, ihre eigene Betriebsübergabe vorzuziehen: In 6 % der Fälle wurde dies berichtet (vgl. Abb.). Aber auch ein Schicksalsschlag oder Druck seitens Konkurrenz, der eigenen Familie oder Geschäftspartnerinnen und -partner können den Nachfolgeprozess unverhofft beschleunigen. «Wer frühzeitig die Weichen für eine reibungslose Übergabe stellt und sich Jahre vor der eigentlichen Übergabe mit dem emotionalen Thema auseinandersetzt, ist im Vorteil», sagt Alexandra Bertschi, Verantwortliche für die Fachführung der KMU-Nachfolgeplanung bei der Credit Suisse.

Über die Umfrage

Wie bei den früheren Ausgaben basiert die aktuelle Studie auf einer Umfrage bei Unternehmerinnen und Unternehmern: Über 150 kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie Grossunternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitenden haben an der Umfrage teilgenommen. Es handelt sich bei den befragten Firmen um Unternehmen, die innerhalb der letzten zehn Jahre eine Nachfolgelösung umgesetzt haben und/oder bei denen eine Übergabe in den nächsten zehn Jahren bevorsteht. Zwar ermöglichen diese beiden zeitlichen Einschränkungen keine direkten Vergleiche zu früheren Erhebungen, doch sie erhöhen die Qualität der Ergebnisse, da die Umfrage auf diejenigen Unternehmen fokussiert, für welche die Nachfolge besonders relevant ist. Die Erhebung wurde im März und April 2022 auf anonymer Basis durch die Credit Suisse durchgeführt. Die anonymisierten Daten wurden vom CFB-HSG und der Credit Suisse aufbereitet und ausgewertet.

Die Nachfolgestudie 2022 «Unternehmensnachfolge in der Praxis» sowie weiterführende Informationen zum Thema finden Sie unter www.credit-suisse.com/nachfolge.

Bild: Adobe Stock / contrastwerkstatt

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