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Forschung - 29.04.2022 - 00:00

Ist Selbständigkeit ein Schlüssel zum Glück?

Der Traum von einem Leben als UnternehmerIn hat auf viele Menschen eine grosse Anziehungskraft. Doch wird man mit diesem Lebensentwurf wirklich glücklicher, als wenn man in einem Angestelltenverhältnis arbeitet? Dieser Frage widmet sich eine neue Metastudie, an welcher eine Forscherin der Universität St.Gallen (HSG) beteiligt war.

29. April 2022. Die aktuelle Studie fasst die Ergebnisse aus 94 Forschungsarbeiten über einen Zeitraum von 40 Jahren und aus 82 Ländern quantitativ zusammen. Das Fazit: Es lohnt sich tendenziell, den Angestelltenjob an den Nagel zu hängen und ein eigenes Unternehmen zu gründen, denn Selbstständige weisen in der Regel ein signifikant höheres Mass an Wohlbefinden auf als Angestellte. Dies noch mehr, wenn die unternehmerische Tätigkeit eine bewusste Entscheidung war und nicht durch Umstände erzwungen wurde. Die Quelldaten der Metaanalyse umfassten quantitative Studien aus einer Reihe von Disziplinen wie BWL mit Fokus auf Unternehmertum und Management, aber auch VWL und Psychologie und Medizin. Insgesamt analysierte die Untersuchung zu Wohlbefinden und Unternehmertum somit die Ergebnisse von 6,7 Millionen einzelnen Befragten.

Mehr Autonomie macht zufriedener

Einer der Hauptgründe für die höhere Zufriedenheit bei Selbständigen ist das hohe Mass an Autonomie, durch das sich Unternehmertum kennzeichnet. Viel stärker als Angestellte können UnternehmerInnen ihre Arbeit (und ihr Unternehmen) entsprechend ihren Fähigkeiten und Werten gestalten, und entscheiden, wann, wie, woran, und mit wem sie arbeiten. «Autonomie ist eine wichtige Ressource für Wohlbefinden, da sie uns ermöglicht, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen und selbstregulierte Handlungen vorzunehmen, die grundlegende psychologische Bedürfnisse befriedigen», sagt Prof. Dr. Isabella Hatak vom Schweizerischen Institut für KMU und Unternehmertum der Universität St.Gallen (KMU-HSG). Sie hat die Studie in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Ute Stephan vom King’s College London und Prof. Dr. Andreas Rauch von der Audencia Business School durchgeführt. «Unsere Erkenntnisse sind auch relevant für die Ausgestaltung von zukünftigen Arbeitsbedingungen, die zunehmend unternehmerische Charakteristika wie Flexibilität, Autonomie, Verantwortung aufweisen, insbesondere für strategische Führungskräfte, die ihre Wohlbefindensressourcen und Stressoren mit UnternehmerInnen teilen.»

Schwache Rechtssysteme stressen

Eine Erkenntnis der Studie ist aber auch, dass sich das Wohlbefinden der UnternehmerInnen auch von institutionellen Rahmenbedingungen beeinflussen lässt. So ist etwa Rechtssicherheit essentiell für ihr Glück, sogar noch wichtiger als die wirtschaftliche Entwicklung gemessen am BIP. Länder mit einer ausgeprägten Rechtssicherheit haben wirksame und faire Rechtssysteme, sichere Eigentumsrechte, wenig Korruption und werden demokratischer regiert. In solchen Ländern können UnternehmerInnen sicher sein, dass sie die Früchte ihrer Bemühungen und Investitionen ernten und sich durch ihr Unternehmen selbst verwirklichen können. Umgekehrt wird Unternehmertum in Ländern mit schwacher Rechtssicherheit stressiger und UnternehmerInnen sind sogar weniger glücklich, als Angestellte, erklärt Isabella Hatak. «Jüngste Forschung zeigt, dass eine Verschlechterung der Rechtssicherheit den Einstieg in das Unternehmertum verhindert. Durch Investitionen in Rechtssicherheit können politische EntscheidungsträgerInnen also sowohl die Zahl der Gründungen von Unternehmen als auch das Wohlergehen derjenigen, die sie leiten, steigern.»

Digitale Kommunikation trübt das Wohlbefinden

Die Möglichkeit, Daten über einen so langen Zeitraum zu untersuchen, ermöglichte es dem internationalen Forschungsteam, längerfristige Veränderungen zu verstehen. Dabei zeigte sich, dass die Zufriedenheit bei Selbständigen seit dem Jahr 2000 leicht abgenommen hat. Dies ist unter anderem durch die Zunahme digitaler Kommunikation zu erklären, die dazu geführt hat, dass UnternehmerInnen immer erreichbar sind, was deren Stresslevel zusätzlich erhöhte.

Trotz des signifikanten Ergebnisses von gesteigertem Wohlbefinden bei UnternehmerInnen verneint Isabella Hatak, dass Selbständige weniger negative Gefühlszustände oder psychische Herausforderungen haben als Angestellte: «Unternehmertum macht glücklicher, aber nicht weniger unglücklich.»

Bild: Unsplash / Avi Richards

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